cultusWenn Freibeuter nachdenklich werden

Cultus Ferox (lat. „wilde Lebensart“) ist eine Band, deren Mitglieder auf verschiedenen Hochzeiten tanzen. Nein, damit ist nicht gemeint, dass es sich um ein Band handelt, die man für ein solches Ereignis buchen kann (zumindest ist das bis dato nicht bekannt), sondern bezieht sich auf die Zusammensetzung. So kann der eine oder andere bei Corvus Corax, Tanzwut oder Wolgemut wiedererkannt werden. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum es nicht verwunderlich ist, dass sich diese Gruppe immer weiter entwickelt und neue Impulse deutlich zu hören sind.
Leider scheint es auch einen Nachteil zu geben, denn nachdem zwischen 2003 und 2007 sieben Tonträger erschienen sind, dauerte es sechs Jahre bis zum achten, dem hier vorgestellten Beutezug.

Wer sich auf reinen Mittelalterrock gefreut und eingestellt hat, wird enttäuscht. Wer sich erlaubt, über diesen Tellerrand hinaus zu hören, wird mitgerissen und bekommt ein Klangerlebnis, das seines Gleichen sucht.
Der fast allgegenwärtige harte Grundbeat treibt die Musik wie auf einer Welle voran, ohne die Melodie wegzuspülen. Technische Elemente runden nicht ab, sondern erweitern die Musik zu einer Mischung, auf die man sich einlassen muss. Gelingt dies, fällt es leicht zu genießen.

