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Bandporträt-Review/DEMM 2017: Mayhem: The Death Archives

MAYHEM-LOGO

Pure Fucking Mayhem in München!

Das Dark Easter Metal Meeting 2017 ist mit 25 Bands an zwei Tagen eine Herausforderung ans Durchhaltevermögen der Besucher – und auch im Vorfeld schon eine an die Vorbericht-Schreiber. In diesem konkreten Fall: Wie stellt man eine Band vor, die eigentlich nicht vorgestellt werden muss? Jeder Metalfan da draußen, selbst diejenigen, die vom Schwarzmetall sonst eher Abstand halten, hat schon von Mayhem gehört – von ihrem abgefuckten Bassisten Necrobutcher, der betrunken „Fuck you!“ in die Kamera grölt, von ihrem Sänger Dead, der sich 1991 das Gehirn weggepustet hat, von ihrem Gitarristen Euronymous, der Deads Leiche entdeckte, Fotos davon machte und einen Knochensplitter vom Schädel seines toten Freundes um den Hals trug, bis er von Burzums Varg Vikernes erstochen wurde … Mayhem ist umgeben von Geschichten, die längst zu Mythen geworden sind. Immer und immer wieder wurden sie erzählt, in Interviews, von Journalisten und Autoren, und immer ein wenig anders, sodass einige dieser Mythen inzwischen nichts mehr mit dem zu tun haben, was damals passiert ist.

the-death-archives-jorn-stubberud-book_lrgDamit machte Jørn Stubberud, besser bekannt als Necrobutcher und seines Zeichens Bassist bei Mayhem, zum 30. Jubiläum der Bandgründung zumindest teilweise Schluss und veröffentlichte seine ganz persönliche Erinnerung an die ersten zehn Jahre Mayhem in der illustrierten Biografie Mayhem: The Death Archives 1984-94, die ein Jahr später auch auf Englisch erschien. Zusammen mit dem Journalisten Svein Strømmen durchforstete er sein Archiv und förderte Bilder zutage, die die Metalwelt so noch nicht gesehen hat (und das ist wörtlich gemeint: Im Vorwort schreibt Necrobutcher, dass er dabei unter anderem Negative früher Fotosessions entdeckt habe, die man damals nicht entwickelt hätte, da jede Krone in Briefmarken investiert worden sei). Dazu gehören Standbilder aus Videoaufzeichnungen der ersten Konzerte ebenso wie die erste Fotosession mit Blut und Corpsepaint, die erste handgezeichnete Version des berühmten Logos und natürlich auch der allererste Schweinekopf. Begleitet wird das Bildmaterial von Anekdoten und Anmerkungen, die Schlaglichter auf die Menschen werfen, die damals mit Mayhem verbunden waren. Wer nach Blut und Skandal sucht, wird enttäuscht werden: Necrobutcher erzählt ganz ohne diese TRVE-KVLT-Aura, die Berichte über Norwegens Black-Metal-Szene in den Achtziger- und Neunzigerjahren sonst gerne umgibt. Necrobutchers Version der Ereignisse der ersten Jahre erzählt von zwei Freunden, die sich zusammengetan haben, um in einem alten Schweinestall die Songs ihrer Lieblingsbands Venom und Celtic Frost nachzuspielen; von Euronymous, der lieber Coca-Cola als Alkohol getrunken hat, bis er in Deutschland Jägermeister entdeckte; von Interrail-Trips durch Europa, auf denen sie ihr Demo-Tape Pure fucking Armageddon verkauften (und auf dem sie mit Pizza Frutti di Mare in Kontakt kamen und sich fragten, wer diese kulinarische Monstrosität in die Welt gesetzt hat) – kurz: von Teenagern, die nirgendwo wirklich dazugehörten, die sich von der Gesellschaft ausgestoßen fühlten und ihr das auf ihre Weise heimzahlten. Mayhem, diese mythologischen Misfits, werden in diesem sehr lesenswerten Buch zu realen Personen.

Mayhem: The Death Archives ist obendrein die perfekte Einstimmung auf den DEMM-Gig in diesem Jahr, denn die Band zelebriert schon seit geraumer Zeit den 20. Geburtstag ihres Debütalbums De Mysteriis Dom Sathanas von 1994 mit einer Liveshow der besonderen Art, auf der das komplette Album gespielt werden wird. Einen Vorgeschmack auf De Mysteriis Dom Sathanas Alive gibt es auf der Mayhem-Bandcamp-Seite. Necrobutchers Memoir Mayhem: The Death Archives 1984-94 ist auf Englisch in der Ecstatic Peace Library erschienen und für € 47,99 im Buchhandel erhältlich.Ester Segarra

Bild: thetruemayhem.com/Ester Segarra

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  1. […] Marduk und Mayhem steht uns am DEMM-Ostersonntag noch ein drittes Urgestein des extremen Schwermetalls ins Haus: […]

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