Im Namen des Herrn

powerwolfZwei Jahre ist es her, dass Powerwolf mit ihrem Album Blood of the Saints die Massen begeisterten. Die Power-Metal-Band preschte nach vorne und direkt in die Gehörgänge zahlreicher neuer Fans, die von der Kraft der Songs und den ausgefeilten Melodien überwältigt waren. Hinzu kamen die Auftritte, die wie Messen anmuteten. Wenn Attila Dorn die Bühne betritt, schwebt ein leichter Nebel, der an Weihrauch erinnert, über die Bühne, Choräle erklingen, und er schreitet so erhaben voran wie der Papst. Powerwolf schaffen es aber trotz aller Parodie, ihre Auftritte und Musik nicht als billigste Blasphemie darzustellen. Im Gegenteil, gibt Gitarrist Matthew Greywolf doch zu, regelmäßig in der Bibel zu lesen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass in vielen Songs Anlehnungen an die Heilige Schrift zu finden sind.Mit ihrem neuen Album Preachers of the Night geht die Formation den bereits beschrittenen Weg weiter und festigt ihren Stil. Die Vorab-Single „Amen & Attack“ hat bereits gezeigt, dass es kraftvoll, schnell und mit den typischen choralartigen Klängen weitergehen wird. Schon alleine „In nomine veritas …“ erinnert an die Liturgie der katholischen Kirche – manch einen auch an das gleichnamige Pen-and-Paper-Rollenspiel.
Die Melodien sind eingängig und schnell. Die Gebrüder Greywolf schrubben einmal mehr über die Saiten von Bass und Gitarre, mal schnell, mal etwas langsamer, mit der Leidenschaft, die ein Musiker braucht, um mitzureißen. Dabei sind die Instrumente mal im Hintergrund und begleiten den Gesang, mal stehen sie absolut im Vordergrund, überzeugen durch rasche Tempowechsel und gekonnte Riffs, die sich vor allem in den kurzen Soloparts zeigen, beispielweise gegen Ende von „Secrets of the Sacristy“
Immer wieder hört man Organist Falk Maria Schlegel, der nicht einfach nur ein Keyboard unter seinen Fingern hat, sondern wie schon beim vorherigen Album auf einer richtigen Orgel spielt. Dadurch erscheint der Klang dem Kenner voller und dem Fan authentischer. Das Instrument Orgel wird gerade bei dieser Band in ein ganz neues Licht gerückt, und Schlegel zeigt deutlich, was man aus ihr alles herausholen kann und wie vielseitig sie ist.
Neben all den scheinbar blasphemischen Texten gibt es doch immer wieder Einschübe, die anderes sagen und deutlich machen, dass Powerwolf nicht einfach verteufeln und der Institution Kirche mit den gleichen Vorurteilen begegnen, die diese selbst anderen entgegenbringt. Sicherlich sind Zeilen wie „Gott hat uns den Wahn gebracht“ aus „Kreuzfeuer“ nicht gerade das beste Beispiel, aber auch vor allem dieses Lied – auf Deutsch gesungen – führt eben deutlich vor Augen, dass sich die Band wirklich mit dem Thema Religion, Christentum und Kirche auseinandersetzt.
Wer aber glaubt, es ginge nur um Religiöses, der irrt. Zum einen ist Religion zwar omnipräsent und in allen Lebensbereichen zu finden, zum anderen gibt es aber auch Songs, die diesen Aspekt in den Hintergrund rücken.
„In the Name of God we got to Heaven“ ist der Beginn von „In the Name of God“ und hat das typische Mitsingpotential, das man von Powerwolf in fast jedem Lied präsentiert bekommt. Zwischendurch gibt es immer wieder lateinische Einschübe, die nicht fehlen dürfen und die den Kirchenlied-Charakter verstärken. Es ist wie eine liturgische Feier, das Beten eines Psalms, bei dem der Prediger beginnt und die Gemeinde schließlich antwortet.
Attila Dorn mit seiner ausgebildeten Stimme kann beides: Die harte und die zarte Schiene, die zum einen die Wucht hinter einem Song herausbrüllt, zum anderen aber fast schon liebevoll und voller Glauben die Konfessionen ins Mikro singt.
Auch rumänische und russische Einschläge sind deutlich, und dem Fantasyfan wird bald ein Song ins Auge stechen, der an einen bekannten Fünfteiler erinnert – wenngleich die Verfilmung leider nur aus zwei Teilen bestehen durfte. „Nochnoi Dozor“ (dt. Wächter der Nacht) ist aber hauptsächlich auf Englisch gesungen.
Den Abschluss bildet „Last of the Living Dead“. Langsam und majestätisch schreitet die Melodie voran, hervorragend hier auch wieder Sänger Attila Dorn, der stimmlich einem Pavarotti das Wasser reichen kann. Zwischendurch gibt es dann Rufe einer Meute – perfekt für den Liveauftritt, bei dem dann das Publikum „Living Dead, pray for Living Dead“ rufen wird. Hier gibt es einen genialen Gitarrenpart, der gerne länger hätte ausfallen dürfen. Der Song dauert 7:43 Minuten, nicht wundern, wenn er nach knapp vier Minuten schon vorbei ist. Einfach die Anlage aufdrehen und lauschen. Hier wird Stimmung aufgebaut, die das Lied und dessen Worte abrundet.

Ein tolles Album, das ein würdiger Nachfolger zum hochgelobten Vorgänger Blood of the Saints geworden ist. Mitreißend und stimmungsvoll powern die Wölfe einmal mehr richtig rein und begeistern mit ausgereiften Songs und einem guten Sound.
Sehr schön ist auch die Limited Edition für Hardcorefans. Wer 129 € hinblättert, bekommt neben dem Album einen kleinen Altar mit Kerzen, vier LPs, einem Patch, einer Bonus-CD und vier weiteren Songs.

Anspieltipp: Amen & Attack
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Powerwolf – Preachers of the Night
Napalm Records, 2013
15,99 €
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Tracklist:
Amen & Attack
Secrets of the Sacristy
Coleus sanctus
Sacred & wild
Kreuzfeuer
Cardinal Sin
In the Name of God (Deus Vult)
Nochnoi Dozor
Lust for Blood
Extatum et oratum
Last of the Living Dead

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