CD-Review: Jorn – Traveller

Rabenflug mal anders

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Beim Anblick des durchaus ansprechenden Covers sollte einem der rote Baron in den Sinn kommen. Es darf auch Biggles sein. Letzterer würde besser zum Titel der Scheibe passen: Traveller.
Ein norwegischer Tripeldecker mit den Flügeln eines Rabenvogels und einem dazu passenden Piloten hinter dem Knüppel wirkt ungewöhnlich, aber wer Jorn kennt, kennt auch die Raben.
Dieser macht keinen glücklichen Eindruck als Reisender, oder reißt er den Schnabel aus purer Lebensfreude auf? Dafür scheint der Blick zu starr. Keine Ahnung, wohin die Reise führt, nur nicht der Sonne entgegen, die im Hintergrund durch die Wolken bricht.
Zumindest verspricht das Bild ungewisse Abenteuer und Gefahren. Wir werden hören.

Jorn Lande, ein Urgestein des norwegischen Metals, beweist ein weiteres Mal, dass sowohl Stimme als auch Texterqualitäten nicht mit der Zeit vergehen müssen. Bei diesem Album wurde er beim Schreiben erstmalig von den beiden Neuzugängen der Band, dem Gitarristen Trond Holter und dem Bassisten Bernt Jansen (beide ehemals bei Wig Wam und seit Herbst 2012 bei Jorn), unterstützt.
Musikalisch wird Metal geboten, der zwischen harten Gitarren und melodischen Parts schwer zu verorten, allerdings durchwegs hörenswert ist. Der Grundbeat reißt nur selten ab und ist gut zum Bangen geeignet. Das eine oder andere Lied mag manchem zu sanft erscheinen, der gehofft hat, der harte Stil würde durchgehalten werden, aber als schmachtende Ballade kann keines der Stücke bezeichnet werden. Die Mischung ist interessant, es wird ein wenig experimentiert, ohne allerdings die altbekannten Pfade völlig aus den Augen zu verlieren.

Mit einem grollenden Intro, das in einen satten Sound übergeht, beginnt „Overload“ und damit das Album. Was wie ein Luftkampf anfängt, wird zu einem Flug in die Freiheit. Gitarren geben die Geschwindigkeit vor und schrauben sich in einem aussagekräftigen instrumentalen Teil in die Höhe. Ein Song, der das Cover zum Leben erweckt.
„Cancer Demon“ beschäftigt sich mit dem Bösen, das in einem heranwachsen kann, der Möglichkeit, es mit Gift zu attackieren und den Folgen. Ein hartes Thema, das mit stetig voranschreitender Musik untermalt wird, ohne dass daraus eine Ballade wird. Der Mut geht nicht verloren. Jorn setzt auf die Wissenschaft, um diesen Dämon zu besiegen und möchte, dass sie genutzt wird, denn es kann jeden treffen: Freunde, Verwandte, einen selbst.
Dem „Traveller“ wird geraten, nicht umzukehren, denn es liegt ihm im Blut. Wir alle sind auf einer Reise, die uns an unsere Ziele und Wünsche bringen kann, wenn wir nicht stehen bleiben und uns nicht die Zeit einholt. Teilweise nachdenkliche Töne, die sich nicht in der Musik widerspiegeln, die einen eher auffordert, ihr zu folgen, in Bewegung zu bleiben.
„Window Maker“ – ohne das „n“ würde es vielleicht besser zu einem Metalalbum passen, hat zum Glück aber nichts mit Software zu tun. Passende Öffnungen gibt es viele, das Fenster zur Seele, der Blick in die Zukunft, von denen einige angesprochen werden. Ein Text, der für Spekulationen offen ist, mit einem Sound, der kompromisslos fordernd bleibt.
Es folgt ein vergleichsweise gemäßigtes Stück mit fast ruhigem Gesang, der sich in qualitative Höhen erhebt, die man von Jorn Lande gewohnt ist. „Make Your Engine Scream“ ist ein Rat an jeden, der gerade down ist, selbstverschuldet oder nicht. Kein Motor ist nötig, um dieser Aufforderung nachzukommen, auch wenn das etwas getragenere Stück alleine vielleicht nicht ausreicht.
„Legend Man“ beginnt mit einer elektronischen Verzerrung, die nicht ganz passt und schnell wieder verschwindet. Es geht im üblichen, rasanten Stil weiter. Seine eigene Religion zu haben oder seinen Namen in Stein zu meißeln, reicht sicher nicht, Feuer zu legen dürfte der falsche Weg sein, und sich gegen Schweigen und Unwahrheiten zu wehren, ist ein guter, aber kein garantierter Schritt, um eine Legende zu werden. Sich selbst treu zu bleiben und nicht aufzugeben, scheint der brauchbarste Rat.
Der übliche Sound wird von etwas ergänzt, das ein Theremin sein könnte. Dieses an alte Sci-Fi- oder Horrorfilme erinnernde Instrument verleiht „Carry The Black“ Atmosphäre, ohne in den Vordergrund zu treten. Es wird der Weg in die innere Dunkelheit beschrieben, warum dieser nicht ratsam ist, und davor gewarnt, dass es kein Zurück gibt.
„Rev On“ führt „Make Your Engine Scream“ fort, wie soll der Motor auch sonst zum Schreien gebracht werden? Ergänzend fliegt eine passende Maschine durch das Klangbild. Nicht aufgeben, die Drehzahl erhöhen, sind die Aussagen, bis der Motor am Ende des Stücks anfängt zu stottern, sich aber wieder zu fangen scheint.
Das nicht so rasante „Monsoon“ beschreibt die Befürchtung, dass die Gier nach Öl, die Dekadenz und die Gefahren des Computerzeitalters viele Opfer fordern könnten. Zu Beginn klingen die Gitarren ein wenig orientalisch, später scheint das Schreien in Weinen überzugehen. Der „Monsoon“ mag den einzelnen hinwegfegen, aber nicht nur Jorn Lande hat sich ihm gestellt, und er wird dies wieder riskieren.
Eine Akustikgitarre leitet das letzte Stück ein. Magisches Feuer erhellt die Dunkelheit der Seele. Gebracht von einem Engel, der sich in den Schatten versteckt und dessen Augen Flammen gleichen. Dieses eher getragene Stück erzählt, wie „The Man Who Was King“ die Gabe und die Stimme bekam, um den Metal auf der Welt zu verbreiten.

Ein sehr gitarrenlastiges Album, bei dem jeder Song sein Intro und seinen Instrumentalteil hat. Beides ist immer sehr gut, und das Gesamtwerk ist absolut gelungen, aber Überraschungen gibt es kaum. Variationen und Tempiwechsel sind natürlich inklusive, befinden sich allerdings in einem üblichen Rahmen. Jorn bleibt bei Altbewährtem und hat damit nicht Unrecht.
Für Fans ein absolutes Muss. Für alle anderen eine Ohrenfreude, die man sich genehmigen sollte, auch wenn der Repeatknopf nicht Gefahr läuft, kaputtzugehen. Man kann sich dieses Album sicher immer mal wieder anhören. Sollte dies vielleicht sogar in passenden Momenten im Hinblick auf einige Aussagen der durchwegs ansprechenden Texte.

Anspieltipp: Traveller


Jorn – Traveller
Frontiers Records, 2013
15,99 €
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Tracklist:
Overload
Cancer Demon
Traveller
Window Maker
Make Your Engine Scream
Legend Man
Carry The Black
Rev On
Monsoon
The Man Who Was King

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