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Doctor WHO?

 

new-doctor-who-logoDu weißt nicht, was passiert ist. So schnell. Du bist nur noch gerannt, gerannt wie niemals zuvor in deinem Leben, gerannt, wie es jede Zelle deines Körpers unter letzter Aufopferung und völliger Selbstaufgabe zugelassen hat – plötzlich waren sie da, plötzlich haben sich diese Graffiti bewegt und aus der Wand gegriffen. Dein bester Freund wurde von ihnen gepackt und in die Wand gerissen, du hast es nicht gesehen, nur gehört, du wagtest nicht, dich umzudrehen.
Jetzt bist du in diesem Abstellraum, die Tür verschlossen, aber du weißt, es wird sie nicht aufhalten. Du hörst dich atmen und ein surrendes, hohes Geräusch. Klick. Die Tür springt auf, doch statt dieser Gestalten steht da ein bizarr gekleideter Mann – er reißt dich aus dem Raum und sagt nur ein Wort: ,,Lauf!“ Du läufst, du vertraust ihm, vielleicht hast du eine Chance – auf alle Fälle hast du Hoffnung!

Doctor Who ist ein echtes Phänomen. Seit über 50 Jahren läuft die erfolgreichste Science-Fiction Serie der Welt bei der BBC und begeistert noch immer die Zuschauer. Am Sonntagabend sammeln sich Familien vor dem Fernseher, um die Abenteuer eines Außerirdischen zu verfolgen, der in einer Notrufzelle durch Raum und Zeit reist und Welten rettet. Klingt abgefahren? Ist es irgendwie auch. Vor allem ist es aber spannend, kultig, humorvoll, emotional und hochgradig suchtfördernd.

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Der erste Doctor: William Hartnell

Die Frage, was oder wer Doctor Who ist, lässt sich schwer beantworten – die Serie läuft immerhin (mit 16-jähriger Unterbrechung von 1989 bis 2005) seit 1963. Die Erstausstrahlung war ein katastrophaler Flop – die Masse der Zuschauer interessierte sich mehr für die Ermordung von J. F. Kennedy am Vorabend. Die zweite Episode schaffte es auf über 10 Millionen Zuschauer. 1989 wurde die Serie auf Eis gelegt. Es gab einen Kinofilm, der ziemlich amerikanisch wirkt und entsprechend schlecht von der vornehmlich britischen Fangemeinde angenommen wurde. Außerdem wurde die 16 Jahre währende Lücke mit Segen der Produzenten und mit den Originalschauspielern als Sprechern durch Hörspiele gefüllt. Der Doctor mag nicht auf den Fernsehschirmen gezeigt worden sein, aber er rettete weiter das Universum, die Erde oder nur sich und seine Begleiter.
2005 belebte die BBC die Serie wieder. Obwohl sie seitdem spürbar anders als die „klassische Serie“ ist und die Staffelzählung neu begonnen wurde, ist „New Who“ (wie die Geschichten des Doctors seit 2005 von Insidern genannt werden) eine Fortführung, kein Reboot, aber dennoch in gewisser Weise unabhängig.

Sieht aus wie eine Telefonzelle: Die TARDIS

Die Serie dreht sich um den Doctor, einen humanoiden Außerirdischen, dessen wirklichen Namen die Zuschauer nie erfahren haben (daher Doctor „Who?“). Er ist in einem Raumschiff bzw. einer Zeitreisekapsel (genannt TARDIS – Time And Relative Dimension(s) In Space) unterwegs und versucht mit seinen Reisen vor allem der Langeweile zu entfliehen. Doch über kurz oder lang stolpert er immer wieder in größere sowie kleinere Abenteuer und rettet nicht selten London, einen Planeten oder gleich das ganze Universum. Er hat Begleiter und Begleiterinnen, die am Anfang noch eine reine dramaturgische Notwendigkeit waren, da der Doctor ohne sie ständig Selbstgespräche hätte führen müssen. Doch bald schon haben sich die Begleiter vom Dasein als reiner „fictus interlocutor“ befreien können und steuern eigene Dynamik bei, stehen teilweise oft selbst mehr im Mittelpunkt einer Episode als der Doctor.

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Feinde des Doctors damals …

Der Doctor kämpft nur, wenn es gar nicht anders geht, denn die Serie war anfangs auch für Kinder im Rahmen des „Educational TV“ entwickelt worden. Er versucht immer (und meist erfolgreich), gefährliche Situationen mit Wissen, Reden und Denken zu lösen; erst wenn dies scheitert, greift der Doctor zu gewaltsamen Lösungen, die allerdings weniger in direkter Gewaltanwendung bestehen, sondern meist darin, dass er die Stärken und Schwächen eines Gegners gegen diesen einsetzt.
Der Handlungsstrang der einzelnen Folgen verläuft unterschiedlich. Meistens kommt der Doctor mit seinen Reisegefährten zufällig irgendwohin, wo es entweder gerade oder kurz nach seiner Ankunft ein akutes Problem gibt, das gelöst werden muss (später erfährt man auch, wieso er derart akkurat „zufällig“ an diese Orte gelangt, aber wir wollen nichts vorweg nehmen). In seltenen Fällen wird der Doctor auch durch einen Freund zu Hilfe gerufen.
Den Folgen liegt in der Regel kein schwarz-weiß gedachtes Gut-gegen-Böse-Schema zugrunde. Die Rollen sind niemals festgelegt – so können bereits in den 60er Jahren Menschen selbstsüchtige Heuschrecken sein, gegen die sich seltsam aussehende Außerirdische verteidigen müssen und denen der Doctor dann hilft. Oft werden Charaktere durch tragische oder bedrängende Umstände „böse“, nicht selten entsteht namenlos Böses auf einem mit guten Vorsätzen und besten Absichten gepflasterten Weg.

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… und heute: Daleks

Der Doctor geht in diesem Universum voller Licht und Finsternis seinen Weg und entwickelt sich dabei von einem eigenbrödlerischen und schrulligen Großvater (1963) zu dem aufkommenden Sturm, der das Universum vor der Finsternis schützen möchte. Auch seine Begleiter entwickeln sich über sich hinaus (oder die Menschen, deren Leben er streift). Es geht um Abenteuer, darum, sich für das Richtige zu entscheiden – und manchmal geht es darum, dass man vor zwei unmöglichen, schrecklichen Entscheidungsmöglichkeiten steht und man sich dennoch entscheiden muss. Aber auch darum, niemals aufzugeben oder einzulenken, wie finster die Stunde auch scheinen mag. Denn das Wichtigste hat man immer: Hoffnung. „Doctor“ kann man in dieser Serie übersetzen als „der die Menschen besser macht“.

Das war Teil 1 unserer Doctor-Who-Reihe von lateranus. Weiter geht es nächsten Montag mit Teil 2: „W(h)o anfangen?“

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