Film: 3 Tage in Quiberon

Von einer unglücklichen Frau

Romy

Ja, das waren die Siebziger und Achtziger Jahre, wo man in Kurhotels zwar im Bademantel herumsaß, salz-, zucker- und kalorienarm aß, auf Alkohol verzichtete, aber alles blickvernebelt war vom unentwegten Qualm von Zigaretten. Jahrelang schon begibt sich Romy Schneider (Marie Bäumer) regelmäßig zum „Herunterkommen“ (auf Deutsch: Ausnüchtern) in ein Luxushotel im bretonischen Kurort Quiberon, so auch hier, im Jahr 1981. Sie will sich eine Auszeit nehmen von hektischen Drehtagen, Party, Alkohol, Nikotin.

Auch, weil sie ihren zwei Kindern eine gute Mutter sein will. Ihr 14jähriger Sohn Daniel möchte nämlich lieber beim Vater leben, der mit ihm Motorrad fährt und ihn mit auf coole Reisen nimmt – nicht zum langweiligen Set eines Films. Hilde (Birgit Minichmayr), ihre beste, älteste Freundin kommt sie besuchen. Sie reden von alten Zeiten, davon, was jede derzeit macht, sie baden miteinander, alles ist locker und leicht, bis Romy einen Anruf bekommt (auch das gab es damals: ein Festnetztelefon an der Wand über der Badewanne), dass die Stern-Reporter da sind. Sie, die ein höchst ambivalentes Verhältnis zur Presse hat, vor allem zur deutschen, hat sich bereit erklärt, dem Stern ein Interview zu geben. Da der Reporter und der Fotograf bereits hier sind, beginnen sie schon am Vorabend in einem Hotelzimmer. Das Ganze kommt zögerlich in Gang. Sie brechen ab und gehen in den Ort, wo sie am Hafen noch eine offene Kneipe finden. Schnell kann man hier sehen, wie es um Romy Schneider steht. Sie ist verschlossen, depressiv, introvertiert und unsicher, wenn sie alleine ist. Wenn sie aber umgeben ist von wohlgesonnenen Menschen, Champagner oder Chablis vor sich hat, dann ist sie ein Sonnenkind, das lacht, scherzt und gute Laune versprüht. Es wird viel getrunken, Romy ist außer Rand und Band und möchte am liebsten gar nicht zurück ins Hotel. Der Reporter weiß am nächsten Tag also gleich, wie er Romy zum Reden bringt: Zwei kalte Flaschen Weißwein stehen bereit. Er will mit diesem Interview Furore machen, um jeden Preis. Die Fragen sind sehr intim, sie behandeln Romys Kindheit, die Flucht vor dem kitschigen Sissi-Image in Deutschland nach Frankreich, Romys Männer, ihre Geldknappheit. Sie redet sich um Kopf und Kragen. Hilde will Romy stoppen, aber diese ist schon ungehemmt. Das Interview wird aufgenommen, ungeschönt und schonungslos. Es macht es für Romy leichter, dass sie den Fotografen kennt und mag, Robert Lebeck (Charly Hübner), den sie „Le Beau“ nennt, so wie er sie „La Belle“. Am nächsten Tag, gegen den Kater helfen wieder ein paar Schlucke, gibt es locker und beschwingt aussehende Fotos von den Felsen am Strand, Romy lebenslustig, lachend – und im nächsten Moment am Boden, mit einem gebrochenen Bein. So ist es eigentlich immer in ihrem Leben. Geht etwas in eine schöne Richtung, fällt sie bald wieder auf die Nase. Eigentlich sollte sie einen neuen Film drehen, das ist nun aber nicht möglich. Sie nimmt unfreiwillig eine Auszeit. Der Fotograf besucht sie und bringt das Interview mit. Romy könnte es zensieren, belässt es aber so wie es ist. Es beginnt mit der Überschrift „Im Moment bin ich ganz kaputt“ und beinhaltet so traurige Dialoge wie „Ich muss Filme machen. Ich brauche das Geld.“ sowie „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“

Das Interview mit dem Stern, der Abend in der Kneipe am Hafen, die Fotos auf den Klippen und der gebrochene Fuß, dies ist alles wirklich passiert. Es wurde zur Legende. Es ist ein kleines Mosaikteilchen im Leben einer Frau, die einfach nur glücklich sein wollte und es nicht sein konnte. Romy Schneider war ein Stern, der viel zu schnell verglühte. In Deutschland war und blieb sie Sissi, und dass man sie immer mit ihrer Rolle verglichen hat, das hat sie kaputt gemacht.

Marie Bäumer, die sehr wohl weiß, dass sie Romy Schneider sehr ähnelt, hat sich lange Zeit gewehrt, diese darzustellen. Es müsste schon ein ganz besonderer Film sein. Dieser Film ist es geworden. Frau Bäumer spielt nicht nur Romy, sie ist es, mit jeder Mimik, mit jeder Geste. Birgit Minichmayr, die ich aus vielen hochrangigen Fernsehproduktionen und aus dem Münchner Residenztheater kenne, verkörpert auf authentische Art und Weise eine alte Sandkastenfreundin, und Charly Hübner, der rüpelige Kommissar aus dem Rostocker Polizeiruf 110 erfreut einen mit einem erfrischend anderen Charakter.

Dieser Schwarzweißfilm, ganz pur, die französisch gesprochenen Parts nicht einmal synchronisiert, hat eine schauspielerische Wucht. Das Interview mit dem Stern in Quiberon ist das letzte große Interview, das man in Deutschland von Romy Schneider gehört hat. Sie wurde 43 Jahre alt und war viel mehr als nur Sissi.

 

 

3 Tage in Quiberon
Genre: Drama, Biografie
Drehbuch und Regie: Emily Atef
Produktionsland: Deutschland, Österreich, Frankreich
Start in Deutschland: 12.04.2018, 115 Minuten
Cast: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek u.v.a.

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