Film: Blinded by the light

Wie der Boss ein Leben rettete

Blinded by the light

Dass das Leben manchmal nicht ganz fair ist, bemerkt Javed schon als Kind. Sein Freund von gegenüber bekommt zum Geburtstag ein Rad geschenkt, er einen Zauberwürfel. Sein Freund kann machen und tun, was er will, bei Javed daheim wird gemacht, was der Vater sagt. Sie kamen aus Pakistan und sind zwar im britischen Luton zu Hause, seine Wurzeln kann man aber nicht ignorieren. Als Teenager wird sein Leben noch schwieriger. Der Vater verliert seinen langjährigen Job, die Mutter muss Tag und Nacht nähen, die Mädchen sollen gut verheiratet werden – doch das kostet viel Geld –, und Jared soll mitarbeiten, wohingegen er lieber Gedichte schreibt und Schriftsteller werden will. In der Schule ist er ein Einzelgänger und muss sich vor den Anfeindungen örtlicher Skinheads in Acht nehmen. Er hat noch seinen Freund aus Kindestagen, doch dieser ist ganz anders als Javed: Er ist ein „Wham-Boy“, mit seiner fluffigen Föhnfrisur, seiner Vorliebe für Partys und Mainstream-Teeniemusik haben die beiden keine Gemeinsamkeiten mehr. In der Schule freundet er sich irgendwann mit Roops an, der auch pakistanischer Abstammung ist, aber deutlich forscher auftritt als er selbst. Roops gibt ihm zwei Alben von Bruce Springsteen zum Anhören, stilecht für die 80er Jahre als Kassetten. Zuerst ist Javed skeptisch, aber dann hört er doch rein. Und er ist geflasht!

Die Texte des „Boss“ erreichen direkt sein Herz, die Worte sprechen ihm aus der Seele, es ist ihm, als sänge Springsteen von seinem eigenen Leben. Das ist wunderschön gemacht, wie die Songzeilen, die er mit dem Kopfhörer hört, um ihn herumkreisen, sodass der Zuschauer mitsehen kann, was genau Javed jetzt im Kopf hat. Er ist vom Boss so angetan, dass er seinen Look ändert (Jeans, weißes T-Shirt, Karohemden drüber, mit abgeschnittenen Ärmeln), und auch sein Auftreten wird hemdsärmeliger. So schafft er es sogar, Eliza, eines der hübschesten, interessantesten und frechsten Mädchen, kennenzulernen, eher eine Cindy Lauper als ein „Bananarama-Girl“. Hier gibt es dann Momente, die den Film fast zum Musical machen, wenn das Freundestrio gut gelaunt singend durch die Schulgänge tanzt. Es sind aber nur Momente. Denn in Wirklichkeit belastet Javed sehr, dass er nun, da der Vater arbeitslos ist, wahrscheinlich nicht studieren kann, seinem tristen Alltag nicht entfliehen wird, kein Schriftsteller werden wird und wahrscheinlich nie auf ein Konzert von Bruce Springsteen geht. Es ist noch ein längerer Weg, den er vor sich hat, ein Weg mit Höhen und Tiefen, mit Freuden und Leid, aber am Ende sieht man ihn im Auto seiner Zukunft entgegen fahren – mit dem Boss im Kassettendeck.

Diese Geschichte ist ein Coming-of-Age-Film über das Milieu in einem tristen britischen Vorort von London Ende der 80er Jahre, noch dazu unter erschwerten Bedingungen, als Teenager mit ausländischen Wurzeln in einer Zeit, als die Wirtschaft schwach war und viele Einheimische einem Immigranten nichts gönnten. Wie muss sich ein Kind vorkommen, an dessen Haustür verächtlich uriniert wird? Dessen Eltern dies runterspielen und still aufwischen, um nur nicht aufzufallen? Ein Kind, das kein Role Model hat, überall nur Väter und Brüder, die für den Lebensunterhalt Taxi fahren? Und dann kommt er daher und will Schriftsteller werden. Das Herrliche ist aber: Es hat geklappt. Dies ist die teils wahre Geschichte des britisch-pakistanischen Journalisten, Dokumentarfilmers und Rundfunksprechers Sarfraz Manzoor, nach seinen Memoiren Greetings from Bury Park, der Titel natürlich in Anlehnung an Bruce Springsteens Album Greetings from Asbury Park. Der Filmtitel ist nach dem Lied „Blinded by the light“, das Bruce Springsteen 1973 auf o.g. Debütalbum veröffentlichte, den meisten vielleicht eher bekannt in der Coverversion der Manfred Mann’s Earth Band.

Die britische Regisseurin Gurinder Chadha, die 2002 mit ihrem wundervollen Kick it like Beckham Keira Kneightly und Parminda Nagra bekannt gemacht hat, hat auch hier wieder wunderbare Arbeit geleistet. Wieder einmal widmet sie sich der Geschichte eines Jugendlichen mit asiatischen Wurzeln in den 1980er Jahren, der zwischen den traditionellen Wünschen der Eltern und den eigenen Wünschen hin und her gerissen ist.

Bruce Springsteen ist natürlich zu der filmischen Arbeit im Vorfeld befragt worden. Gurinder Chadha hat ihm den Film dann privat vorab gezeigt. Er saß die ganze Zeit still da. Am Ende sagte er lange Zeit nichts. Die Regisseurin dachte, so, das war’s dann. Dann aber nahm der Boss sie ganz einfach in die Arme und dankte ihr.
Ein schöner Film!

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Blinded by the light
Genre: Biografie, Drama, Komödie, Coming-of-Age
Regie: Gurinder Chadha
Nationalität: Vereinigtes Königreich
Start in Deutschland: 22. August 2019, 118 Min.
Cast: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Rob Brydon, Hayley Atwell u.v.m.

 

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