Belgisches Märchen

Es war einmal im belgischen Lessinnes, der Geburtsstadt des berühmten Malers und Surrealismus-Vertreters René Magritte, genauer gesagt 1986. Drei Teenager-Freunde gründen aus Langeweile eine Band, The Ultimate Dreamers. Sie begeistern sich für belgischen Cold Wave und englischen Post Punk und starten in der Konstellation mit Frédéric als Sänger, Laurent am Bass und Joël, der die Synthesizer bedient. Zwei Jahre später stoßen Bassist Bertrand und Stéphane an den Synthesizern hinzu, während Laurent ans Schlagzeug wechselt und Frédéric die Gitarre für sich entdeckt hat. 1990 nehmen sie schließlich in kompletter Eigenregie ein Tape auf, doch weiter geht es nicht. Die Band und vor allem diese C-60 Kassette geraten in Vergessenheit.
Doch dann kommt Corona, und wie bei so vielen anderen auch wird im Lockdown mal ordentlich aufgeräumt und das verschollene Tondokument wiederentdeckt. Restauriert und neu gemastert präsentieren The Ultimate Dreamers nun mit 31 Jahren Verspätung ihr Debütalbum Live happily while waiting for death. Die Geschichte dahinter mutet schon irgendwie märchenhaft an.

Gleich zu Beginn legt „I love you?!“ richtig einen hin. Kein langwieriges Intro, kein Vorgeplänkel, der Minimal-Synthwave springt dir direkt ins Gesicht bzw. in die Beine. Als der Gesang einsetzt, zeigt sich dieser monoton und emotionslos und deutlich von Cold Wave beeinflußt. Das ist eine tolle Kombi, die definitiv in den Clubs zu hören sein sollte. Auch „Japanese death“ schlägt in diese Kerbe, klingt aber insgesamt düsterer und irgendwie subtiler instrumentiert. Ich frage mich, ob die zarte Melodie im Hintergrund von einem Glockenspiel stammt, oder ob sie sogar mit Gläsern eingespielt worden ist. Die Atmosphäre ist insgesamt ähnlich wie bei „Last dance“ von Trisomie 21. „Never die“ hingegen beginnt mit einem sehr coolen, nachhallendem Doppelklang wie von einer verfremdeten Snare, der sich durch den gesamten Song zieht und diesem seine Struktur verleiht. Dazu gesellen sich getragene Orgeltöne und der traurige Gesang von Frédéric. Etwas tanzbarer wird es in „Female zone“, das sich mit den sphärischen Synthie-Teppichen ganz dem New Wave hingibt. „Das klingt echt wie in den Achtzigern“, schießt es mir durch den Kopf. Ach so, ja eben. „Education“ ist rein instrumental gehalten, denn der einzige Text zur Synthie-Musik besteht aus einem industriellen Geräuschsample. Vielleicht ist das auch ein extrem verfremdeter Sprachbeitrag, da kann ich mich unmöglich festlegen. Eine schöne kleine Melodie liegt dem „Funeral walz“ zugrunde. Ganz behutsam fügt sich der Gesang hinzu und schafft so eine verträumte Atmosphäre.
Anschließend überrascht mich das klassische Dreier-Ensemble Bass, Gitarre und Schlagzeug in seiner Ausgeprägtheit bei „I hate you?!“, das somit ein echtes Gegenstück zum Opener darstellt. Das Stück leitet mit Post Punk quasi die Seite der Platte ein, und in der Konstellation setzt sich das auch in „A long time ago“ direkt fort. Im Gegensatz zum vorigen Track ist es hier aber besonders das Schlagzeug, das die Akzente setzt. Irgendetwas in „Laughing furniture“ erinnert mich zum einen an „Here are the young men“ von Joy Division, zum anderen an „Love is a shield“ von Camouflage, wobei das vermutlich später entstanden ist. Ich kann aber ohnehin nicht näher erfassen warum, denn gleichzeitig klingt der Song sehr eigenständig. Vor allem dieser hier auf die Spitze getriebene nuschelige Gesang, wie in Watte gepackt beim Refrain, fasziniert mich. Post Punk und Synthwave vereinen sich in „No matter“, bevor zum Abschluss mit „S’envoler“ noch einmal experimentiert wird. In das rauschende Geräusch von Flugzeugen mischt sich ein verrückt klingendes Lachen, und alles geht in Drone-ähnliche Sounds und Windgeräusche über. Synthies und getragener Gesang runden den Track ab.

Fazit: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Tatsache, denn The Ultimate Dreamers sind wieder da, und es besteht die Chance, die Band auch live zu erleben, wenn Covid es zulässt. Erste Auftritte hat die Band bereits absolviert. Die Ehre wird ihnen spät gebührt, doch man kann Live happily while waiting for death getrost gleichberechtigt zwischen Trisomie 21 und The Neon Judgement ins Regal stellen. Eine Perle des Belgian Cold Wave wurde wiederentdeckt, die den speziellen Sound der Zeit einfängt.

Anspieltipps: I love you?!, I hate you?!, Laughing furniture

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

The Ultimate Dreamers: Live happily while waiting for death
Wool-E Discs / Dans Les Profondeurs, Vö. 20.09.2021
MP3 7,00 €, CD 10 €, LP 20 € erhältlich über Bandcamp

Homepage: https://www.the-ultimate-dreamers.com
https://www.facebook.com/theultimatedreamers/
https://theultimatedreamers.bandcamp.com/

Tracklist:
01 I love you?!
02 Japanese death
03 Never die
04 Female zone
05 Education
06 Funeral walz
07 I hate you?!
08 A long time ago
09 Laughing furniture
10 No matter
11 S’envoler

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