Emotionen! Musik! Tanzen! Solar Fake!

Solar-Fake-Enjoy-Dystopia-CoverSolar Fake machen uns ja schon immer Freude, aber gerade in diesem letzten Jahr, seitdem das Unaussprechliche wütet und unser aller Leben auf den Kopf stellt, hat die Band mit ihrem höchst vergnüglichen Podcast, der Live-DVD und vor allem den ausgewählten Konzerten im Sommer (DANKE für München, wir haben alle so lange davon gezehrt!) viel dafür getan, dass wir diese elende Zeit irgendwie mental überstehen. Seit Mitte Februar gibt es nun den nächsten Anlass zur Freude und zur Ablenkung, nämlich das neue Album Enjoy Dystopia. Das hat gleich phänomenal eingeschlagen: Platz 4 in den Deutschen Albumcharts, Platz 2 in den Deutschen Alternative Charts, Platz 1 in den German Electronic Web Charts, und das gleich für mehrere Wochen. Respekt! So viele Fans können nicht irren, oder?

Zweieinhalb Jahre sind seit dem letzten Album You win. Who cares? vergangen, was hat sich seither getan? Die Vorabsingles „This pretty life“ und „It’s who you are“ haben ja ein paar neue Einflüsse angedeutet. Beim Opener „At least we’ll forget“ ist allerdings noch alles beim Alten, ab dem ersten Ton fühlt man sich zu Hause und ist sofort drin im Album. Der Song baut wie oft – und immer gut! – auf dem Gegensatz zwischen erst einmal recht lieblicher Melodie und gleichzeitig kompromisslosem Text auf, um dann in einen ganz wunderbaren Refrain mit verzerrten Vocals überzugehen, der erste Ohrwurm des Albums, und die Füße haben auch schon ordentlich gezuckt. Wie immer bei Solar Fake empfiehlt sich auch hier vom ersten Song an der Blick ins Textheft.
„I despise you“ würde sich vom Titel her auch für einen veritablen musikalischen Wutausbruch anbieten, doch hier wählt Sven einen anderen Weg – eine zwingende Melodie, eindringlicher Gesang, im Refrain dann eher ein schulterzuckendes „I really despise you“, die Wut scheint schon verraucht, und was danach bleibt, ist viel schlimmer, weil emotionsloser, endgültiger.
„This pretty life“ atmet Resignation und vergebliche Kämpfe, und das wird musikalisch perfekt umgesetzt – zurückgenommener Gesang, verhaltenes Tempo, bis im Refrain dann doch die Gefühle herausbrechen. Vom Aufbau her ein bisschen anders als viele Solar-Fake-Songs und deshalb der zweite Ohrwurm des Albums – oder für manche, die die Vorabsingle intensiver gehört hatten als ich, schon der erste. „Arrive somewhere“ ist dann ein klassischer melancholisch-tanzbarer SF-Song, der sich wunderbar ins Gesamtbild einfügt, ohne Experimente, aber mit viel Glücksgefühl. Und er wächst bei jedem Durchlauf.
DIE große Innovation auf dem Album folgt mit dem deutschsprachigen „Es geht dich nichts an“. Der Song beginnt erst einmal großartig – wuchtig und düster, leicht dissonant und ganz anders als Solar-Fake-Tracks sonst. Sven verwendet hier eine Art Sprechgesang, ein bisschen muss ich an „Ich muss gar nichts“ von Grossstadtgeflüster denken, aber eben in viel dunkleren Klangfarben. Der Song ist extrem eingängig, durch den deutschen Text wird er noch schneller zugänglich und findet sicher sehr viele Fans. Für mich ist es trotz des guten Anfangs leider der Wackelkandidat des Albums, ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich insgesamt davon halten soll und woran es genau liegt, dass der Song bei mir noch nicht zündet.
„It’s who you are“ fängt mit einer winzigkleinen DAF-Keyboard-Referenz an (oder ich assoziiere zumindest sofort den berühmten Tanz damit), bleibt weitestgehend im Midtempo, hier steht wieder der Text im Mittelpunkt. „I won’t let you fuck with my brain“ heißt es – das sollte man viel mehr Menschen sagen, doch bis man das mal erkannt hat und sich zur Wehr setzen kann, dauert es oft lange. Vielleicht hilft der Song ja dabei? Ohrwurm Nummer drei. „Trying too hard“ bedient sich von der Melodie her ein bisschen sehr aus dem reichen Solar-Fake-Fundus, verbindet diese aber mit einer angenehmen Härte und Kaltschnäuzigkeit, sodass für Kopfnicken, Tanzfuß und von Herzen kommendes Mitsingen gesorgt ist. Eine weitere kleine Neuerung findet sich bei „Implode“, bei dem mir besonders Svens ein wenig anderer Gesangsstil in den Strophen gefällt, in die ein typischer SF-Refrain eingebettet ist, der einem schnell Ohrwurm Nummer vier beschert.
Gibt es nach so vielen Ohrwürmern denn noch eine Steigerung? Für mich ja, denn „Just leave it“ entpuppt sich nach mehreren Durchläufen als mein heimlicher Hit des Albums. Zurückgenommenes Midtempo, Svens gefühlvoller Gesang, melancholische Melodien – mein Herz wird hier gleichzeitig ganz weit und sehr schwer. Ohrwurm Nummer fünf! Die darauffolgende Ballade des Albums, „Wish myself away“, geht mir ein bisschen zu sehr auf Nummer sicher, aber es kann gut sein, dass ich nur ein paar Durchläufe mehr brauche. Ein solider und immer noch schöner Song – und wer wünscht sich heutzutage nicht irgendwo anders hin …

