Der Bäckerberg ruft!

SMF-2017

„Ich glaube, wir müssen hier rechts!“ – Ja, inzwischen kennen wir uns auf den kleinen Serpentinenstraßen, die auf den Bäckerberg führen, ziemlich gut aus, sodass es uns keinerlei Probleme bereitet, das, sagen wir, etwas abseitig gelegene Festivalgelände zu finden. (Nein, aufs Navi haben wir nicht verzichtet – so selbstbewusst sind wir dann doch noch nicht!) Die besorgten Blicke, die wir auf der Anfahrt immer wieder in den Himmel geworfen hatten, wurden in den ersten Minuten nach unserer Ankunft noch besorgter: Erst regnete es auf dem Nachbarberg, dann auf unserem. Wobei wir schnell von der indigenen Bevölkerung eines Besseren belehrt wurden: das sei kein Regen, sondern lediglich hochkonzentrierte Sonnenstrahlen. Sorry, unser Fehler, in Deutschland haben wir sowas nicht! Mit dem hochkonzentrierten Sonnenschein war‘s dann auch schnell wieder vorbei, und bis wir auf dem Gelände waren, waren die Klamotten auch schon wieder trocken.

Among_Rats_SMF17Die Zeit bis zur ersten Band, Among Rats aus dem oberösterreichischen Ohlsdorf, vertrieben wir uns im Streichelzoo (die Damwildzucht scheint auf dem Bäckerberg mit einigem Erfolg betrieben zu werden) und mit dem traditionellen Begutachten des Festivalgeländes (schicker Teich!). Zum Glück ist das Gelände recht übersichtlich, sodass wir es pünktlich zum Eröffnungskonzert vor die Bühne schafften – gut so, denn von dem dreckigen Death-Grind-Gemisch, das Among Rats mit viel Elan ablieferten, hätte ich keine Sekunde verpassen wollen! Wie immer waren nachmittags um drei noch nicht allzu viele Festivalbesucher bereit, sich auf dem kochend heißen Innenhof, auf dem die Bühne stand, zu verausgaben, und blieben lieber im Schatten stehen. Aber Among Rats wussten sich zu helfen und nahmen den leeren Platz vor der Bühne einfach selbst ein. Der Fünfer besteht seit 2009 und hat bisher ein Album (Intact World aus dem Jahr 2013, dessen ersten beiden Songs, „Infection“ und „Admit the Cruelty“, das Konzert eröffneten) und eine EP (Game Over, 2015, von der es „Economy“ und „Seven Days to Rot“ zu hören gab) vorzuweisen. Wer auf der Suche nach einer ausgewogenen Grind-Death-Mischung ist, sollte hier unbedingt ein Ohr riskieren!

Soul_Demise_SMF17Als Nächstes standen fünf Herren aus unseren Kolonien im Norden auf dem Programm: Soul Demise aus Neumarkt in der Oberpfalz, deren eigenwilliger Melodic Death Metal mir auf dem aktuellen Album Thin Red Line sehr gut gefallen hat und von dem an diesem Nachmittag „Empty“ gegeben wurde. Die Herren lieferten live, was die Konserve versprach: Nackenbrecher mit ordentlich Wumms. Im Fokus der Aufmerksamkeit stand dabei Sänger Roman, der wild gestikulierend über die Bühne fegte und dabei die weit aufgerissenen Augen rollte. Die Oberpfälzer sind seit 1998 aktiv und haben insgesamt fünf Alben, aus denen sie schöpfen können, und so gab es eine recht bunte Mischung aus alten und neuen Songs, etwa „Empty“ und „Six Billion“ von der Acts of Hate oder „Still Alive“ und „My own Coffin“, die Album Nummer drei, Blind, eröffnen. Eines haben alle Soul-Demise-Songs gemeinsam, die auf dem Sick Midsummer gespielt wurden: sie gehen schnell in die Nackenmuskeln, was auch den Glücklichen, die sich einen Schattenplatz vor der Bühne ergattert hatten, nicht entging.

