Film: A Ghost Story

Melancholische Geisterstunde

Ein Mann stirbt und kehrt als Geist zurück zu seiner Frau – Ghost Storyein durchaus nicht neuer Plot, doch so wie er in dem außergewöhnlichen Film A Ghost Story des US-Amerikaners David Lowery erzählt wird, der hier als Drehbuchautor und Regisseur fungiert, habe zumindest ich ihn noch nie zuvor gesehen.

C (der für Manchester by the Sea mit dem Oscar prämierte Casey Affleck) und M (Rooney Mara, bekannt unter anderem als Lisbeth Salander in der US-Filmversion des Larsson-Romans Verblendung) – deren genaue Namen nie genannt werden, selbst diese wenig aussagekräftigen Buchstaben kann man erst dem Abspann entnehmen – leben gemeinsam ein alltägliches Leben mit Hochs und Tiefs in ihrem eigenen Häuschen irgendwo in der amerikanischen Provinz.
Eines Tages kommt C bei einem Autounfall ums Leben, doch er kehrt als Geist zu M zurück, ganz ohne Special Effects, ohne CGI-Spielereien, sondern durchaus körperlich unter dem weißen Leichentuch aus der Aufbahrungshalle mit zwei schwarzen Augenlöchern, eine geradezu kindliche Vorstellung von einem Gespenst. Das könnte lächerlich wirken, tut es aber nicht, sondern es ist einfach nur anrührend zu sehen, wie diese verhüllte Gestalt als stummer und für alle anderen unsichtbarer Beobachter die Trauer seiner Frau miterleben muss, ohne tröstend eingreifen zu können: So vertilgt M in einer mehrere Minuten dauernden, quälend langen Szene einen Kuchen, den eine Nachbarin vorbeigebracht hat; erst stochert sie nur lustlos darin herum, doch dann beginnt sie ihn unter Tränen immer gieriger in sich hineinzuschlingen, was schließlich über der Toilettenschüssel endet – dauernd mit dem sprach- und hilflosen Geist von C im Hintergrund.
Doch das Leben geht weiter; C beobachtet M bei der Rückkehr in ihren Alltag, später lernt sie einen neuen Mann kennen (als einziger Protest und Ausdruck seines Schmerzes vermag C nur, ein bisschen herumzuspuken, indem er Bücher aus dem Regal wirft und die elektrischen Lichter flackern lässt) und zieht eines Tages aus. C bleibt zurück, offenbar gefesselt an das Haus, in dem er einst glückliche Stunden verlebt hat. Andere Menschen ziehen ein und wieder aus, mitunter vergrault von C, irgendwann rücken Abrissbagger an und legen das Haus in Trümmer, das einem riesigen Bürokomplex weichen muss, doch Cs Geist ist stets präsent, egal in welcher neuen Umgebung. Wie auch ein nahezu identisches Gespenst im Nachbarhaus, dem einzigen Wesen, mit dem C noch kommunizieren kann – per Untertitel freilich, denn Geister können ja nicht reden. In einem tragikomischen Dialog erzählt dieses andere Gespenst, dass es auf jemanden warte. Auf wen? Das habe es vergessen …

Die Erzählung springt vor und zurück in der Zeit, denn diese existiert zwar nicht für Geister, doch sie existiert und läuft auch ohne uns weiter – und das ist die zentrale Botschaft dieses Films mit seinem melancholischen Blick aufs Werden und Vergehen, auf Liebe und Tod: „Man tut, was man kann, um sicher zu gehen, dass man auch noch hier ist, wenn man fort ist“, so heißt es an einer Stelle, doch egal was wir waren, sind oder sein wollen – andere Zeiten und Menschen waren vor uns da und werden nach uns da sein.
A Ghost Story ist mit seiner relativen Handlungsarmut, den teils langen, fast statischen Kameraeinstellungen, insbesondere auch dem ungewöhnlichen, beinahe quadratischen 4:3-Format mit abgerundeten Ecken, das den Zuschauer fast in eine Art verengte Schlüsselloch-Perspektive versetzt, sicherlich kein massenkompatibler Unterhaltungsfilm fürs Popcorn-Kino. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem emotional berührenden Film belohnt, einem leisen, kleinen Meisterwerk.

 

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A Ghost Story
USA 2017
Buch und Regie: David Lowery
Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham
Länge: 92 Minuten
Start in Deutschland: 07.12.2017

 

 

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