Auf der zweiten CD des Deluxe-Doppelalbums sind zwei Coverversionen und zehn Remixe enthalten – ein paar Remixe mehr als noch beim Vorgängeralbum. Ich bin gespannt!
Solar Fake haben ja bekanntermaßen ein Händchen für gelungene Coverversionen, und mit „Join me in death“ und „Where is my mind“ hat man sich zwei für ihre jeweilige Zeit extrem wichtige Songs ausgesucht. „Join me in death“ von HIM ist eine der bekanntesten und beliebtesten Gothrock-Balladen, und bei „Where is my mind“ von den Pixies fühle sicher nicht nur ich mich ganz weit in meine Jugend zurückversetzt – wie beim SF-Konzert im August 2020 in München, als der Song große Überraschung und Freude ausgelöst hat.
Svens Stimme passt natürlich hervorragend zu „Join me in death“, weshalb das Cover trotz der vorherrschenden elektronischen Instrumentierung recht nah am Original bleibt. Mir persönlich gefällt der Song so sogar besser, in der ursprünglichen Fassung drückt er mir zu sehr auf die Tränendrüse. Beim Pixies-Klassiker reicht Svens Stimme hingegen schon, um etwas Neues aus dem Song zu machen. Das Sägende, Dissonante von früher weicht hier wärmeren, einhüllenderen Klängen, der Song ist weniger schleppend – eigentlich ja das Markenzeichen von „Where is my mind“ -, schafft es aber trotzdem, eine ähnliche Spannung und Dynamik aufzubauen. Hut ab!
Faelder verpassen „Es geht dich nichts an“ in ihrem Remix eine ordentliche Gitarren-Breitseite sowie einige Details, die den Song noch etwas treibender machen, insgesamt verstärken sie damit aber nur die bestehenden Facetten und gehen ansonsten sehr behutsam vor. Blutengel haben sich „Implode“ vorgenommen und einiges an Pomp beigesteuert, was dem Song erstaunlich guttut und den Kontrast zu Svens relativ hartem Gesang betont sowie den Refrain noch eindringlicher gestaltet. Schön geworden! Bei der Remix-Version von „Arrive somewhere“ hört man sehr schnell, wer sich hier ausgetobt hat – Solitary Experiments haben dem Titel unverkennbar ihren Stempel aufgedrückt und eine echte Synthie-Hymne aus dem Ärmel gezaubert. Iris präsentieren „This pretty life“ in einer reduzierten Version, bei der sie gezielt Akzente setzen, an der Songstruktur aber nichts Wesentliches geändert haben. Ganz im Gegenteil zu Massive Ego, die „I despise you“ ordentlich rumsen lassen und teilweise massiv eingegriffen haben – das Ergebnis ist eine tolle Ergänzung zur Originalversion. Die zweite Coverversion des Titels steuern NAN bei, den Vintage Remix, der den Song in ein solides Gitarrengerüst verpackt. Die Schweizer Dunkelsucht interpretieren „Trying too hard“ um einiges härter und düsterer als die Originalversion, und auch das ist eine schöne Ergänzung.
„At least we‘ll forget“ ist ebenfalls in zwei Versionen vertreten, die es beide in sich haben. Sowohl der Backline Remix von Blood & Tears als auch der Uplifting Emotional Remix von Anja & Alex sind astreine Technostampfer, bei denen man sich zu Recht verwundert fragt, ob das noch Solar-Fake-Songs sind. Sind es natürlich, ein paar Lyrics gibt es jeweils, doch hauptsächlich sind die Remixe instrumental und zielen voll auf die Tanzfläche ab. Mal was ganz anderes!
Random Starlight aus Stuttgart haben sich „It’s who you are“ vorgenommen, zum Beispiel die Drums stärker rausgearbeitet, ein bisschen Pling und Plupp eingebaut. Hier ist die Bearbeitung sehr deutlich, für meine Ohren passt nicht immer alles richtig gut zusammen, vielleicht weil jetzt mehr von Svens Stimme ablenkt und das Ganze unruhiger wirkt. Jemand anders hört das aber sich wieder völlig anders – also selbst eine Meinung bilden. Auch Ost+Front haben sich den Song vorgenommen und wie schon bei ihrem Beitrag auf You win. Who cares? das Skelett freigelegt und eine sehr zurückgenommene, auf Svens Stimme konzentrierte Version daraus gemacht.
Zu den vielen großen Szene-Namen unter den Remixern gesellen sich dieses Mal auch Lord of the Lost, die das wunderschöne „Just leave it“ mit Klavierbegleitung und Reduzierung aufs Wesentliche bzw. gekonnt eingesetzter Orchesterbegleitung tatsächlich noch schöner und eindringlicher machen. Sehr gelungen!