Mit Lebenssucht stand anschließend der erste Black-Metal-Act des Tages an, und inzwischen lag der Innenhof so weit im Schatten, dass sich Lebenssucht_SMF17einige vor die Bühne trauten, um Augen und Ohren an dem zu weiden, was die internationale Truppe um Frontfrau S Caedes zu bieten hatte. S Caedes (Vox), Ahephaim (Drums) und Déhà (Bass und Vocals) haben sich 2015 zusammengefunden und bisher eine EP, Fucking my knife, auf den Markt gebracht, die es auf drei Songs mit 20 Minuten Laufzeit bringt (die auch alle gespielt wurden). Lebenssucht mussten ihr Material ordentlich strecken, um die Dreiviertelstunde Konzert zu füllen, was der Sache aber keinen Abbruch tat, sondern die düstere Stimmung an diesem lauen Sommertag noch zusätzlich verstärkte. Live wird das Trio von den beiden Gitarristen Irleskan (der auch bei der österreichischen Kombo Svarta aktiv ist) und Exil unterstützt. Alle fünfe hatten tief in den Kunstbluteimer geschaut und lieferten ihren Act entsprechend fies zurechtgemacht ab – vor allem das blutige Brautkleid der Sängerin, deren weit aufgerissene Augen aus dem blutroten Gesicht unheimlich herausstachen, war ein echter Hingucker. Musikalisch bewegen sich Lebenssucht eher am depressiven Ende des Black-Metal-Spektrums, sehr intensive Musik, die sehr emotional präsentiert wird. Gefällt – ich bin gespannt auf das Debütalbum!
Bei der anschließenden Essenspause – immerhin war es schon fast 18 Uhr, höchste Zeit! – fanden wir auch den ersten Volltrunkenen des Tages, der im hohen Gras in der prallen Sonne das Bewusstsein verloren hatte. Die Ordnerinnen/Essensverkäuferinnen konnten den Knaben nicht dazu animieren, sich in den Schatten zu legen, also wurde kurzerhand ein aus einem Bettlaken improvisiertes Sonnensegel an dem jungen Baum, unter dem es sich der Herr bequem gemacht hatte, aufgespannt. So einen Service bekommt man wahrscheinlich auf keinem anderen Festival der Welt – vom leckeren Essen ganz zu schweigen!

Monument_of-Misanthropy_SMF17Gut gestärkt machten wir uns dann zu Monument of Misanthropy auf, die in der Heimatstadt der Morbidezza, Wien, beheimatet sind. Die fünf Herren boten ultrabrutalen Death Metal der alten Schule, zu hören auf dem ersten und bisher einzigen Album Anger Mismanagement, der richtig gut beim Publikum ankam, das umgehend für gute Laune sorgte (bei Songtitel wie „Vegan Homicide“ oder „Malformation“ kein Wunder, eigentlich). Der leichte Regen tat der Sache keinen Abbruch, im Gegenteil: Endlich war der Platz vor der Bühne gut gefüllt mit meist halbnackten Herren, die mit heftigem Haareschütteln den Abzug des Taggestirns feierten. Neben den eigenen Krachern, unter denen noch „Retarded Phrase Mongers“ hervorzuheben ist, kam vor allem das Death-Cover „Pull the plug“ richtig gut bei der tropfnassen Meute an, die dazu nochmal richtig aufdrehte.

Outre_SMF17Bei derart vorgeheiztem Publikum hatte die polnische Dampfwalze Outre leichtes Spiel, die, wie immer ohne ein einziges Wort zu verlieren, ihr hervorragendes Programm ablieferte. Ein Nackenbrecher jagte den nächsten, als sich die Krakauer durch fünfzig Minuten Spielzeit schredderten, kreischten und sägten. Das Material stammt hauptsächlich vom Erstling Ghost Chants, der vor zwei Jahren das Licht der Welt erblickt hat und seitdem neben der EP Tranquility (2013) und der ziemlich genialen Split-EP mit Thaw (2013) steht. Die Polen spielen innovativen Black Metal, nicht zu verkünstelt, nicht zu langweilig und eindeutig nicht skandinavischer Provenienz, der dafür sorgt, dass man sofort von allen Teufeln besessen die Haare schüttelt. Kurz: Kompromissloser Black Metal vom Feinsten, den ich persönlich gar nicht oft genug hören kann – mein Highlight auf dem diesjährigen Sick Midsummer!

Sick Midsummer 2017

Baphomet, der Ziegenbock (rechts im Bild)

Nachdem das Abrisskommando Outre durch war, gings für die dringend benötigte Pause ab in den Streichelzoo! Das Damwild hatte sich vorsorglich in die hintersten Ecken des großen Geheges verzogen, aber Esel und Pony konnten sich an diesem Tag nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen! Im Fokus stand natürlich – wir sind ja alle trve – der fesche Ziegenbock, der die viel größeren Huftiere terrorisierte und Diabolical_SMF17sich bei seiner rapide wachsenden Fangemeinschaft den ganzen Tag über jede Menge Streicheleinheiten abholte.
Wer bis dahin die Ziege nicht gestreichelt hatte, ist selbst schuld, denn nach Diabolical dürfte die Mehrheit zu platt gewesen sein, um Baphomet (Name der Ziege von der Redaktion geändert) zu huldigen. Dafür wurde jeder, der noch mit nassen Klamotten zu kämpfen hatte, umgehend trocken geföhnt: Die Schweden freuten sich sichtlich hier zu sein, und gaben eine Stunde lang Vollgas. Sverker „Widda“ Widgren (Vox), Carl Stjärnlöv (Gitarre und Vocals), Pär Johansson (Drums) und Dan Darforth (Bass) haben sich dem üppig-thrashigen Death Metal verschrieben, auf CD aktuell auf dem letzten Studioalbum Neogenesis (2013) zu bewundern. Man arbeite jedoch an neuem Material, wurde glaubhaft versichert, das hoffentlich bald in Form eines Albums zu hören sein wird. Bis dahin müssen wir uns mit der EP Umbra aus dem Jahr 2016 begnügen, die auf diesem Sick Midsummer für mächtig Laune sorgte.