Sanfte Klänge leiten ein volltönendes „Ahoi“ ein. Der Gruß zeigt deutlich, dass Meer und Freiheit noch immer präsent bei dieser Gruppe sind und spricht direkt an. Der Text lässt eine Verknüpfung mit dem Schaffen von vor sechs Jahren zu und es ist zu spüren, dass sich Cultus Ferox freuen, wieder da zu sein. Wer will, kann in die Lyrics die eine oder andere Klippe hineininterpretieren, die in den letzten Jahren umschifft werden musste. Der Einstieg reißt noch nicht mit, hebt aber deutlich die Laune und macht Lust auf mehr. Brandanarius‚ Stimme wirkt noch immer jung und voller Tatendrang, der mit dieser Neuerscheinung endlich zufriedengestellt wird. Dies wird sich allerdings schon im nächsten Lied ändern.
Vielleicht beginnt das „Martyrium“ darum nach wenigen Takten mit einem Beat, der zum Aufspringen und Bangen auffordert. Das Nicken passt leider zu gut, denn es ist das Martyrium der Erde gemeint, die unter der Menschheit leidet. Tanzbare, energiegeladene Musik und nachdenklicher Text in einem spannenden Widerspruch. Wir werden aufgefordert, den Untergang zu tanzen, bis auch für uns das Leiden beginnt. Je nach Stimmung zum Feiern oder Nachdenken geeignet. Hat was Geniales.
Endlich die erwarteten Töne eines Dudelsacks, dazu natürlich Schlagwerk, was auch sonst sollte die „Goldenen Zeiten“ einleiten. Daraus wird Rock, der mit angenehmem, unartikuliertem Gesang unterlegt ist, bis Brandanarius beginnt. Sofort ist klar, dass der Titel des Stücks den Ausgangspunkt bildet, von dem aus die Apokalypse eingeleitet wird. „Wir drehen durch, haltet euch fest“, heißt es, aber irgendwie lässt einen die Musik die Hoffnung nicht ganz verlieren.
Unterstützt darin wird der Einzelne im nächsten Stück. Ruhig, aber noch immer mit rauchiger Stimme werden Vorschläge gemacht, wie mit den Unwegsamkeiten des Lebens umgegangen werden kann, wie man sich davon „Frei“ fühlen kann. Eine Ballade, die an dieser Stellen einen Bruch darstellt, der unerwartet kommt.
Zum „Feuertanz“ setzt ein elektronischer Beat ein, der in die Füße geht und gekonnt durch althergebrachtes Schlagwerk und Schalmeien abgelöst wird. Eine interessante Verschmelzung, ein Hin und Her, das Cultus Ferox in ihrer Gesamtheit gerecht wird.
„Inroitus“ wird nicht nur sehr beeindruckend von den Musikern eingeleitet, sondern gleichfalls von einer unsichtbaren Menge bejubelt. Es handelt sich um die Liveaufnahme dieses instrumentalen Stücks, das in mittelalterlicher Tradition verbleibt und diesem Aspekt der Gruppe alle Ehre macht. Einfach genießen.
Der Wechsel zum rockigeren „Wir wollen immer artig sein“ passiert ohne eine Unterbrechung und es dauert, bis der mehrstimmige Gesang, der aus dieser einen Zeile besteht, einsetzt. Auch wenn dies ein schöner Vorsatz ist macht die Vehemenz der Wiederholung die Aussage nicht glaubwürdiger.
„Grenzenlos“ scheint das Crossoverpotential zu sein. Druckvoll gestaltete Strophen wechseln mit einem zum Schunkeln einladenden Refrain. Ein Lied, das zum Feiern einlädt und auch für jenen etwas bereithält, der sich gerne mit dem beschäftigt, was hinter Worten und Sätzen zu finden sein mag.
Der längste Titel für das kürzeste Stück: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist ein überraschendes Zwischenspiel, das gedanklich nach Südamerika abschweifen lässt.
Synthetische Klänge, E-Gitarre und Schlagzeug machen den Anfang. Ersteres verliert sich, taucht aber später wieder auf, der Rest zieht sich konstant durch ohne größere Highlights. Es stellt sich die Frage, wer die „Helden“ in diesem Stück sein sollen? Vielleicht der anfangs erwähnte Totengräber, der seine Berufung ernst nimmt. Vielleicht sollte es als Aufforderung gesehen werden.
Auch der Titel „Heimatlied“ ist, wenn man die üblichen Assoziationen zugrunde legt, irreführend. Es ist eher ein Fernwehlied mit deutlich genervtem Unterton. Musikalisch mit weniger Schlenkern als auf dem restlichen Tonträger versehen, zeichnet der Text ein emotionales Bild von einer Person, die gerne in der weiten Welt unterwegs ist und sich eigentlich nicht damit abfinden will, dass es sie immer wieder nach Hause zurück zieht. „… bleib ich hier dann, werd‘ ich krank … Doch das Liebste aus der Heimat hab ich mir in die Seele tätowiert.“
Den Abschluss bildet „Mille Anni Passi Sunt“. Eingeleitet mit einem ungewöhnlichen, nicht musikalischen Intro wird es zu einer elektronisch-mittelalterlichen Version des bekannten Stücks. Es ist zu befürchten, dass sich spätestens hier die Geister scheiden werden.00-0-s7_cultus-ferox_080-2_klein

Abwechslungsreich und dadurch sehr interessant. Die Zeit verfliegt beim Abspielen dieses kurzweiligen Kunstwerks. Diese beiden Sätze hätte man so stehen lassen können, wenn nicht einige wenige Stücke aus dem selbst gesteckten Rahmen gefallen wären. Im Gegensatz zum Rest wirken sie uninspiriert, schon fast gewöhnlich, obwohl sie für sich genommen durchaus gelungen sind. Die aufgebaute Erwartung wird etwas enttäuscht.
Manch ein Fan oder Kritiker mag sich an der Vermischung der Stile stören. Aber wo kämen wir denn hin, wenn immer alle artig wären? Zumindest würde mit diesem Beutezug etwas fehlen, von dem so mancher nicht geahnt hätte, dass es ihm gefällt.
Ohr und Beine werden genauso angesprochen wie Verstand und Emotionen. Letztere nicht in romantischem Sinne. All dies macht die CD zu absolut hörenswerter Beutekunst.

Anspieltipp: „Martyrium“

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Cultus Ferox – Beutzug
Neo-Wannsee Records (2013)
15,99 €
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Tracklist:
Ahoi
Martyrium
Goldene Zeiten
Frei
Feuertanz
Introitus
Artig
Grenzenlos
Der frühe Vogel fängt den Wurm
Helden
Heimatlied
Mille Anni Passi Sunt

(1862)