Hunger nach Leben

TCS_Hunger_CoverMit ihrem letzten Album Machine (Link zur Review) hatten die Schweden Then Comes Silence echt Pech, denn als es veröffentlicht wurde, schlug überall der Lockdown zu. Und so saß man in Stockholm fest, ohne Möglichkeit auf Tour zu gehen und es live zu präsentieren, was naturgemäß unter den Nägeln brennt. Stattdessen haben Alex Svenson (Gesang, Bass und Keyboards), Jonas Fransson (Schlagzeug), Hugo Zombie (Gitarre) und Mattias Ruejas Jonson (Gitarre und zweite Stimme) Online-only-Shows gestreamt und den vier apokalyptischen Reitern gewidmete Cover-Versionen einstudiert. Doch statt schlussendlich die Machine doch noch zu starten, konzentriert sich die Band auf das Danach, auf den Hunger nach Leben.

Mit einem experimentellen Flirren, das eine gewisse Vorfreude erzeugt, beginnt „Tickets to funerals“, das sich schließlich zu einem flotten Indie-Rocksong entwickelt. Im Anschluss ist „Rise to the bait“ eine ganze Spur melancholischer angelegt, und vor allem zu Beginn scheinen Echo and the Bunnymen nachzuhallen, deren „The Killing moon“ ja auch bei den angesprochenen Covern vertreten ist. Der melodiöse Refrain lädt zum Schwelgen ein. „Cold from inside“ zelebriert die Wave-Atmosphäre, erreicht jedoch nicht diese abgrundtiefe Verzweiflung wie The Cure Anfang der Achtziger. In Hinblick auf den Albumtitel ist das aber wohl auch nicht das Ziel gewesen. Die Düsternis, die ich zuvor etwas vermisst habe, zieht schließlich mit „Worm“ ein. Dennoch ist dies kein klassischer Gothic Rock, stattdessen machen Then Comes Silence ihr eigenes Ding. Das spürt man auch beim folgenden „Chain“, das zwar ähnlich düster angelegt ist, dabei aber mit elektronischen Elementen spielt und sogar Anflüge einer Western-Gitarre beinhaltet.
Die Gitarre in „Weird gets strange“ nimmt die Melodie von „Dead souls“ von Joy Division auf und es entwickelt sich ein toller Hybrid aus Post Punk und Gothic Rock, in dem mich das komplizierte Schlagzeugspiel besonders beeindruckt. Das sind die Momente, in denen ich Then Comes Silence am stärksten finde. Zum Glück schließt „Days and years“ auch direkt daran an, an dem ich die Bass- und Gitarrenarbeit hervorheben muss. Hier ist es noch nur eine Ahnung davon, doch die Art des Gesangs in „Blood runs cold“ hat deutlich etwas, das mich an David Bowie erinnert, irgendwie geheimnisvoll und faszinierend, während die Band einen außergewöhnlich breiten und dichten Sound dazu hinzaubert. „Pretty creatures“ ist prädestiniert für die Gothic-Tanzfläche, dunkel, eingängig und eben sehr gut tanzbar. Die Gitarren verbreiten noch dazu eine wunderbar nebelige Atmosphäre. Mit „Close shot“ wird es allerdings ruhiger und verhaltener. „Wicked game“ von Chris Isaak kommt mir dabei als Vergleich in den Sinn. „Unknowingly blessed“ beendet das Album mit Indie Rock, so wie es also auch schon begonnen hat. Leider fehlt mir dabei ein wenig der Pfiff, das gewisse Etwas.

Fazit: Hunger erscheint mir ein Bindeglied, mit dem Then Comes Silence eine Brücke schlagen zwischen den beiden Vorgängeralben Blood und Machine, und das ist durchaus gelungen. Beide Grundstimmungen lassen sich hier wiederfinden, aber ohne sich selbst zu kopieren. Post Punk, Gothic und Indie Rock sowie die Erfahrungen aus den zahlreichen Coversongs sind die Zutaten zu Hunger, das das neu aufblühende Leben feiern und den Hunger danach stillen will. Der ganz große Wurf ist zwar nach meinem Geschmack ausgeblieben, aber der gotisch-düstere Mittelteil bekommt die volle Punktzahl.

Anspieltipps: Rise to the bait, Weird gets strange, Pretty creatures

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Then Comes Silence: Hunger
Nexilis, Vö. 01.07.2022
CD 15,99 €, LP 19,99 €, Limited Boxset Edition 42,99 € erhältlich über EMP
Homepage: https://thencomessilence.eu/
https://www.facebook.com/thencomessilence
https://thencomessilence.bandcamp.com/music
https://www.facebook.com/nexilis.music

Tracklist:
01 Tickets to funerals
02 Rise to the bait
03 Cold from inside
04 Worm
05 Chain
06 Weird gets strange
07 Days and years
08 Blood runs cold
09 Pretty creatures
10 Close shot
11 Unknowingly blessed

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