CD: Synje Norland – Who says I can’t?

Wehmut – so gelungen dargeboten

Synje_Norland_AlbumCover_800Synje Norland brachte mit Who says I can’t? im Oktober ihr drittes Album auf den Markt. In der Vergangenheit haben sich einige dunkle Kratzer auf ihrer Singer-Songwriter-Seele eingegraben, genau diese Beschädigungen haben mich reinhören lassen. Die eigenwillige Sängerin hat dieses Album, angefüllt mit anspruchsvollem Pop und experimenteller Klassik, allein geschrieben, produziert und arrangiert. Im eigenen nordfriesischen Tonstudio spielte sie fast alle Instrumente selbst ein: von Klavier über Schlagzeug, Gitarre bis zu selbstgebauten Beats aus alten Pappkartons und anderen klingenden Fundstücken. Einzig von dem sie seit längerem begleitenden Cellisten Michael Becker hat sie sich Unterstützung geholt. Ich bin gespannt, wie dieser Longplayer klingt.

Das Intro beginnt dramatisch, das Cello wird in verschiedenen Tonlagen gespielt und endet abrupt. Bei „Riverside“ steht man am Lebensufer und wartet darauf, was so vorbeischwimmt, dargeboten von einer schönen klaren Stimme mit wirkungsvoll eingesetzten Stimmfetzen. Jede Beschreibung kann ich mir zum Titeltrack sparen, das überlasse ich Synje Norland höchstpersönlich:

„The Ruler of the golden Age“ folgt: eine variantenreiche Stimme mit zurückhaltender, perfekt abgestimmter musikalischer Begleitung, bestehend aus den schon beschriebenen Pappkartons, einem Percussions-Einsatz und Klatschrhythmus. Das ganze Leben ein ewiges Rennen, sei es um Glück, Ruhm, das Erreichen eines Flugzeugs oder anderes, „Running Game“ ist angefüllt mit diesem wohldosierten Gesang, den akzentuiert eingesetzten Klavieranschlägen und dem eingewobenen Cello. Eine Orgel? Ja, genau – eine tolle Idee zu „Interlude“, das in den Anfang von „Escape“ übergeht. Das Cello-Instrumental ist ein unausgeglichenes Spiel, die Tonleiter geht’s rauf und runter. Für mich hat dieses Stück eine wehmütige Komponente (erinnert irgendwie an traurige ungarische Weisen) und geht dann wieder über in einen rasanten Bienenflug. Die Töne entschwinden, kehren zurück und stoppen abrupt, ein gekonnter Tempowechsel. Wer klassische Stücke mag, wird daran seine Freude haben. Mit „Let it go“ erzählt uns die Sängerin von Momenten, die man hinter sich lassen sollte. „My heavy heart“ wird wieder vom Cello eingeleitet, die Gitarre und die Stimme setzen sich dazu bzw. agieren zusammen. Der Song ist Traurigkeit pur, gesungen und gespielt. „Delirium dive“ taucht in die Schatten ein – so klar, so düster, so herrlich dargeboten. Eine wahrlich zarte Stimme erwartet einen am Ende der CD bei „Into the Blue“, die Worte scheinen zu entschwinden und kehren kraftvoll wieder, ähnlich einer Welle.

Es offenbart sich Frauenpower innerhalb von Who says I can’t?, soviel ist sicher. Diese überrascht und vielleicht irritiert blickende Frau am Fenster, wie ich sie auf dem Cover sehe, ist beeindruckend in ihrem Gesang, sei es in den experimentellen Phasen oder in den verschiedenen Stimmungen. Synje Norland hat eine feste, klare Stimme, sie erzählt von Schmerz und Traurigkeit, von den düsteren und nachdenklichen Anteilen innerhalb eines Lebens. Ich bin froh, dass ich mich auf dieses musikalische Experiment eingelassen habe, zu bestimmten Zeiten werde ich mir die CD anhören, ich werde einfach eintauchen und lauschen. Einmal in diesem wehmütigen Gefühlsspiel drin, kann man sich schlecht entziehen, noch dazu wenn man ein Faible für klassische Musik hat. Michael Becker zeigt ebenso sein virtuoses Können mit dem Bogen. Das Instrument vermittelt so viel Stimmung wie nur möglich: tief, brummend, in tönende Höhen entschwindend, stimmungstransportierend, einfach gelungen.

Die ganze CD ist so still, so effektvoll, manchmal dramatisch, manchmal ehrlich, so anders – ja, das sollte man mal ausprobieren, wenn man diese mitschwingende Traurigkeit aushalten kann. Aber das Leben ist nicht immer nur von Sonne beschienen, also wagt es, hört es euch an.

Anspieltipp: Riverside, für Cello-Liebhaber: Escape

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Synje Norland: Who says I can’t?
norland music, 21.10.2016
€ 13,49
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Tracklist:
01 Intro
02 Riverside
03 Who says I can’t?
04 The Ruler of the golden Age
05 Bigger and better
06 Running Game
07 Interlude
08 Escape
09 Let it go
10 My heavy heart
11 Delirium dive
12 Into the Blue

Web:
www.synjenorland.com

www.facebook.com/synjenorland

www.soundcloud.com/synjenorland

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