CD-Review: Moonspell: Alpha Noir (Limited Edition, VÖ: 27.4.2012)

Deftig gewürzter portugiesischer Hörgenuss

Kaum sind vier Jahre in die schwermetallenen Lande gezogen, beehren MOONSPELL ihre Hörerschaft mit einem neuen Studioalbum. Das nunmehr zehnte Machwerk der Portugiesen (schließt man den aufpolierten Re-Release ihrer Demo Under Satanae samt einiger interessanter B-Seiten mit ein) musste ich, als treuer Fan seit den Tagen der altehrwürdigen Irreligious, diese Scheibe natürlich sofort vorbestellen und entschied mich, als Freund des exklusiven Artworks und Bonusmaterial-Junkie, für die Limited Edition.moonspell-alpha-noir-cd-1-2012

Und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht.

Alpha Noir (Limited Edition) kam als janusköpfiges Doppelalbum ins Haus geflattert. Ganze zwei CDs mit etwa gleichem Material-Umfang – namentlich Alpha Noir und Omega White – erwarteten mich nach dem beinahe schon rituellen Öffnen der Verpackungs-Folie. Erstere ist identisch mit dem handelsüblichen Jewelcase-Tonträger, letztere ist die Bonus-CD. Die samt hübschem Schuber gelieferte „Hülle“ präsentiert sich als neckisches Büchlein, wobei die inneren Buchdeckel den Träger der beiden CDs darstellen und die Seiten das Booklet, punktgespiegelt an dem Falz, sodass sich das Material zu der jeweiligen CD direkt im Anschluss befindet – sehr nette Idee.
Das Artwork selbst präsentiert sich als Mischung aus Hieronymus Bosch, Brom und, wie auch schon beim Vorgänger, wunderbar inszenierten Persiflagen auf Mariendarstellungen. Vergleichbar ist es vielleicht mit dem von BELPHEGORs Pestapokalypse VI oder CRADLE OF FILTHs Godspeed On The Devil’s Thunder und ganz vereinzelt auch mit SAMAELs Above.

So weit, so ästhetisch – wenden wir uns nun dem eigentlichen Kern des Ganzen zu: der Musik.
Die erste CD Alpha Noir führt die logische Reihe der letzten drei Alben (The Antidote, Memorial und Night Eternal) konsequent fort. Es gibt wieder ordentlich auf die akustische Fresse ohne auch nur einmal langweilig zu werden. Der Opener „Axis Mundi“ beginnt gewohnt mystisch-episch, um dann gekonnt in fantastisches Midtempo-Geknüppel überzugehen. Und hier offenbart sich schon MOONSPELLs Können, Black- und Deathmetal mit einem ganz eigenen Groove zu verbinden. Man kann gar nicht anders, als im Takt das kritische Haupt zu wiegen. „Lickanthrope“ lässt im Anschluss Nostalgie aufkommen, denn es erinnert thematisch an gute alte Wolfheart-Tage oder das grandiose „Full Moon Madness“.
Der Sound schlägt eine Brücke zwischen den Vorgänger-Platten und verbindet die Vielfältigkeit von The Antidote und Night Eternal mit dem vollen und rockigen Klangteppich vom Memorial. Die etwas zu trockenen Gitarrenriffs der ‚ewigen Nacht’ sind passé und das geneigte Ohr wird mit ausgewogenen, harmonischen Arrangements verwöhnt.
Bezüglich Gesang braucht sich Frontmann Fernando auch nicht zu verstecken. Ob er nun aus voller Kehle grunzt, brüllt und keift, oder wunderbar sonor trällert – man verzeiht ihm gern seine immer noch recht akzentbelasteten Vocals, weil sie so stimmungsvoll eingebettet sind und er es einfach kann. Die Lyrics orakeln wie gewohnt zwischen Erotik („Love is Blasphemy“), Mystik („Alpha Noir“, „Opera Carne“), angewandtem Nihilismus („Versus“) und einer ganz eigenen Symbolsprache („Grandstand“). Auch der eine obligatorische muttersprachliche Song pro CD erfährt mit „Em Nome Do Medo“ seine Wiedergeburt und lässt ein bisschen südländisches Feuer durch den heimischen Lautsprecher lodern.
Alles in allem bleibt kein einziger schlechter Nachgeschmack bei dieser CD. Ich bin begeistert und so schnell wird Alpha Noir bestimmt nicht wieder vom MP3-Player geworfen.

Die Bonus-CD Omega White hat ganze acht Stücke zu bieten (nur eines weniger als Alpha Noir) und nimmt – wie der Name schon verrät – antagonale Position ein. Ganz im Stile des Sin/Pecado von 1997 wird hier leichtere Kost geboten. Der Gesang ist durchgehend „clean“ und auch hier zeigt Fernando wieder, was er auf dem Kasten hat. Musikalisch bewegt man sich zwischen Hard Rock, Blues, Folk und einem wilden Mix der drei und unzähligen anderen Einflüssen. Die Thematik der Songs wird im Grunde beibehalten, der Machart geschuldet erwarten einen jedoch weniger treibende Rhythmen und Bombast als träumerisch-emotionale Stücke (man denke hier an „Scorpion Flower“, „Can’t Bee“ oder „The Hanged Man“) und stellenweise eine Weniger-ist-mehr-Politik was das Arrangement der Lieder anbelangt. Omega White bietet für mich den perfekten Soundtrack eines Sonntag Nachmittages im Hochsommer, oder für die Stunde zum Runterkommen und Entspannen nach einer langen, durchgetanzten Nacht im Club.

Fazit: MOONSPELL können auch nach 18 Jahren im Äther noch mitreißen. Alpha Noir (Limited Edition) war jeden Cent und alle Stunden, die es meine Ohren verwöhnt hat (und verwöhnen wird) mehr als wert. Der Spagat zwischen gewohnt hartem Metal und atmosphärischem Rock/Blues/etc., aufgeteilt auf zwei separate Tonträger ermöglicht es, je nach Gemütslage die richtige Mucke aufzulegen, ohne dass eine Ballade den aktivistischen Drive hemmt, noch, dass ein allzu stressiges Stück die Stimmung verreißt. Wer sich für die abgespeckte Jewelcase-Variante der Scheibe entscheidet, bekommt deftig auf die Ohren und macht bestimmt nichts falsch, aber für das ganze Spektrum an gut gewürztem, portugiesischem Hochgenuss sollte man zur Limited Edition greifen (zumal diese momentan bei einschlägigen Online-Versandhäusern nur einen mickrigen Euro mehr kostet).

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch::mosch:

Reinhören!
MOONSPELL
Alpha Noir
Napalm Rec., 2012

TRACKLIST
CD 1: Alpha Noir
Axis Mundi
Lickanthrope
Versus
Alpha Noir
Em Nome Do Medo
Opera Carne
Love Is Blasphemy
Grandstand
Sine Missione

CD 2: White Omega
Whiteomega
White Skies
Fireseason
New Tears Eve
Herodisiac
Incantatrix
Sacrificial
A Greater Darkness

Bonus:
Whiteomega (Bonus Album Track)
White Skies (Bonus Album Track)
Fireseason (Bonus Album Track)
New Tears Eve (Bonus Album Track)
Herodisiac (Bonus Album Track)
Incantatrix (Bonus Album Track)
Sacrificial (Bonus Album Track)
A Greater Darkness (Bonus Album Track)

– J. D.

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