Wundertüte

cover-TEKE-TEKE-ShirushiTEKE::TEKE, bitte, was? Aber von Beginn an: TEKE::TEKE wurde im kanadischen Montreal vom Gitarristen Serge Nakauchi-Pelletier, Drummer Ian Lettre und Posaune-Spieler Etienne Lebel gegründet. Rhythmus-Gitarrist Hidetaka Yoneyama, Bassist Mishka Stein, die Multi-Instrumentalistin Yuki Isami und Sängerin Maya Kuroki vervollständigen die Band. Als solche haben sie mit Coverversionen im Surf-Stil der in der westlichen Welt sträflich unbekannten japanischen Legende an der Gitarre, Takeshi Terauchi, begonnen. Doch dieses Konzept wurde schnell zu eng, sodass sie ihren Sound in der Breite weiterentwickelten, was schließlich in das Debütalbum Shirushi gemündet ist.
Zugegeben, ich habe von Surf Rock keine Ahnung und von japanischem Folk noch weniger. Aber ich finde den Sound von TEKE::TEKE so abgefahren, dass ich mich dennoch an eine Rezension wagen muss.

„Kala Kala“ legt einen furiosen Start hin, der mich in einen Film von Quentin Tarantino versetzt, doch in welchen? Mit dem japanischen Gesang ist das natürlich klar: Kill Bill. Spätestens „Yoru Ni“ macht im Anschluss deutlich, wofür TEKE::TEKE stehen, nämlich grenzenlose Soundexperimente. Hier treffen Big Band und Blechblasinstrumente auf Westernsounds und Folk-Elemente mit japanischer Flöte, und das alles garniert mit japanischsprachigem Gesang. Gleich im Anschluss geht „Dobugawa“ in eine sehr jazzige Richtung, die bestens in eine verr(a)uchte Bar in den 1920ern passen würde. Der Gesang ist dabei ähnlich lasziv gehaucht wie teilweise bei Nouvelle Vague. „Barbara“ hingegen strotzt vor Energie dank Punk-Riffs, Schlagzeug und Blechbläsereinsatz. Darüber hinaus passiert noch einiges mehr, auch wagt sich Kuroki an Sprechgesang.
In den repetitiven und etwas psychedelisch wirkenden Beginn von „Kizashi“ mischen sich nach und nach weitere Instrumente hinein, beispielsweise ein gezupftes Shamisen (wie ich zumindest vermute) und die Percussion. So wird die Monotonie auch ohne echten Gesang durchbrochen. Sixties Beat und japanische Flöte harmonieren zunächst wie eine Überleitung bei „Kaminari“, das mich mit der stimmlichen Eröffnung stark an Dead Can Dance und deren unvergleichliche Lisa Gerrard erinnert. Schließlich wird das Thema vom Anfang wieder aufgenommen. In „Sarabande“ kommen mir in schwarzweiß gedrehte 60er Jahre Krimifilme in den Sinn, in denen die Ganoven comichaft von Busch zu Busch hüpfen. Dann wechselt die Stimmung in einen breiten Big Band Sound. Zu schnellen Gitarren gesellt sich in „Meikyu“, ein toller Gesang, der mich etwas an Batcave erinnert, bis sich die Dramatik steigert und fast geschrien wird. Dazu bildet die wunderschön schwermütige Ballade „Tekagami“ einen starken Kontrast. Gesanglich hat das stellenweise etwas von Björk, und zu filmmusikähnlichen Arrangements klingt das Album aus.

Fazit: Für mich ist das eine echte Wundertüte, was TEKE::TEKE mit ihrem Debüt Shirushi präsentieren. Und zwar eine, die immer wieder neue Überraschungen hervorzaubert. Die vielen Bandmitglieder bringen viele unterschiedliche Einflüsse mit, die alle irgendwie verarbeitet und miteinander kombiniert werden. Ich zähle einfach mal auf: Surf, japanischer Folk, Punk, Psychedelic, Nirvana, Beat, Country, Big Band, Jazz…
Dabei verderben die Köche nicht den Brei, sondern erschaffen ein einzigartiges Ganzes, das ich gleichermaßen als schräg (im positiven Sinne, ähnlich wie beim Batcave) und faszinierend empfinde. Auch der Einfluss von Takeshi Terauchi, mit dem ich mich im Nachgang näher beschäftigt habe, lässt sich noch wiederfinden. Wer weiß, vielleicht erleben wir hier die Geburt eines neuen musikalischen Genres.

Anspieltipp: Meikyu, Barbara

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

TEKE::TEKE – Shirushi
Kill Rock Stars, Vö. 07.05.2021
MP3 8,00 $, CD 12,00 $, LP 18 $ erhältlich über Bandcamp
Homepage: https://www.teketekeband.com/
https://www.facebook.com/teketekeband
https://teketekeband.bandcamp.com/album/shirushi
https://killrockstars.com/

Tracklist:
01 Kala Kala
02 Yoru Ni
03 Dobugawa
04 Barbara
05 Kizashi
06 Kaminari
07 Sarabande
08 Meikyu
09 Tekagami

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