CD: Then Came The Rain – Eigengrau

Lasset all eure Hoffnung fahren

Eigengrau_CoverDer französische Musiker Nicolas Albin aus Poitiers ist manchen vielleicht aus der Band Lower Savage bekannt, wo er die zweite Hälfte neben Eleanor Lattner bildet. Sein Solowerk lief bislang unter dem Namen Sludge, doch nach fünfzehn Jahren wurde es Zeit für einen Namenswechsel, da der alte Name in der Musiklandschaft inzwischen inflationär verwendet wird. Mit Then Came The Rain geht sein musikalisches Schaffen nun weiter. Das Album Eigengrau ist bereits letztes Jahr pünktlich zur Vorweihnachtsdepression erschienen, aber manchmal kommen Rezensionsschreiber leider nicht rechtzeitig hinterher. Nichtsdestotrotz möchte ich euch dieses tolle Album nicht vorenthalten, das Albin komplett selbst eingespielt hat.

Schon mit den ersten Zeilen von „All grown cold“ wird unmissverständlich klar, Then Came The Rain macht keine fröhliche Musik, im Gegenteil. Der Gesang von Albin verbreitet genau diese dem Cold Wave entsprechende melancholische Tristesse, die der Bandname verspricht. Die Atmosphäre erinnert mich an eine modernere Form von Faith, dem legendären dritten Album von The Cure, dessen Cover auch nur Grautöne aufweist. Behutsam eingesetzte Keyboard-Spuren sorgen für die richtige Atmosphäre. Ob beim folgenden „Shamisen“ das japanische Saiteninstrument zum Einsatz kommt, vermag ich nicht zu sagen, aber der Bass ist dem Post Punk entsprechend düster angelegt, und die Art des Gitarrenspiels erinnert mich an Gothic Rock, nur eher mit halbem Tempo gespielt. Die musikalische Vorgehensweise insgesamt hat etwas von Sad Lovers And Giants, nur dass die Stimme hier teilweise aus dem Off kommt und dabei sehr verzweifelt klingt. Auf „Bloody Mary“ wird die Rhythmus-Sektion etwas mehr betont, und der Bass ist dabei geradezu hypnotisierend. Die wabernde Gitarre passt perfekt dazu, ebenso wie der Grabesgesang. So muss Gothic sein, dark and passionate. Die Art und Weise, mit der Albin bei „Dystopia“ die Gitarre spielt, trägt Züge von Paralysed Age, wenn die noch jemand kennt. Wir bewegen uns also auch hier im Feld des Gothic Rock.
„If what you see is an eyesore“ wird von einer schlichten, aber prägnanten Klaviermelodie dominiert, die den düsteren Gesang untermalt. Der Song ist geradezu prädestiniert für eine Mystery-Serie, eine Mischung aus Gothic und Wave. Im Gegensatz dazu wird beim folgenden „Sentence“ der Elektronik-Anteil deutlich erhöht, sodass man hier von Dark Wave sprechen kann. Ich fühle mich bei dem Track zwischen Lethargie und Energie gefangen, was aber nicht unangenehm ist. Da ist etwas, was ich noch nicht erfassen kann. Auch „A matter of convenience“ beginnt mit synthetischen Klängen, doch dann laden die Saiten von Bass und Gitarre zum Träumen ein, und im ganzen Zusammenspiel ist sie plötzlich da, die Erinnerung an Silke Bischof, die auch für den vorangegangenen Song gilt. Mit „No play boy“ ist auch ein eingängigerer Song dabei, der damit auch für etwas konventionellere Tanzflächen geeignet ist. Züge von Clan Of Xymox sind hier erkennbar. Auch „Synchronize“ bewegt sich im höheren Energiespektrum. Während der Strophe wird der düstere und monotone Gesang von einem fast schon unheimlich tiefen Bass begleitet, doch beim Refrain wagt sich Albin aus der Versenkung hervor. Dieser Kontrast beschert dem Song sein besonderes Flair. Zum Abschluss zieht „This sorrow“ den Hörer noch einmal richtig in abgründige Tiefen. Das Bassspiel ist großartig, und in der Stimme von Albin wird das ganze Elend spürbar. Die einzige höher intonierte Stelle im Song wird dramaturgisch wirkungsvoll inszeniert und erinnert ein wenig an X-Mal Deutschland.

Fazit: Als Oberbegriff für die Musik von Then Comes The Rain empfehle ich Cold Wave mit Tendenzen zu Gothic Rock, und zwar mit dem Prädikat besonders wertvoll, weil Eigengrau sehr abwechslungsreich gestaltet ist. Nur selten strahlt Musik eine solche Hoffnungslosigkeit aus. Then Came The Rain bietet damit zwar grundsätzlich den perfekten Soundtrack für jede Herbst-Tristesse, aber auch in der aktuellen Sommerhitze kann man Eigengrau zum Abkühlen nutzen und einer gepflegten Depression frönen. Schade nur, dass dieses Kleinod wohl nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten vorbehalten bleiben wird.

Anspieltipps: Bloody Mary, No play boy, Synchronize, This sorrow

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Then Came The Rain – Eigengrau
Icy Cold Records, Vö. 01.11.2018
CD 13,00 €, MP3 Download 8 € erhätlich über Bandcamp
Homepage: https://www.facebook.com/thencametherain/
https://icycoldrecords.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/icycoldrecords/

Tracklist:
01 All grown cold
02 Shamisen
03 Bloody Mary
04 Dystopia
05 If what you see is an eyesore
06 Sentence
07 A matter of convenience
08 No play boy
09 Synchronize
10 This sorrow

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