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Ein persönlicher WGT- und Gothic-Pogo-Festival-Bericht

Mrs. Hyde beim Shoppen und Tanzen

 

 Freitag, 22. Mai 2015

Da ich im vergangenen Jahr beruflich absolut keine Zeit hatte, um neue passende Outfits zu entwerfen, besuchen wir keines der beiden viktorianischen Picknicks, sondern starten entspannt mit Shopping in der Agra. Wir kaufen zwar nur Kleinigkeiten, trotzdem ist die zu Beginn erstandene riesige Frankenstein-Handtasche anschließend randvoll. hydie_frankensteintascheDer Trend geht eindeutig weg von billig in Asien produzierter Massenware zu mehr hochwertigen und phantasievollen, oft handgemachten Einzelstücken, was mir gut gefallen hat. Auch wenn es beim Thema Steampunk ja eigentlich darum geht, seiner eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen und alles möglichst selbst zu machen. Der unsägliche VAWS-Stand wurde zum Glück in die Hallenecke gedrängt, wo er wenig Beachtung fand. Noch besser wäre es natürlich, den nächstes Jahr endlich ganz aus der Halle zu verbannen.
Die Bands im Felsenkeller waren zwar allesamt interessant, aber dieses WGT werden wir teilweise die bekannten Pfade verlassen und mehr uns bislang unbekannten Bands eine Chance geben. So begeben wir uns nach nebenan ins Heidnische Dorf. Viel ist dort noch nicht los, zu Tibetréa wandern wir von Stand zu Stand. Cromdale können danach die ersten Mettrunkenen zum Tanzen animieren, auch wenn mir die Musik irgendwie zu prollig ist, aber so empfinde ich für das ganze Mittelalter-Genre. Erstes Highlight des Tages (und der eigentliche Grund, um im Heidnischen Dorf zu verweilen) sind Bergtatt aus Norwegen. Sie präsentieren Folkrock mit mittelalterlichen Anleihen dank Drehleier und vertonen alte norwegische Volkslieder. Die norwegische Sprache macht dabei den Kick in einem tollen Gesamtpaket aus, sodass die Band ein deutlich größeres Publikum verdient hätte.
Was mit der Gothen-Tram unmöglich wäre, geht im eigenen Auto: in 15 Minuten zum Felsenkeller, denn da spielen Two Witches, die ich bislang noch nie gesehen habe. Der Sound ist zum Glück okay, und so haben die Band und ich unseren Spaß. Anschließend ist eigentlich Nosferatu geplant, aber da ich sie letzte Jahr erst beim DMF gesehen habe, fahren wir spontan ins Werk II zum Gothic Pogo Festival, sodass sich auch der extra Eintritt lohnt, aber dazu am Ende gesondert mehr.

Sonnabend, 23. Mai 2015

Das Täubchental steht heute im Zeichen des Gothic Rock, und Doppelgänger sind die erste Band des Tages. Der Sound ist amtlich, und noch amtlicher ist der Iro des Sängers, dessen Stacheln gefühlt einen Meter nach oben stehen. Beeindruckend! Weiter geht es mit Ghost of Dawn. Deren Musik ist gut, die Lieder hören sich aber mit zunehmender Dauer ähnlich für mich an, sodass wir nach dreißig Minuten die Atmosphäre im Innenhof genießen, wo der Sound sogar auch noch einigermaßen zu hören ist. Twisted Nerve treiben uns wieder in die Halle, machen aber ihrem Namen alle Ehre, da sie mir mit zunehmender Konzertdauer auf die Nerven gehen, dabei mag ich sie von der Konserve echt gerne. Mit dem Eindruck war ich nicht allein, manche Bands kommen scheinbar live einfach nicht so gut rüber wie vom Album. Es war aber mein erstes Konzert, also mal das nächste abwarten.
Auf Frank the Baptist hatten wir uns besonders gefreut, leider wurde der Sound komplett vermurkst. Wir standen extra mittig auf der Empore, allerdings rumpelte der Baß so dermaßen, dass die spezielle Stimme von Frank ziemlich unterging. Schade. Freunde von uns brechen nun ohne mich zur Fields of the Nephilim auf, aber ich bin die letzten Jahre zu mehreren Fields-Konzerten angereist, die Götter mögen es mir dieses Mal verzeihen. So schlecht war die Entscheidung scheinbar nicht, denn es herrscht Einlassstop, und so war die Taxifahrt meiner Freunde leider umsonst. Bei den nun folgenden The March Violets wurde der Sound aber leider irgendwie auch nicht besser, sodass wir spontan entscheiden, zu Agent Side Grinder ins Stadtbad zu fahren. Abgesehen davon, dass wir einen Freund aus Wien nach zwei Jahren wiedertreffen, wird die Aktion zum Totalreinfall. Anstatt zu beginnen, als wir nach Zeitplan eintreffen, wird scheinbar immer noch Soundcheck gemacht. Sage und schreibe vier (!) verschiedene Leute testen nach und nach das Mikro, ich komme mir schon verarscht vor. Mit mehr als 30 Minuten Verspätung beginnt endlich das Konzert, aber was ist das? Indiana Jones kommt auf die Bühne, komplett mit Lederjacke, Pilotensonnenbrille und albernem Schlapphut, nur greift er statt zur Peitsche zum Mikrofon. Mit seinen merkwürdigen Verrenkungen wirkt er wie ein schlechter Komiker, es ist echt nicht zum aushalten. Also setzen wir uns hin und konzentrieren uns auf das Wesentliche, die Musik. Die wird nämlich schlagartig besser, wenn man den Anblick des Sängers nicht ertragen muss. Respekt für die Band, deren minimaler Elektrosound tatsächlich live auf analogem Equipment gespielt wird und niemand, wie leider so oft, einfach nur einen Knopf auf einem angekauten Apfel drückt.

