Start the Machine!

Then Comes Silence hatten mich nicht nur mit dem 2017er-Album Blood begeistert (Link zur Rezension), sondern anschließend auch mit ihrem Auftritt beim Wave Gotik Treffen. Mit Blood hatte Bandleader Alex Svenson vor allen Dingen den Tod seines Vaters verarbeitet, und entsprechend düster war es ausgefallen. Was hat sich seitdem verändert? Sie sind vom Branchenriesen Nuclear Blast zum kleineren Spv-Sublabel Oblivion gewechselt, und Alex hat zwischendurch sogar ein komplettes Album wieder verworfen. Außerdem haben die Gitarristen Jens Karnstedt und Seth Kapadia die Band verlassen. Dafür sind Mattias Ruejas Jonson, zuvor bei den Stockholmer Kollegen A Projection, und Hugo Zombie von den spanischen Deathrockern Los Carniceros Del Norte neu im Boot, der außerdem als Live-Musiker für die Gothic-Rock-Götter Fields of the Nephilim gespielt hat. Jonas Fransson sitzt natürlich nach wie vor an den Drums. Ob und wie sich das alles ausgewirkt hat, hören wir uns jetzt auf dem neuen Album an. Start the Machine!

Der Opener und Vorab-Release „We lose the night“ knüpft an Blood an. Schöner und eingängiger Düsterrock, und dazu die unverkennbare Stimme von Alex. Vor allem das Gothic-Rock-Gitarrenspiel weckt bei mir die Lust auf mehr. Doch dann ist das folgende „Devil“ deutlich unkonventioneller, sperriger und irgendwie psychedelisch angehaucht. Sicher, diesen Einfluss konnte man auch schon früher hier und da ausmachen, aber so prägnant überrascht mich das schon. Zum Glück dreht Alex seinen Bass für „Dark end“ deutlich auf und weckt damit teilweise Erinnerungen an The Sisters Of Mercy. Trotz des vielleicht etwas zu eingängigen Refrains kann man sich hierzu in die Gruft zurückziehen. Das Schlagzeug von „I gave you everything“ wirkt wie von „Bela Lugosi’s dead“ von Bauhaus inspiriert, und dazu brummt der Bass eine einfache, aus nur drei sehr tiefen Noten bestehende Tonfolge. So weit, so gut, doch dann kommt wieder eine schräge Gitarre hinzu, und das Drumming geht in etwas Frickeliges über, das ich eher bei Club-Electro erwarten würde. „Ritual“ hingegen ist Dark Indie Rock, bei dem eine zweite, weibliche Stimme im Wechselspiel hinzukommt und für Abwechslung sorgt. Das Finale des Songs wird in einem schönen Duett gesungen.
Auch das folgende „Apocalypse flare“ würde ich trotz einiger gotischer Elemente im selben musikalischen Genre verorten. Dafür kehrt mit „W.O.O.O.U.“ der Gothic Rock zurück, zumindest bis der Gesang von Alex einsetzt. Denn plötzlich klingt er wie Bono von U2 in den Achtzigern. Das ist alles andere als schlecht, aber einfach unerwartet. Die Gitarrenarbeit von „In your name“ ist von „Dead Souls“ von Joy Division inspiriert, und es entwickelt sich ein toller Song, der Gothic Rock und Post Punk wunderbar kombiniert. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Das folgende „Glass“ ist etwas sperrig und experimentell, und ich meine, New-Wave-Einflüsse wie Devo und Soft Cell auszumachen, die Then Comes Silence dabei auf ihre dunkle Seite ziehen. Diese Kombination finde ich äußerst gelungen, und vielleicht ist das sogar mein Favorit auf Machine. Leider folgt mit dem vergleichsweise ruhigen „Kill it“ der Song, der mir am wenigsten sagt. Dafür versöhnt mich das großartige Gitarrenintro von „Cuts inside“ direkt wieder, auch wenn der Song insgesamt in Indie-Gefilden bleibt.

Fazit: Then Comes Silence machen noch immer keine fröhliche Musik, die stilprägenden Elemente aus Post Punk und Gothic Rock sind immer noch vorhanden. Und doch ist etwas anders. Sie sind mehr zu einer – zugegeben immer noch düsteren – Indie-Rock-Band geworden, was nicht unbedingt schlecht sein muss und hier auch keinesfalls ist. Trotzdem muss ich gestehen, dass mein Gothen-Herz den alten Zeiten etwas hinterhertrauert und dass mir die Franzosen Joy/Disaster, die ihren Sound ähnlich erweitert haben, besser gefallen. Aber natürlich ist es wie immer wichtig, sich selbst ein Bild zu machen, und vielleicht muss ich die neuen Songs erst noch live wirken lassen. Start the Machine!

Anspieltips: We lose the night, Ritual, In your name, Glass
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Then Comes Silence: Machine
Oblivion (Spv), Vö. 13.03.2020
16,45 € POPoNAUT

Homepage: http://thencomessilence.eu/
https://www.facebook.com/thencomessilence
https://www.facebook.com/oblivionrecords/
https://www.facebook.com/spvhannover/

Tracklist:
01 We lose the night
02 Devil
03 Dark end
04 I gave you everything
05 Ritual
06 Apocalypse flare
07 W.O.O.O.U.
08 In your name
08 Glass
09 Kill it
10 Cuts inside

(434)