CD-Review: Magnus Karlsson – Free Fall

Zehn Stimmen

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Dunkle, verfallende Hochhäuser und davor eine Gitarre in blaßblauem Licht. Das Cover hat einen düsteren Charme und lässt keinen Zweifel daran, welches Musikinstrument für Magnus Karlsson das Wichtigste ist, obwohl er so einige beherrscht (Bass, Keyboards, Banjo, Akkordeon …).

Wird das Instrument auf die Erde gebeamt oder kann eine Gitarre entrückt werden? Letzteres nur, wenn sie eine Seele hat. Nach alten japanischen Überlieferungen erwacht der Geist eines Gegenstandes nach hundert Jahren zum Leben (laut der vorherrschenden Lehrmeinung ein Tsukumogami). Die ersten Eclipses von ESP wurden 1987 produziert, und diese dürften länger nicht gespielt worden sein, denn angeblich mögen Geister keine Elektrizität. Wir haben also noch ein paar Jahre bis zur Apokalypse.
Die CD als Vorgeschmack zu begreifen, wäre wohl zu weit gegriffen, zumal der Titel Free Fall keine der beiden Interpretationen des Covers stützt.

Außer Musiker (unter anderem bei Last Tribe, Primal Fear) ist Magnus Karlsson begehrter Komponist, Songwriter und Produzent (zum Beispiel für Allen/Lande, Starbreaker, Primal Fear). Dieses Album ist seine erste eigene Produktion, und er singt drei der zwölf Songs selbst. Die anderen zehn werden von teils flüchtigen, teils engen Wegbegleitern gesungen, wodurch diese Scheibe per se einen besonderen Touch hat. Wie gut ist es gelungen, die Songs für den jeweiligen Sänger zu schreiben oder war es umgekehrt, mussten Stimmen für die fertigen Stücke gesucht werden? Die Gitarre wird selbstverständlich von ihm selbst geschlagen, wahrscheinlich auch der Bass. Für das Schlagzeug konnte Daniel Flores (Mind’s Eye und diverse andere Bands, Produzent einiger Alben verschiedener Gruppen) gewonnen werden.
Wenn man sich anhört, was alles aus der Feder von Magnus Karlsson stammt, kann man nur gespannt auf sein erstes eigenständiges Produkt sein. Er kann Metal in verschiedenster Form, von Heavy über Progressive bis Power und Speed. Elemente aus Folk, Space Metal, Hard Rock und andere Einschläge wären bei diesem Multitalent nicht überraschend.