Zur Aftershow Party holen wir noch zwei Freundinnen ab und versumpfen bis früh um 04:00 auf einer extra für das WGT gothisch-80er inspirierten schwul-lesbischen Party in irgendeinem Industriebau in der Karl-Heine-Straße. Es war brechend voll und heiß, ebenso die Stimmung. Die Freundinnen blieben übrigens noch bis 09:00.

Sonntag, 24. Mai 2015

 

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Heute starten wir mit Ash Code in der Kuppelhalle im Volkspalast, die mich mit der Atmosphäre, die sie erzeugen, auch direkt begeistern. Ganz im Gegensatz zu Schonwald gleich nebenan in der Kantine, die ich als ziemlich belanglos empfinde. Furchtbar finde ich sogar das Cover von „A Forest“, dessen Original ich noch von der gestrigen Party im Ohr habe. Irgendwie habe ich mit der Kantine immer Pech. Keluar fand ich beim Reinhören sehr interessant, aber leider vibriert der Baß so extrem, dass mir der Marmorboden eine Fußmassage verpasst und mein Magen das Hüpfen beginnt, da bleibt mir nur der Parkplatz. Da Veil of Light auch nicht unser Gefallen findet, warten wir einfach schon mal auf King Dude. Und der ist dann auch richtig nett. Ihr wisst ja, was man über nett sagt. Jedenfalls ist der mit seiner Akustikgitarre und seinem Country-inspiriertem Neofolk so nett, dass ich einschlafe. Allen gefällt es – außer mir. Zum Glück sind wir nebenan im Tittendom (Kohlrabizirkus) bei Vive la Fête mit einem alten Freund aus Kiel und seiner 5-jährigen Tochter verabredet, die nun schon das 6. WGT besucht. Sängerin Els Pynoo rockt wie gewohnt die Hütte, auch wenn ihre Energie in einem kleineren Club deutlich besser das Publikum erreicht. Anschließend werden wir sehr positiv von Kirlian Camera überrascht, wobei uns die Songs, die Elena Fossi vorträgt , deutlich besser gefallen als die von Angelo Bergamini.

Zur Aftershow Party wollen wir zunächst zur Remember the 80s-Party in Noells Ballroom, allerdings herrscht wegen Überfüllung Einlassstop, also fahren wir direkt weiter zum Werk II zur Gothic Pogo Party.

Montag, 25. Mai 2015

Nach einem nachmittäglichem Abstecher zur Agra-Halle, wo ich mir eine Fields-Kapuzenjacke kaufe, um die Götter zu besänftigen, machen Otto Dix den Anfang im Felsenkeller mit klassikinspiriertem Dark Wave und echter Geige auf der Bühne. So toll das Gesamtpaket aus Musik ist, dem expressionistischem Bühnengebahren des Sängers, das perfekt zum Bandnamen passt, und dem russischem Gesang, so mies ist leider wieder einmal der Sound im Felsenkeller. Als ich reinkomme, werde ich mit Future-Pop empfangen, so laut hämmert der Bass. Ich denke sogar zunächst, da spielt die falsche Band. Der Bass wird dann zwar etwas reduziert, ist aber immer noch viel zu dominant. Weiter geht es dann im Täubchental mit den Zombiesuckers, die Punkrock mit Horrortexten präsentieren. Sie geben sich zwar alle Mühe, trotzdem empfinde ich sie als ziemlich durchschnittlich, jedenfalls können sie bei weitem nicht mithalten mit Rezurex, deren hymnischer Psychobilly einfach eine Klasse für sich ist.
Die nun folgenden The Other haben wir schon oft gesehen, außerdem hätte ich um nichts in der Welt The Exploding Boy im Landratsamt verpassen wollen. Die Band überrascht live mit vier Gitarren und endlich einem Live-Drummer, somit wird das für mich persönlich das beste Konzert vom ganzen WGT.

