Finnischer Dämon

Oranssi-Pazuzu-Mestarin-kynsiBislang ist mir die finnische Band Oranssi Pazuzu kein Begriff gewesen, höre ich doch nur in Ausnahmefällen in schwarzmetallische Gefilde rein. Doch bei dem Namen wurde ich neugierig, denn Pazuzu ist im alten Babylon der Dämon des Windes und hat als solcher auch eine Rolle im Film Der Exorzist. Die Band wurde 2007 gegründet und besteht aus Sänger Juho „Jun-His“ Vanhanen, Bassist Toni „Ontto“ Hietamäki, dem Gitarristen Niko „Ikon“ Lehdontie, Jarkko „Korjak“ Salo an den Drums und Ville „Evil“ Leppilahti am Keyboard und den Percussions. Ihr neuestes und fünftes Album heißt Mestarin kynsi.

Zu Beginn hält sich „Ilmestys“ noch zurück, das Stück dient vor allem zum Stimmungsaufbau, auch wenn man bei über sieben Minuten Länge kaum von einem Intro reden kann. Zur repetitiven Melodie intoniert Jun-His einen ruhigen, aber gekrächzten Sprechgesang, der die Black-Metal-Wurzeln offenbart und gleichzeitig klingt, als wäre der Dämon Pazuzu höchstpersönlich am Start. Auffällig sind auch die zahlreichen Soundeffekte, die auch die weiteren Tracks nachhaltig prägen werden. „Tyhjyyden sakramentti“ nimmt im Anschluss die Atmosphäre weiter auf, gleichzeitig wird es noch psychedelischer vom Sound her, stellenweise auch brachialer. Bilder eines Gras rauchenden Goblins tauchen vor meinem inneren Auge auf. Irgendwie seltsam, aber nicht unangenehm. Gegen Ende des Stücks gerät das Ganze noch experimenteller. Doch das toppt „Uusi teknokratia“ noch. Ausufernde Synthie-Klänge wabern durch den Nebel, bis schließlich einen Gang hochgeschaltet wird und spacige Gitarren durch 70er Jahre-Endzeitfilme rocken. Das Schlagzeug wechselt dazu immer wieder den Rhythmus. Mit schrägen Geräuschen und orgelähnlichen Klängen klingt der Track ruhig aus.
„Oikeamielisten sali“ ist in der ersten Hälfte rein instrumental und gediegen ausgefallen, irgendwie drängend und mit einer orientalischen Note versehen. Diese nimmt zu, als schließlich der Gesang einsetzt, und irgendwo klingelt ein Telefon. Scheinbar geht niemand ran, aber diese krächzende Stimme würde ohnehin niemand verstehen. Als Untermalung für ein Lovecraft-Hörspiel ist das sicherlich bestens geeignet. Ist das ein Schifferklavier zu Beginn von „Kuulen ääniä maan alta“? Eins ist sicher, Oranssi Pazuzu wissen zu überraschen. Auch die progressiven Dance-Rhythmen, die sich dann entwickeln, hätte ich ganz bestimmt nicht im Dunstkreis von Black Metal erwartet, sondern eher im Rahmen einer drogengeschwängerten Goa-Trance-Party. Zum Abschluss startet „Taivaan portti“ unvermittelt mit breakdurchzogenen Blast Beats, dazu schleppen sich Synthie-Klänge Doom-ähnlich voran. Auch hier kratzt Jun-His stimmlich zuverlässig über die Rillen. Alles zusammen steigert sich zu einer schier nicht enden wollenden Kakophonie.

Fazit: Verdammt abgefahren und atmosphärisch sehr dicht produziert. Oranssi Pazuzu bewegen sich auf Mestarin kynsi zwischen Post Black Metal und Psychedelic Rock und scheuen auch das Experimentieren nicht. Insgesamt ist das nicht ganz meine Baustelle, aber wer ungewöhnliche und unkonventionelle Musik jenseits enger Genregrenzen mag, sollte den Trip mit dem finnischen Dämon wagen, denn Oranssi Pazuzu heben sich wohltuend vom musikalischen Mainstream ab. Man muss sich darauf einlassen, aber dann entwickelt sich ein bewusstseinserweiternder Film, der bei jedem Hörer unterschiedliche Assoziationen wecken wird. Davon abgesehen bin ich mir ziemlich sicher, dass sie längst und verdientermaßen eine eingeschworene Fangemeinschaft haben.

Anspieltipp: Uusi teknokratia

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Oranssi Pazuzu: Mestarin kynsi
Nuclear Blast, Vö. 17.04.2020
MP3 6,00 $ erhältlich über Bandcamp
CD 15,99 €, 2LP 22,99 erhältlich über Nuclear Blast

Homepage: http://www.oranssipazuzu.com/
https://www.facebook.com/oranssipazuzuband/
https://oranssipazuzu.bandcamp.com/
https://www.nuclearblast.de/de/

Tracklist:
01 Ilmestys
02 Tyhjyyden sakramentti
03 Uusi teknokratia
04 Oikeamielisten sali
05 Kuulen ääniä maan alta
06 Taivaan portti

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