Ein getragener, leicht sphärisch klingender Auftakt wechselt in eine schnellere Gangart, ohne zu übertreiben. Wie nicht anders zu erwarten ist die Gitarre dominant, allerdings ohne alles andere zur Seite zu drängen. Die Stimme von Russell Allen kommt gut zur Geltung und auch die Botschaft von „Free Fall“ kann ohne weiteres gehört werden. Das Leben wird mit eben diesem Fall beschrieben, die Unsicherheit, Stolpersteine wie Gerüchte und ähnliches.
Mit „Higher“ nimmt das Album nach wenigen einführenden Klängen an Fahrt auf. Ralf Scheepers nachdrückliche, aggressive Kampfansage an jegliche Herausforderung wäre imposanter, wenn er den anfänglichen Tonfall beibehalten und nicht auch mit der Stimme hoch hinaus gewollt hätte. Der Sound bleibt hart und es wird gezeigt, was eine Gitarre noch so alles kann. Dies wird wohl in allen Liedern so sein, weshalb sich eine Wiederholung ab sofort erübrigt.
Wenige Keyboardanschläge kündigen ein ruhigeres Stück an. Musikalisch abwechslungsreich mit teils deutlichen Brüchen entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die unter schwierigen Umständen zu leiden hat. Magnus Karlsson hat sich mit „Heading out“ ein zu seiner Stimme passendes Lied für sein erstes Erscheinen auf seinem Tonträger ausgesucht.
Ein fast pathetischer Beginn, gefolgt von einem sanft intonierenden Tony Harnell. „Stronger“ ist bedächtiger Hard Rock mit der Aussage, dass das Leben nicht einfach ist und Liebe stärker macht.
„Not my Saviour“ beginnt ebenfalls mit dem Keyboard, geht aber schnell in Richtung Power Metal, wie Rick Altzi es gewohnt sein dürfte. Mit rauer Stimme erzählt er von einer Flucht, vielleicht nur vor dem Wahnsinn.
„Us against the World“ ist ein moderates Stück, etwas härter, aber nicht zu hart. Es drängt sich die Vermutung auf, es sollte ein Lied entstehen, das möglichst viele anspricht, aber auch wenn David Readman sehr angenehm und teilweise mitreißend singt, dürften einige zurückbleiben.
Ein spaciger Hauch verliert sich und geht in einen schnellen Rhythmus über. Mark Boals erzählt uns in eindrucksvoller Weise „Our time has come“, uns die Welt zu zeigen, hoch zu fliegen und ein eigenes Königreich zu errichten. Der Sound unterstützt die Aufbruchstimmung, und der Hauch vom Anfang kehrt ab und an wieder. Metal Kingdom on Mars? Wäre doch mal eine Idee.
Magnus Karlssons zweiter Song „Ready or not“ beginnt mit sanften Klängen, wird druckvoller, und wenn der Gesang einsetzt wieder ruhiger. Musik und Stimme passen zusammen, der Text rät, kurz gesagt, das Leben anzugehen. Es gefällt, dass Magnus Karlsson nicht versucht eine andere als eine zu ihm passende Richtung zu nutzen, und es zeigt, wie gut er als Produzent ist.
Eine erhabene Einleitung wird zu einem teils epischen Sound, besonders im Ausklang. Der „Last Tribe“ ruft ein neues Mitglied und erklärt sich ihm. Ein ansprechender und gelungener Song, auch wenn eine tiefere Stimme als die von Rickard Bengtssen, dessen Leistung mit dieser Aussage nicht geschmälert werden soll, vielleicht besser gepasst hätte.
„Fighting“ klingt nach mehr Aktion als geboten wird. Herman Saming singt mit seiner auffällig hellen Stimme, dass es nichts mehr gibt, für das sich das Kämpfen lohnt. Stimmt, auch wenn dieses Lied an sich nicht schlecht und durchaus hörenswert ist, fehlt etwas, wenn man es mit dem Rest vergleicht.
„Dreamers and hunters“ wird von einem Huhsummer eingeleitet und ist ein lebhaftes Stück, das sich bestimmten gebrochenen Seelen widmet, die nicht besonders zahlreich sind. Nur einer aus einer Million gehört dazu, wie anscheinend auch Mike Andersson, dessen Stimme sich wunderbar in die rasante Musik einfügt.
An diesem Punkt der CD kommt die akustische Gitarre dazu, sich Gehör zu verschaffen, bevor der letzte Song, immer wieder von einem druckvollem Schlagzeug angefacht, dem Ende entgegen prescht. Dem Gitarristen Magnus Karlsson nimmt man ab, dass er „On fire“ ist, dem Sänger weniger.

Für weite Teile dieses Albums gilt: Augen schließen und genießen! Die Mischung ist durchaus interessant und es ist überdeutlich, dass Magnus Karlsson sein Handwerk in jedem Bereich seines Schaffens versteht. Die Vielfalt hat allerdings auch den Nachteil, dass wohl jeder ein Stück findet, welches ihm nicht gefällt. Dann gibt es noch einen weniger greifbaren Aspekt, denn wie gesagt, künstlerisch ist kein Mangel zu entdecken, gesamt wirkt die CD zu glatt und kühl. Vielleicht liegt es an der Menge der Personen, die an diesem Projekt mitgewirkt haben oder daran, dass sie nicht gut genug aufeinander eingespielt waren, eventuell auch an den zumeist allgemeineren Aussagen der Stücke, aber der Funke springt einfach nicht über.

Anspieltipp: „Not My Survivor

Magnus Karlsson – Free Fall
Frontiers Records, 2013
15,99 €  kaufen!

Tracklist:
01. Free Fall (lead vocals: Russell Allen, „Symphony X“, „Star One“)
02. Higher (lead vocals: Ralf Scheepers, „Primal Fear“, „Gamma Ray“)
03. Heading Out (lead vocals: Magnus Karlsson)
04. Stronger (lead vocals: Tony Harnell, „TNT“, „Starbreaker“)
05. Not My Saviour (lead vocals: Rick Altzi, „Masterplan“, „At Vance“)
06. Us Against The World (lead vocals: David Readman, „Pink Cream 69“, „Voodoo Circle“)
07. Our Time Has Come (lead vocals: Mark Boals, „Yngwie J. Malmsteen“, „The Codex“)
08. Ready or Not (lead vocals: Magnus Karlsson)
09. Last Tribe (lead vocals: Rickard Bengtsson, „Last Tribe“, „Armageddon“)
10. Fighting (lead vocals: Herman Saming, „A.C.T.“)
11. Dreamers & Hunters (lead vocals: Mike Andersson, „Full Force“, „Cloudscape“)
12. On Fire (lead vocals: Magnus Karlsson)

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