Anschließend fahren wir direkt zurück zum Täubchental, wo die klimatischen Bedingungen deutlich angenehmer sind, um uns von Koffin Kats noch einmal Psychobilly um die Nase blasen zu lassen, und was für welchen. Die Katzen spielen scheinbar die Show ihres Lebens, und das Publikum vor der Bühne flippt komplett aus, die erste Hälfte der Halle ist eine einzige brodelnde Pogo-Masse. Was für ein Abschluss für das WGT! Der Montag war eindeutig das Highlight, dabei ist er oft eher der Tag, der halt auch noch da ist. Außerdem treffe ich noch Brigitte Handley, auf deren Konzerte ich es leider nicht geschafft habe.

Die Musik auf der anschließenden When-we-were-young-Aftershow-Party ist wie gewohnt gut, aber nach einer Stunde streichen wir die Segel, es stecken halt doch schon vier Tage Festival in den alten Knochen.

Gothic Pogo Festival

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Die Gothic Pogo Party ist eine legendäre Aftershow-Party, die sonst in der alten Damen-Handschuh-Fabrik beheimatet gewesen ist, welche mittlerweile geschlossen wurde. Die Gothic Pogo Party feiert dieses Jahr das 10-jährige Bestehen, also wurde kurzerhand das Werk II gemietet und das Gothic Pogo Festival eine Runde größer aufgezogen, welches eine weniger kommerzielle Alternative für diejenigen bietet, die sich eine WGT Karte nicht leisten können oder wollen.
The Creeping Terrors sind am Freitag schon vorbei, als wir im Werk II eintreffen. Ich bin ja gespannt, ob die Party auch im größeren Rahmen mit wesentlich mehr Platz noch funktioniert, denn ich befürchte, dass es sich ein bischen verlaufen wird. Aber ich werde positiv überrascht. Das Ambiente im Werk II kennt das Publikum ja schon sehr gut von den Batcave- oder Horrorpunk-Tagen, von daher muss man sich gar nicht groß umstellen, und mehr Platz zu haben erweist sich als sehr angenehm. Der Innenhof lädt wie immer schön zum Unterhalten ein, und die Halle D ist durch Trennwände geschickt von der dortigen Bar abgeteilt, sodass der Raum zum Tanzen nicht zu groß wirkt. Außerdem macht die liebevolle Deko ihr Übriges.

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Als nächstes unterhalten uns BA 13. Die Franzosen sind nicht schlecht, aber so recht mögen sie bei mir nicht zünden. Deutlich besser sind dann Murder at the Registry, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Ich habe sie zwar energiegeladener in Erinnerung, aber wir werden halt alle älter. Richtig unter Strom stehen dann die verrückten Spanier Los Carniceros del Norte.

hydie_los-carnicerosSie deathrocken sich wie immer die Seele aus dem Leib und haben die letzten Jahre vier neue Alben produziert. Die Jungs müssen wohl wie viele Spanier arbeitslos sein, sonst ist mir schleierhaft, wo sie die Zeit dafür hernehmen. Nun folgen, von vielen sehnsüchtig erwartet, 1919. Auch ich habe diese Batcave-Legende noch nie live gesehen. Und Batcave ist es wahrlich, die Gitarre sägt ins Gehirn, der Gesang ist ultraschräg – auf die Dauer echt anstrengend, aber so ist Batcave nun manchmal. Was bei einzelnen Songs echt super ist, kann für ein ganzes Konzert irgendwann zu viel werden, nur die Hartgesottenen halten wirklich bis zum Schluss durch. Wir sind dann lieber noch mal in der Halle D zum Tanzen, wo gerade die Augsburger von der DecaDance-Party auflegen.
Am Sonntag sind wir wieder zur Aftershow-Party da, unsere Freunde The Ringo und M legen auf. Überraschenderweise spielen noch Kas Product, ein interessantes Projekt, dessen Sound ich jetzt gar nicht mehr beschreiben kann. Irgendwie ist es wie ein Familientreffen, weil viele Freunde aus München, Augsburg, Berlin, Wien, Leipzig und sonstwo da sind, dementsprechend ist es schon wieder 05:00 bevor wir heimfährts fahren.

Beitrag von Mrs. Hyde

Bandfoto 1: Ash Code
Bandfoto 2: Los Carniceros del Norte
Alle Fotos sind von Darklark (tack!)

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1 Antwort
  1. modermichl
    modermichl says:

    Guter und sachlicher Bericht. Übrigens, ich war in Noels Ballroom. Eine tolle Location, leider immer heiss und voll.

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