Ein Honigbrot soll alles richten
Es ist 1945, der 12-jährige Nanning lebt mit seinen kleinen Geschwistern, seiner Mutter und seiner Tante auf Amrum. Sie mussten aus Hamburg fliehen, ihr Haus wurde zerbombt. Der Vater ist im Krieg, die Frauen und Kinder sind auf sich allein gestellt. Nanning ist kein echter Amrumer, er ist ein Flüchtling, das sagen seine Schulkameraden. Das schmerzt ihn, so sehr möchte er auch ein echter Amrumer sein. Er macht alles, was er tun kann, um zum Überleben seiner Familie beizutragen. Er arbeitet auf dem Feld für eine Kanne Milch, doch hier wird er von der Bäuerin weggeschickt, weil er zu Hause etwas gesagt hat, was seine Mutter, eine treue Hitler-Anhängerin, als Anlass genommen hat, die Bäuerin zu denunzieren. Wären sie nicht auf diesem verlassenen Inselchen, so würde sie wahrscheinlich am Galgen baumeln.
Als Nannings Mutter ihr viertes Kind entbindet, genau an dem Tag, als das Radio Hitlers Selbstmord durchgibt, verfällt sie in eine tiefe Depression. Sie kümmert sich um nichts und kann nichts mehr essen. Nur auf ein Stück Weißbrot mit Butter und Honig hätte sie Lust. Es ist eine regelrechte Mission, auf die sich Nanning danach begibt. Er will ihr diesen Wunsch unbedingt erfüllen! Doch er hat weder Weißbrot noch Butter noch Honig! Es ist herzzerreißend zuzusehen, wie er nach und nach all die Zutaten für ein winzig kleines Weißbrot mit Butter und Honig beschafft. Hier bekommt er für eine große Selbstüberwindung beim Nazi-Onkel auf Föhr ein wenig Mehl und Zucker – und muss dafür in Hitlerjugenduniform Sprüche aufsagen und wird fast von der eintretenden Flut übermannt. Dort muss er Eier besorgen, damit der Bäcker das Brot backt. Für etwas anderes braucht er „Amrumgeld“ (geräucherte Schollen) und bekommt es, indem er bei der Robbenjagd hilft. So kommt er aber immerhin intensiver mit den anderen Inselbewohner*innen in Kontakt. Bislang war sein einziger guter Freund sein Mitschüler Hermann von gegenüber. Hier bestehen keine Ressentiments, Nanning ist mehr Amrumer als viele andere Insulaner*innen, meint dieser. Irgendwann ist das Weißbrot da, Butter und Honig sind drauf, und Nanning bringt es der Mutter mit Freude und Stolz ans Bett, doch nun mag sie es nicht. Dies ist ein Moment, der so weh tut – tief in der Brust – bei dem Gedanken, was der Junge alles durchgemacht hat, um seiner Mutter ein bisschen Freude zu verschaffen. Der Krieg ist aus, der Vater schreibt aus der Gefangenschaft, die Frauen und die Kinder sind weiterhin auf sich allein gestellt. Nur dass es jetzt gar nichts mehr zu tauschen oder organisieren gibt, es ist nichts mehr da. Die Hitlerfahne wird abgenommen, doch das tut der Gesamtsituation nichts zur Sache, sie sind mittel- und nahrungslos. Als die Mutter im Laden gar nichts mehr bekommt, obwohl alle Hunger haben und es ihr nicht einmal gelingt, ein Stück Wurst zu klauen, sieht es so aus, als würde es in Nanning einen Schalter umlegen. Der Vater schreibt, dass sie unbedingt den Jungen aufs Gymnasium nach Hamburg schicken sollen, und damit endet die Geschichte. Dies ist etwas, worauf Nannings Mutter hört. Sie packen seine Sachen und fahren ihn in Richtung Fähre. Es gibt noch eine ergreifende Szene, als das Flüchtlingsmädchen auf dem Feld ihm hinterherläuft und sich bei ihm bedankt, dass er ihren Bruder aus der Flut gerettet hat. Sie gibt ihm alles, was sie an Kostbarem besitzt: ein simples Kettchen, bestehend aus einer Schnur mit einem Stein dran.
Diese einfachen Szenen und Dinge sind es, die in diesem Film zu Wort kommen und zu Herzen gehen. Keine Action, keine Kriegsszenen, keine Gefangenen-Folter, sondern Szenen, die ein unschuldiger, braver und anständiger Junge erlebt hat, der nichts mehr möchte, als dazuzugehören und seine Familie durchzubringen. Die Gegend auf Amrum ist wunderschön, aber rau, so sind auch viele Charaktere. Diese Erlebnisse in jener Zeit haben sicherlich Hark Bohm für sein Leben gezeichnet. Fatih Akin hat die Geschichte aus der Perspektive dieses 12-jährigen Jungen erzählt.
Der Film beginnt und endet mit Hark Bohm. Es ist ja auch seine ganz persönliche Geschichte, die hier erzählt wird. Es beginnt mit der Texteinblendung: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“. Fatih Akin hat das autobiografische Drehbuch seines Freundes und Mentors Hark Bohm überarbeitet und inszeniert. Eigentlich hätte es die letzte Regiearbeit des Filmemachers Hark Bohm werden sollen, doch fehlte es ihm – mit immerhin 86 Jahren – an der nötigen Gesundheit und Kraft. Am Ende aber steht er am Nordseestrand und schaut lächelnd in den Sonnenuntergang. Wunderschön.
Hark Bohm ist am 14. November im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie in Hamburg gestorben.

Film: Amrum
Genre: Drama
Kino-Starttermin: 09.10.2025, 93 Min.
Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm
Regie: Fatih Akin
Cast: Jasper Billerbeck, Kian Köppke, Diane Kruger, Matthias Schweighöfer, Laura Tonke, Detlev Buck, Hark Bohm, Lisa Hagmeister, Steffen Wink u.v.m.
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