Film: Das perfekte Geheimnis

Unangenehme Wahrheiten ploppen auf

das perfekte geheimnisRocco, Leo, Pepe und Simon, das sind vier große Jungs, die sich schon seit der Grundschule kennen. Damals haben sie viel Unsinn getrieben, zum Beispiel Blutsbrüderschaft geschworen, was mit einem Notarzteinsatz endete. Mittlerweile sind alle gestandene Männer, und jeder ist irgendwie erwachsen geworden. Aus Einzelgängern sind Pärchen geworden, teils mit Kindern, aber man trifft sich immer noch und kennt einander wie die Westentasche. Es steht mal wieder ein gemeinsamer Abend an, Rocco (Wotan Wilke Möhring) kocht und alle kommen mit Partner, bis auf Pepe (Florian David Fitz). Es wird geneckt, es wird gelacht, und ausgerechnet die Psychotherapeutin Eva (Jessica Schwarz) kommt auf die Idee, alle Anwesenden mögen doch ihr Handy während des Essens mit dem Display nach oben auf den Tisch legen, alle Nachrichten und Bilder sollen vorgelesen und gezeigt, Anrufe angenommen und auf laut gestellt werden.

Ja klar, macht theoretisch jeder gern, ist doch kein Problem, keiner hat Geheimnisse vor dem anderen, schon gar nicht vor seinem Partner. Doch was als kleine Neckerei beginnt, mit Dingen, worüber man noch lachen kann, steigert sich bald in Nachrichten, die man erklären muss, die peinlich sind, unangenehm und alles andere als lustig. Die Beziehungen als Gruppe werden in Frage gestellt (warum wird eigentlich Leo in der Fußball-WhatsApp-Gruppe ausgeschlossen?) sowie die Beziehungen untereinander als Paar. Als dann Leo (Elyas M’Barek) und Pepe heimlich Handy tauschen, weil Leo ein kompromittierendes Foto erwartet, und er dann vermeintlich eine Nachricht von einem Hannes bekommt, die aber in Wirklichkeit Pepe erreichen soll, gerät alles aus den Fugen. Der Abend gerät völlig außer Kontrolle, vieles wird fraglich, und die ganze Bandbreite von manchmal nicht ganz so toller Elternschaft, sexueller Lustlosigkeit, Emanzipation an falscher Stelle, Affären, sexuellen Vorlieben, großen Vorurteilen und menschlich grobem Fehlverhalten wird durch dieses Handyspiel bei viel Essen und noch mehr Wein durchgeackert bis zur Selbstzerfleischung. Gegen Ende sieht es so aus, als wären mehrere Pärchen getrennt und der Freundeskreis völlig auseinandergesprengt.

Eins vorweg: Der Film wurde als Komödie verkauft. Es ist aber für mich noch mehr ein tragisches, gut gemachtes und unterhaltsames Kammerspiel mit Botschaft: Sperrt eure Smartphones weg, sprecht miteinander, lebt! Ich habe mehr geheult als gelacht! Der Regisseur Boran Dagtekin, der einige der Darsteller damals schon in Türkisch für Anfänger (hier wurde Elyas M’Barek geboren) und Fack ju Göhte 1-3 (hier kam es zur Pärchenbildung Elyas M’Barek/Karoline Herfurth, Jella Haase hatte ihren ersten großen Auftritt) um sich scharen konnte, hat hier wieder zugeschlagen. Er hat eine Schauspielriege um sich gesammelt, die sagenhaft ist, sozusagen ein Who is who der beliebtesten deutschen Schauspieler! Karoline Herfurth, ehrlich, keine kann so heulen wie sie – Elyas M’Barek, du Strahlemann mit deinen schönen Zähnen und keckem Augenzwinkern – Florian David Fitz, mit deiner Narbe auf der Nase, immer ein bisschen Vincent will Meer dabei – Jessica Schwarz, allmählich eine Grande Dame – Wotan Wilke Möhring, mein liebster Tatort Kommissar – Jella Haase, immer die Ehrlichste und Aufrichtigste – Frederick Lau, der junge Mann mit der rauen Stimme und älteren Ausstrahlung, den ich in 4 Blocks total lieben gelernt habe. Einziges Manko, das wahrscheinlich nur mir auffiel: Diese vier Männer wären in der Realität nie und nimmer in eine Klasse gegangen. Der Jüngste ist 1989 geboren und der Älteste 1967. Aber was soll’s, die Chemie stimmt, Liebe ist bekanntlich alterslos und außerdem: Ich liebe diese Schauspieler, alle! Sogar die Telefonstimmen, die zwangsweise auf laut gestellt werden mussten, waren altbekannte Dagtekin-Schauspieler oder Florian David Fitz-Kollegen oder Frederick Lau-Spezl, auf jeden Fall eine liebevolle, großartige Idee: Katja Riemann, Alexandra Maria Lara, Julia Koschitz, Anna Maria Mühe, Kida Khodr Ramadan. Kein Wunder, dass bei so viel ineinander verwickelter Schauspielriege die Chemie passte. Dass der Dreh selbst auch Spaß machte, sieht man ganz am Ende an den mittlerweile sehr beliebten gezeigten verpatzten Szenen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten gefühlt und gelacht und geweint gleichzeitig. Perfekte 111 Minuten!

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Film: Das perfekte Geheimnis
Von: Bora Dagtekin
Genre: Komödie
Starttermin: 31.10.2019, 111 Min.
Cast: Karoline Herfurth, Elyas M’Barek, Florian David Fitz, Jessica Schwarz, Wotan Wilke Möhring, Jella Haase, Frederick Lau

 

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