„I hate to love you, but I do…“

Die Fans haben sehnsüchtig gewartet, dass der 17.02.12 kommen möge. Nicht, weil die Faschingsferien in Bayern beginnen, sondern weil an diesem Tag eine neue Scheibe der St. Pauli Band Lord of the Lost in die Läden kommt. Die Hamburger, die sich selbst nicht in ein Genre zwingen lassen wollen, sich mal als „Pussy-Wetting-Goth-Rock“ vorstellen oder von Amazon jüngst als „Glam-Goth-Rock“ bezeichnet wurden, machen ihr eigenes Ding und bieten dabei eine breite Palette an musikalischen Stilrichtungen. Auch die neue EP „Beside & Beyond“ scheint so gar nicht zu dem bisherigen zu passen – und schließt genau deswegen nahtlos an die beiden letzten Alben an.
Der Vorverkauf begann am 15.01. und war gigantisch. Die eigentlich auf 1000 Exemplare limitierte EP ging weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, landete auf Anhieb auf Rang 6 der Amazon Bestseller in der Sparte Musik und war Aufsteiger des Tages. Mit einem derartigen Erfolg hatte niemand gerechnet und nicht ohne Stolz teilte Bandleader Chris „The Lord“ Harms mit, dass es nicht bei den 1000 Exemplaren bliebe.

Nun ist sie also da, sehnsüchtig erwartet und die Zeit bis zum Album, das Mitte September erscheinen soll, überbrückend.
Sieben Titel, von denen keiner neu ist. Lediglich „Beyond Beautiful“ ist relativ unbekannt und stammt vom vergriffenen The Pleasures-Album „Oh Yeah“ von 2008. Ein sehr gefühlvoller Song, weiche Klänge, die ruhige Stimme des Sängers, der mal wieder Herzschmerz ins Mikro haucht, ohne dabei kitschig zu werden. Mit einer Melodie, die dahinplätschert, wird einmal mehr beschrieben, dass es mit der Liebe nicht so einfach ist und man jemanden hassen und gleichzeitig so sehr lieben kann. Unter der Regie von Moritz Krebs haben die Hamburger dazu einen Clip gedreht, der heute pünktlich um 12 Uhr auf youTube online gestellt wurde. Mit viel Gefühl und Ästhetik ist ein nicht jugendfreies Video entstanden. Von der anfänglichen Liebe zwischen den beiden Darstellern wird man eingefangen und sicherlich schlagen Frauenherzen höher, wenn der Chris Harms sich unbekleidet zeigt und dem wunderschönen und elfengleichen weiblichen Geschöpf widmet. Fast fühlt man sich als Voyeur, der da absolut nichts zu suchen hat. Im Vergleich zum Clip zu „Sex On Legs“, der das Sexuelle in der härteren BDSM-Gangart dargestellt hatte, lässt „Beyond beautiful“ kaum einen Wunsch von Romantikern unerfüllt. Bis Harms der Frau unter ihm ins Gesicht schlägt, sie würgt und fassungslos auf die zitternden Hände blickt, die so sanft und doch so brutal sein können. Detailaufnahmen der hübschen Darstellerin zeigen wundervolle lange Wimpern, die noch einmal unschuldige Schönheit repräsentieren. Der Song, um den es eigentlich geht, ist nur musikalische Untermalung, achtet man aber auf Text und Bild wird deutlich, wie fein beides aufeinander abgestimmt wurde.

Doch nun zurück zur EP, die mit dem zweiten Song Fans und Band einen Wunsch erfüllte. Letztere bekam nämlich endlich das Okay für die Coverversion von Lady Gagas „Bad Romance“, eine kleine Hommage an die vom Bandleader verehrte Sängerin. Live performen Lord of the Lost schon seit langer Zeit dieses Lied – und das auf beindruckende Weise. Wenn es dunkel ist und man eine „Gothic-Rock-Band“ vor sich hat, erwartet man kaum etwas aus den aktuellen Charts, das Chris Harms mit nicht weniger Sexappeal dem Publikum entgegenschleudert, als es Lady Gaga tut. Immerhin war es derart beeindruckend, dass ich auf die Band aufmerksam wurde, obwohl der Rest des damaligen Auftritts ein Rückkoppler-Desaster war. Trotzdem ist „Bad Romance“ etwas ruhiger als das Original und die musikalische Umsetzung mit Gitarrenklängen und wenig aufdringlichen Drums gefällt mir persönlich erheblich besser.

