CD: Schöngeist – Wehe!

Herzen erobern

coverEndlich etwas Neues – das werden sich viele Fans gedacht haben, die sehnsüchtig auf ein weiteres Album der Münchner Band Schöngeist gewartet haben. 2006 gegründet, haben sich die Musiker um Fronter Timur Karakus ein ganz spezielles Genre ausgesucht, um Fuß zu fassen. Nein, man kann es nicht direkt eingrenzen, was Schöngeist machen ist eine elegante Mischung aus Gothrock und orientalischen Tönen, die bei der holden Weiblichkeit vor allem durch Sänger Timur noch einmal ganz besonders gut ankommen. Dieser spart live nämlich nicht mit seinen Reizen, zieht die Blicke durch einen lasziven Hüftschwung, das samtige schwarze Haar und ein hinreißendes Lächeln auf sich. Lenkt das von der Musik ab? Manche Dame sicherlich, im Allgemeinen jedoch besinnt sich jeder auch auf den Schöngeist-Konzerten auf das Wesentliche: Die Musik.

Nun aber endlich zum Album. Wehe! heißt es und ist das dritte Album, das nach zweijähriger Pause endlich auf den Markt kommt. Gleich mit dem Titelsong beginnend, erkennt man schnell, dass eine liebevolle Mischung aus weichen Geigen-, möglicherweise auch Celloklängen und harten Gitarren das Spezielle ausmacht. Die Melodie ist recht einfach gehalten, aber das ist gut so, denn sie zieht mit, zieht den Hörer sofort in das Album hinein, hat hin und wieder leichte Instrumenten- und kurzweilige Stilwechsel zu verzeichnen, sodass eine gewisse Vielschichtigkeit nicht zu negieren ist. „Tief!“ bringt dann einen Industrial-Einschlag, der auch gesanglich etwas härter ist. Timur ist eben kein Schmusesänger, sondern doch eher der Rocker, der auch gerne mal hart und rauchig ins Mikro singt. Stellenweise könnte man überlegen, wie sehr er sich hierbei an Mentor Alex Wesselsky von Eisbrecher orientiert, der ja für seine tiefe Stimme bekannt ist. Zwischendurch gibt es schöne Gitarrenparts, die dann doch an eine Rocknummer erinnern. Es ist nicht zwingend ein Stilbruch, aber nicht unbedingt das, was man erwartet hat, denn der orientalische Einschlag, der gerade bei den Fans der ersten Stunde sehr beliebt war, fehlt absolut in den ersten beiden Songs. Vielleicht ist das eine Weiterentwicklung, die eingefleischte Hörer zu schlucken haben, oder Schöngeist springen auf den gleichen Gothrock-Zug auf, auf dem geschätzte Kollegen durch die Musiklandschaft rattern. Schlecht ist es nicht, aber ein bisschen schade um das, was Schöngeist einmal waren und verkörpert haben. Nichtsdestotrotz kann man das neue Werk nicht schlecht reden. Musikalisch stimmt es. Die Songs sind mal schneller, mal langsamer, verschiedene Elemente überwiegen immer wieder, jedes Lied ist auf seine Weise anders und eigen. Diese Mischung macht den Silberling interessant und hörenswert. Es gibt die krassen Industrial-Einschläge, die sich mit dunklen Gothic-Takten abwechseln und dann wieder rockigen Nummern Platz machen, die mitziehen. Auch die Vorab-Single „Zusammen Allein“ hatte bereits darauf hingedeutet, dass Schöngeist einen anderen Weg einschlagen werden. Ob man es mag, muss man für sich selbst entscheiden. Die Band hat es jedenfalls drauf und kann diese Songs gut rüberbringen. Die Gitarrenlastigkeit ist sehr schön für alle, die auf die Saiteninstrumente abfahren. Zwischendurch immer wieder mal Streicher, die ein gewisses Etwas bieten. Timur bringt tiefen und brutalen Gesang gemeinsam mit einer ruhigen und zärtlichen Stimme.

Auf dem Cover ist der Fronter zu sehen, eine Hälfte seines Gesichtes liegt im Schatten, was vielleicht auch den einen oder anderen Text widerspiegelt. Diese handeln von Sehnsucht und Liebe, vom Aufgeben – beispielsweise „Ich bin dafür“, ein schönes Liebeslied -, vom Loslassen und Freimachen – so in „Es zählen die Sekunden“, ein Song, der durch Midtempo und kraftvollem Gitarrensound besticht -, oder auch ums Mut machen – „Traumtanz“ ist eine Hymne für alle, die nicht mehr weiter wissen.

Was ein bisschen fehlt, ist das Neue. Für Schöngeist selbst ist es neu, für all diejenigen, die sich in der Gothrock-Szene bewegen, ist es nur eine weitere Band, die ihre Gitarren zu melancholisch-mutigen Texten zupft. Dass „Papa“ Alex Wesselsky mitgeschrieben hat, ist nicht zu überhören. Allerdings hat Timur noch eine Überraschung auf das Album gepackt – das Cover von Nick Caves und Kylie Minogues „Where the wild Roses grow“. Ebenfalls mit einem männlichen und einem weiblichen Gesangspart, schluckt man zuerst, wenn man den Titel liest. Neben einem etwas seltsamen Intro hat er doch das Original musikalisch vermixt und eine Version kreiert, die mehr als gewöhnungsbedürftig ist. Leider etwas vergeblich versucht Timur hier, den großen Nick Cave nachzuahmen – und an den kommt er leider nicht ganz heran. Der Song hätte etwas mehr Biss und Stärke, wenn Timur er selbst geblieben wäre und nicht versucht hätte, ein neuer Cave zu werden. Schade um den Song, denn die Intention ist gut und die weiblichen Parts können doch überzeugen. Vielleicht muss man sich diese Version auch nur ganz oft anhören und Nick Cave verdrängen, damit sie wirkt – dies bleibt noch zu versuchen.

Alles in allem ist es aber ein gutes Album geworden, das man sich durchaus mehrfach anhören kann. Es zieht mit, bringt zum Nachdenken und hat seine kraftvollen Songs. Timur selbst meinte einmal, dass es um den Kampf mit sich selbst und um die Zuneigung einer anderen Person ginge, und um die verzweifelte Hoffnung. Nun, wenn das die Intention war, dann hat Schöngeist hier die volle Punktzahl verdient, denn diese Gefühle werden wirklich durch die Songs transportiert.

Live kann man Schöngeist am 18.09. in Augsburg und am 21.09. in Nürnberg sehen – und die Performance wird sich vermutlich wieder lohnen.

Ein Video gibt es auch, natürlich zum Titelsong „Wehe!“. Ein Wechsel zwischen erzählter Geschichte und Privatkonzert. Ja, die Zuneigung einer anderen Person zu bekommen, ist nicht einfach – dafür gehören dem Fronter zahlreiche Fanherzen. Das ist ja auch schon viel wert.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Anspieltipp: Es zählen die Sekunden

Schöngeist – Wehe!
SPV, 2013
15,99 €
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Tracklist:
01 – Wehe!
02 – Tief!
03 – Wieder
04 – Zusammen allein
05 – Ich bin dafür
06 – Es zählen die Sekunden
07 – Kenne mich
08 – Traumtanz
09 – Lebe
10 – Where the wild Roses grow

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