Wal(t)zer in D-Minor

Jetzt, da langsam der Herbst naht und es den geneigten Rezensenten nach etwas Melancholisch-Atmosphärischem dürstet, tritt just eine neue Band auf den Plan, die beides meisterlich zusammenführt. Die seit 2002 agierende Formation Tomorrow´s Rain wurde in Tel Aviv gegründet und veröffentlichte vor kurzem das mir vorliegende Debütalbum Hollow. Besonders bemerkenswert ist die Unterstützung durch diverse hochkarätige Größen des Doom Metals, als da wären: Aaron Stainthorpe (My Dying Bride), Greg Mackintosh (Paradise Lost) und noch einige mehr. Das zeugt davon, dass man von ihren Fähigkeiten und ihrem Können überzeugt ist. So verwundert es nicht, dass AOP Records sich dieses Juwel geangelt haben. Meine Freude, das Album zu hören und zu besprechen, stieg ins Unermessliche und ich möchte euch nicht länger auf die Folter spannen.

Die nun folgenden knapp 52 Minuten feinstes Doom/Death/Gothic Metal sind, was mir sofort auffällt, mit einer Produktion versehen, die an die glorreichen 90er Jahre erinnert. Recht roh und erdig und vor allem gruftig (nicht gothic). Zu Beginn hat sich Tomorrow´s Rain entschlossen einen Track zu positionieren, der ganz ohne Gast-Vocals auskommt, also sozusagen Tomorrow´s Rain pur. „Trees“ ist ideal gewählt und führt gleich die Vielseitigkeit der Band zu Ohr. Beginnend mit einem schönen Post-Rock-Sound mitsamt schwurbelnder Gitarre entwickelt er sich immer weiter Richtung Gothic Metal, um dann in einem Strudel aus Post Black Metal und tiefen Death-Metal-Growls zu münden. Diese Melodien muss man gehört haben. Bereits im zweiten Stück „Fear“ ist Aaron Stainthorpe (My Dying Bride) beteiligt. Eine unglaublich triste, zähe Nummer, die mich an Orphaned Land und My Dying Bride denken lässt. Die eingestreuten fernöstlichen Instrumente interagieren sehr gut mit der ansonsten alles im Keim erstickenden Schwere. Nach nur zwei Stücken kommt das Album schon in die enge Wahl zum Album des Jahres 2020! „A year I would like to forget“ ist einfach nur erdig. Eine wirklich gelungene Nummer, die sehr von Heavy Metal beeinflusst ist. Ein herrlich stampfender Rhythmus gepaart mit einer Melodie, die sich nicht nur ins Hirn fräst, und zum Schluss mit einem sehr gelungenen Ausflug ins Black Metal endet. Nach mehrmaligem Hören reißt mich diese Nummer immer mehr mit. „In the corner of a dead end street“ ist in meinen Ohren feinster Doom Death Metal, wie ich ihn mir immer gewünscht habe. Ich mochte zwar Bands wie Dismember und Morbid Angel auch, aber eigentlich wollte ich immer so einen Sound wie in diesem Stück. Melodisch bis zum Äußersten und mit Growls von Greg Mackintosh (Paradise Lost) und Sakis Tolis (Rotting Christ) veredelt. Könnte auch für alte Candlemass-Anhänger interessant sein. Mein besonderer Anspieltipp für euch folgt mit „Misery Rain“. Traumhaft wandlerisch wird eine Soundbreite aufgefahren, dass man sich darin verlieren könnte und am liebsten nie wieder herausfinden möchte. Man muss auch immer wieder auf die Meisterleistungen der Gastsänger eingehen und in diesem Fall Fernando Ribeiro (Moonspell) und Mikko Kotamaki (Swallow the Sun) ein Kompliment aussprechen. Falls bisher doch noch ein Lichtstrahl überlebt hat, so wird ihm in „Into the mouth of madness“ der Garaus gemacht. Jeff Loomis (Nevermore) und Kobi Farhi (Orphaned Land) legen ihre Growls über eine von Hoffnungslosigkeit durchtränkte Elegie, die schwärzer nicht sein könnte. „Hollow“ featuring Spiros Antoniou (Septicflesh) ist nicht nur titelgebend, sondern auch das mit Abstand oldschooligste Stück des Albums. Ein kriechender Bastard aus uralt Death Metal der Marke Grave, der den Duft von Moder förmlich aus den Boxen kriechen lässt. Genial, sage ich euch! Frei nach dem Motto „Das Beste zum Schluss“ steht am Ende des Albums eine mehr als majestätische Neuinterpretation eines meiner absoluten Lieblingssongs von Nick Cave, „Weeping Song“. Gesangstechnisch wieder unterstützt von Kobi Fahri, Anders Jacobsson (Draconian) und, haltet euch fest, Lisa Cuthbert (weibliche Live-Sängerin der Sisters of Mercy) wird eine sehr downgeslowte Version vorgetragen, die zu keiner Sekunde an das Original erinnert. Das ist eigentlich das, was man von einem Cover erwartet! Gegen Ende erinnert mich die Musik an Katatonia, Draconian und auch Swallow the Sun. Gänsehaut pur!

Mein Fazit habe ich fast während der Review verbraten, aber nichtsdestotrotz möchte ich euch dieses Album wirklich ans Herz legen. Eine perfekte Symbiose aus Doom Metal und Death Metal, wie ich sie länger nicht mehr gehört habe. Die Produktion ist erdig und fett, und das Coverartwork zeugt von Olschool-Ideologie. Für Melancholiker, Träumer, Wandler, Denker, aber auch für die, die mit einem richtig guten Album in die Doom-Metal-Materie einsteigen möchten, und besonders für Fans von Swallow the Sun, My Dying Bride und Draconian zu empfehlen. Herbst, komm endlich!

Tomorrow´s Rain: Hollow
Vö. 11.09.2020
Album: https://artofpropaganda.bandcamp.com/album/hollow
CD 12,99 €

Band: https://tomorrowsrain.bandcamp.com/album/hollow
Facebook: https://www.facebook.com/TomorrowsRain/

Tracklist
1 Trees
2 Fear
3 A year I would like to forget
4 In the corner of a dead end street
5 Misery rain
6 Into the mouth of madness
7 Hollow
8 Weeping song (Nick Cave Cover)

 

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