Die Remixe sind insgesamt alle spannend und mit den verschiedenen Musikerperspektiven eine Bereicherung zu den Originalversionen. Wer noch mehr Interpretationen möchte, der kann sich das exklusive Akustikalbum Masked, das der Fanbox beilag, auch zum Beispiel auf Spotify anhören. Bei You win. Who cares? gab es ja auch schon ein Bonus-Akustikalbum, und da hat mir das Live-Erlebnis einer Akustikshow noch etwas gefehlt. Das ist hier jetzt anders – Songs wie „Implode“ oder „I despise you“ funktionieren für mich hervorragend auch in der Konserve. Vielleicht habe ich mich geändert, vielleicht sind die Arrangements auch etwas anders – Reinhören lohnt sich auf jeden Fall.

Enjoy Dystopia ist ein Stück Musik geworden, das man tatsächlich – und wie zu erwarten – sehr genießen und mit dem man mal wieder alle möglichen Emotionen ausleben kann. Sven hat einige neue Elemente in die Songs integriert, die dem Gesamtsound sehr gut tun, und auch die Umsetzung als Trio (Jeans an den Drums ist neben Sven und André ja mittlerweile festes Bandmitglied) empfinde ich als sehr positiv. Das Songwriting ist durchwegs auf hohem Niveau, man könnte höchstens leicht mäkelig anmerken, dass der ganz große Hit fehlt, andererseits haben Solar Fake mit dem Backkatalog die Latte auch extrem hoch gelegt. Insgesamt ist es ein durchgängig starkes Album geworden und der Charterfolg absolut verdient.

Anspieltipp: At least we’ll forget, This pretty life, Just leave it

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Solar Fake: Enjoy Dystopia
Out of Line, Vö. 12.02.21
Länge: 46 Minuten
Kaufen: Doppel-CD € 15 auf der Bandcamp-Seite der Band, digitale Version 13 €. Oder für € 14,99 bei Out of Line, für € 17,95 bei Poponaut
Die Fanbox und die Vinyl-Version sind bereits ausverkauft.

Tracklist CD 1:
1. At least we’ll forget
2. I despise you
3. This pretty life
4. Arrive somewhere
5. Es geht dich nichts an
6. It’s who you are
7. Trying too hard
8. Implode
9. Just leave it
10. Wish myself way

CD 2:
1. Join me in death
2. Where is my mind
3. Es geht dich nichts an (Faelder Remix)
4. Implode (Blutengel Remix)
5. Arrive somewhere (Solitary Experiments Remix)
6. This pretty life (Iris Remix)
7. I despise you (Massive Ego Remix)
8. Trying too hard (Dunkelsucht Remix)
9. At last we’ll forget (Backline Remix by Blood & Tears)
10. It’s who you are (Random Starlight Remix)
11. I despise you (Vintage Remix by NAN)
12. At least we’ll forget (Uplifting Emotional Mix by Anja & Alex)
13. It’s who you are (Ost+Front Remix)
14. Just leave it (Lord of the Lost Version)

(241)

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.