Auch „Dry The Rain“ ist dabei. Der Song vom Debütalbum „Fears“, eine rockige Nummer, die sich den Schmerz von der Seele schreit, ist für die EP in einer Akustikversion aufgenommen worden. Leise Pianoklänge und ein bisschen Gitarre, mehr braucht Harms nicht als Untermalung für seinen Gesang. Etwas befremdlich ist es schon, die Nummer plötzlich in derart milder Form zu hören, aber das passt zum Setting der EP, wie man an anderer Stelle noch feststellen wird.

Wem The Pleasures kein Begriff sind, hier eine kurze Einführung: Die ehemalige Band von Chris Harms ist ein Hamburger Glam-Rock-Quintett – dessen Drummer Christian „Disco“ Schellhorn seit Januar auch für Lord of the Lost die Sticks schwingt. Auf ihrem Album „Oh yeah“ von 2008 findet sich neben „Beyond Beautiful“ die schöne Ballade „October 29“, die nun auch ihren Weg auf die EP gefunden hat. Unterschiede? Ja, die gibt es, aber die sind recht marginal und würden sich in musiktheoretischen Details verlieren. Mal wieder ist von Liebe, von Angst und von allem die Rede, was weniger wert ist, was so nebenbei läuft, bis man die Eine im Leben trifft. Wunderschön für Verliebte eben.

Eine Pianoversion von „Love Is Not Enough“ vom „Antagony“-Album, stellt einmal mehr die Stimme des Bandleaders ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Piano ist nur Beiwerk, spielt die bekannte Melodie. Es fehlen die härteren Passagen vom Original, es fehlt das Verzweifelte, Aggressive, das man gewohnt ist.
Dafür wird das traurige „Sooner or later“, das allzu gerne als Zugabe bei Live-Auftritten gegeben wird, etwas melodiöser. Da ist plötzlich viel mehr Gitarre und Schlagzeug dabei, als auf dem „Fears“-Album, auch wird mehr ins Mikro geschrieen. Die dargebotene Live-Version versetzt diejenige noch einmal zurück zu dem Zeitpunkt, als Harms auf der Bühne kniete und dieses Lied als Abschluss eines Konzertes gegeben hat. Da hilft nur noch eins: Augen schließen und etwas mehr als vier Minuten träumen!

Mit Mono Inc. waren die Hamburger Glam-Goth-Rocker auf Tour. Dadurch sind sie einem breiteren Publikum überhaupt erst bekannt geworden. Nun haben sich die Bands zusammengetan und das oben bereits erwähnte „Dry The Rain“ gemeinsam als Orchester-Version eingespielt. Wer sich in Musik fallen lassen kann, der möge es tun und hier die Augen schließen. In meinem Kopf laufen dabei Bilder ab, nein, sogar ganze Filme: „Braveheart“, „Der Herr der Ringe“ oder auch ganz schnulzig „Vom Winde verweht“, denn das Stück würde so gut passen, wenn Scarlett ihrem Rhett in die Arme fliegt, die Gefährten gen Mordor ziehen oder Wallace für die Freiheit stirbt. Viel zu schnell aber ist es vorbei, leider. Diese Version hätte gerne doppelt so lang sein können.


Dank an Drummerin Any Wayst und Gitarrist Sebsta Lindström, die Ende 2011 die Band verlassen haben.

Fazit: Lohnt sich diese EP? Auf jeden Fall! Sie ist nachdenklich, zurückhaltend und traurig, wenn man sich denn so weit auf Musik einlassen möchte. Im Vordergrund steht die ruhige und dunkle Stimme von Chris Harms, der einmal mehr sein gesangliches Können unter Beweis stellt und damit absolut überzeugt. Die Instrumente treten meist in den Hintergrund und sind schmückendes, aber gelungenes Beiwerk. Ein richtiger Ohrwurm ist nicht dabei, dafür ist die EP auch nicht gemacht. Sie vermittelt viele Emotionen, Liebe, Freude, Hass, Trauer und einen großen Freiheitsdrang.

Lord of the Lost stehen derzeit mit Eisbrecher auf der Bühne, im Frühling / Sommer sind sie auf Festivals zu erleben und im Oktober 2012 als Support der Letzten Instanz.

Anspieltipp: Bad Romance

Lord of the Lost – Beside & Beyond
Label: Out of Line
17.02.2012
Preis: 9,99 € (Digipack: 4,73 €)

Beyond beautiful
Bad Romance
Dry The Rain (Acoustic Version)
October 29
Love Is Not Enough (Piano Version)
Sooner or Later (Stage Version)
Dry The Rain (Orchestra Version fest. Mono Inc.)

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