Ahab_SMF17Nach einem spätabendlichen Halt am Kuchenbuffet fanden wir uns dann wieder zu Ahab ein, denen ich mit gemischten Gefühlen entgegenblickte, hatte mich dieser Garant für grandiose Konzerte doch auf dem Dark Easter Metal Meeting nicht wirklich abholen können. Was auch immer der Grund dafür gewesen sein mochte, an diesem lauen Juliabend war nichts davon zu spüren. Im Gegenteil: Ahab lieferten ein Konzert vom Allerfeinsten ab, das die meisten mit geschlossenen Augen einfach nur genossen. Eine Stunde lang ließen wir uns verzückt vom Nautik Funeral Doom der Heidelberger tragen, der wie bleischwere Wellen über dem kleinen Hof vor der Bühne zusammenschlug. 60 Minuten Spielzeit ergeben bei Ahab gerade einmal fünf Lieder. Eröffnet wurde mit „The Divinity of Oceans“ vom gleichnamigen Album, gefolgt von „Old Thunder“, das mit knapp neun Minuten zu den eher kürzeren Stücken gehört. Das wunderbar hypnotisch „The Mourn Job“ vom aktuellen Album The Boats of the Glen Carraig bringt es auf knapp eine Viertelstunde, ehe Ahab mit „The Hunt“ von ihrer Demo The Oath dieses grandiose Konzert beschlossen.

Make_A-Change_SMF17Die einzige Band, die nach den Doom-Giganten überhaupt hätte auftreten können, sind Make A Change… Kill Yourself aus Dänemark, die atmosphärisch dichten Depressive Black Metal spielen; nicht zu aufgeregt, aber auch nicht so schwer, dass man vollends in die Knie geht. Eigentlich ein Duo, bestehend aus Ynleborgaz (Vox) und Nattetale (Lyrics und alle Instrumente), werden Make A Change… Kill Yourself live von drei Kollegen an Gitarre, Schlagzeug und Bass unterstützt. Nur die Videoshow der Dänen sorgte für die einzige technische Panne des Festivals insgesamt, denn es gelang offenbar nicht, das Bild vom Beamer zu drehen, sodass die stimmungsvollen Friedhofs- und Waldlandschaften auf dem Kopf standen, dadurch ging etwas von der Atmosphäre verloren. Musikalisch waren Make A Change… Kill Yourself ein Hochgenuss, wovon man sich auch zu Hause überzeugen kann: das aktuelle Album der Dänen heißt Fri, und auch wenn es inzwischen fünf Jahre auf dem Buckel hat, ist es dank Songs wie dem Opener „Fri vra denne verden“ immer noch ein Ohr wert.  Insgesamt boten die depressiven Dänen ein mehr als würdiges Abschlusskonzert für einen rundum gelungenen Festivaltag.

Wie jedes Jahr gab es auch 2017 nichts am Sick Midsummer zu bemängeln. Neben den vielen grandiosen Bands war es vor allem der Klowagen, der mein Herz hat höher schlagen lassen und von dem ich hoffe, dass ich ihn nächstes Jahr wiedersehen werde. Wie immer: Ordner, Orga, die Damen und Herren an der Essensausgabe, alle waren gut drauf und sorgten dafür, dass das komplette Festival wie am Schnürchen lief (einzig Diabolical hatten, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, ein paar Minuten Verspätung). An dieser Stelle wie immer ein fettes Dankeschön an alle Beteiligten – wir sehen uns 2018! Und dem Menschen, der bei Make A Change… Kill Yourself die leider nur fast leere Whiskey-Cola-Dose im Pfandbecher direkt über meinem Kopf an die Hauswand geschmissen und mich so mit eklig-klebriger Brühe eingesaut hat, ein aus tiefstem Herzen kommendes “Fuck you“!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

SMF_2017_Panorama

Konzertbilder: The Doc; Goaßbüld: privat

Mehr Bilder vom Sick Midsummer Festival 2017 findet ihr unter https://www.flickr.com/photos/skimaniac/collections/72157686336290455/.

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