The beginning and the end

Back-from-hellShock Therapy wurden 1984 in Detroit von Gregory John McCormick, den meisten besser bekannt als Itchy, und Keith E. Jackson gegründet. Der Name der Band kommt nicht von ungefähr, denn nach mehreren Psychiatrie-Aufenthalten nutzt Itchy die Musik als Ventil für seine persönliche Therapie. Der Szene-Klassiker „Hate is a 4-letter word“ sollte jede*m Gothic ein Begriff sein und wird noch heute regelmäßig aufgelegt. Leider starb Itchy überraschend und tragisch 2008 kurz nach einem längeren Gefängnisaufenthalt. Er wurde nur 44 Jahre alt.
Das nun posthum auf I Am Surprised Records veröffentlichte Album Back from hell ist das letzte von Itchy und stammt aus dem Jahr 2008. Labelchef Peter Ehrenfeld betrieb seinerzeit mit Itchy zusammen ein Studio und verwaltet in Kooperation mit dessen Witwe das musikalische Erbe. Wo es nötig gewesen ist, hat Per Anders Kurenbach, der Keyboarder von Shock Therapy, die Kompositionen final bearbeitet.

An „Can you feel my purity?“ fällt mir als erstes der durchgängige Rhythmus auf, der nach einer Cowbell klingt. Mit dem einsetzenden Gesang von Itchy ist sofort klar, dass Shock Therapy hier am Werk sind. Toll, wie er seine Stimme am Ende bis in den Wahnsinn hinein steigert. Das folgende „This is not what I deserve“ empfinde ich als Anlehnung an David Bowie, vergleichbar wie seinerzeit das Album Mechanical Animals von Marilyn Manson, dessen musikalische Grundstimmung einen ähnlichen Vibe hatte. Rhythmisch geht es auch bei „I never learn“ weiter, das mit schrägen Synthesizer-Effekten abgerundet wird und somit den nicht minder schrägen Gesang passend unterstreicht. „I hate people“ ist meine persönliche kleine Corona-Hymne, obwohl der Song natürlich nicht für die aktuelle Krise geschrieben worden sein kann. Obwohl die musikalische Umsetzung wider Erwarten wenig aggressiv erscheint, tropft die Abneigung deutlich durch die Poren. Teile des Songs erinnern mich an Joy Division, die oft eine ähnliche Stimmung erzeugt haben. Geheimnisvoll beginnt „I am losing you“, zu dem Itchy leise und gefühlvoll haucht. Die Geräuschkulisse im Hintergrund scheint sich an „Bela Lugodi’s dead“ von Bauhaus zu orientieren, und auch stimmlich klingt Itchy hier bisweilen nach deren Sänger Peter Murphy.
Die Eröffnungssequenz von „God, Sex“ hätte auch von Front 242 stammen können, doch dann entwickelt sich kein EBM-Stampfer, auch wenn der Song durchaus sehr tanzbar ist und immer wieder Parallelen zu den Belgiern aufblitzen. Dennoch sind hier eindeutig Shock Therapy am Werk. In „I could lose myself in you“ wird mal wieder eher geflüstert, vom eingängigen Refrain einmal abgesehen, der den Song durchaus zum Tanzflächenkandidaten macht, zumal die Gitarrenarbeit für einen treibenden Druck sorgt. „Don’t you know I hate you“ ist ähnlich angelegt, doch zusätzlich erzeugen Samples von irrem Gelächter eine spooky Atmosphäre, als wäre der Joker aus Batman im Studio aufgetaucht. „Swelling“ besitzt eine tolle Rhythmus-Sektion, die besonders durch die stimmungsbezogenen Tempowechsel besticht. Nach den ruhigeren Zwischenpassagen geht es jeweils um so mehr ab und schielt dabei in eine technoide Richtung. Das folgende „You were the moon, I was the sun“ überrascht im Gegensatz dazu durch seine rockige und gitarrenlastige Ausrichtung, die stellenweise sogar Züge von Nirvana annimmt. Ich finde es sehr gelungen. Wirklich überraschend ist schließlich die Coversion zum Klassiker „Only you“ von The Platters. An sich würde man eher die Finger von dieser doch recht schmalzigen Nummer lassen, doch was Shock Therapy draus machen ist so herrlich kaputt und macht richtig Spaß. Das könnte ich mir richtig gut als Rausschmeißer in der Gothen-Disco vorstellen. Die getragene Stimmung von „The beginning and the end“ erinnert mich teilweise an „Goodbye horses“ von Q Lazarus. Ein schöner und gelungener Abschluss für Back from hell und ein letzter Gruß von Itchy. Im Video dazu sind übrigens auch die letzten Aufnahmen von ihm zu sehen.

Fazit: Bei posthumen Veröffentlichungen ergibt sich ja bisweilen der schale Beigeschmack von Leichenfledderei und kommerzieller Verwurstung um jeden Preis. In der Hinsicht laufen wir bei einem kleinen Indie-Label jedoch keine Gefahr, außerdem hätte man in dem Fall das Album viel früher auf den Markt schmeißen müssen. Nein, Back from hell ist eine Herzensangelegenheit, und es wäre wirklich schade, wenn diese tollen Elekctro-Wave-Songs im musikalischen Nirvana verschwunden wären.
Als Ergänzung kann ich euch auch noch einmal die Best-Of-Veröffentlichung Theatre of Shock Therapy empfehlen (Link zur Review).

Anspieltipps: Can you feel my purity?, I hate people, God, Sex, Swelling

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Shock Therapy: Back from hell
I Am Surprised Records, Vö. 15.05.2020
CD 17,99 €, LP 26,99 € erhältlich über EMP

Homepage: http://www.shock-therapy.band/
https://www.facebook/ItchyShockTherapy/
https://www.iamsurprised.com

Tracklist:
01 Can you feel my purity?
02 This is not what I deserve
03 I never learn
04 I hate people
05 I am losing you
06 God, Sex
07 I could lose myself in you
08 Don’t you know I hate you
09 Swelling
10 You were the moon, I was the sun
11 Only you
12 The beginning and the end

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