Film: Der Junge muss an die frische Luft

Vielleicht hätte er sich mehr anstrengen müssen

der junge muss an die frische luftEigentlich ist die Kindheit des kleinen Hans-Peter im Ruhrpott total schön. Er hat alles, was ein Kind braucht: verständnisvolle Eltern, einen tollen großen Bruder, vier liebevolle, gesunde Großeltern und viele nette Tanten. Eine lebenslustige Familie. Das einzige Manko ist, dass der Vater viel auf Montage unterwegs ist, dadurch sind die Kinder und seine Frau viel alleine. Dennoch herrscht Lebensfreude. Zuerst wohnen sie auf dem Land im Haus der Eltern des Vaters, dann ziehen sie in die Stadt ins Haus der Eltern der Mutter. Auch hier findet er Freunde, alles wäre wunderbar, wenn nicht die Mutter krank wäre, desinteressiert wird, oft wütend und unbeherrscht und später sogar depressiv. Hans-Peter hat früh gelernt, Situationen, die peinlich werden könnten, durch lustiges Verhalten zu retten. Und wenn die Mutter traurig ist, singt und schauspielert er und bringt sie dadurch zum Lachen. Doch es nützt alles nichts, eines Tages ist sie einfach tot. Sie wollte nicht mehr, sie hat sich für’s Sterben entschieden. Der kleine Hans-Peter liegt ganz alleine neben ihr im Ehebett, weiß nicht, wie er sich verhalten soll, bis sie gefunden werden und alles seinen Gang geht. Auch in diesen Situationen retten ihn Musik, Gesang, Witz und Liebe der ganzen Familie.

Schon früh sieht man Hans-Peters Talent zur Travestie, zum Improvisieren, zum Verkleiden, zum Witze machen, auf alles andere als geschmacklose Art und Weise. Wenn er schon in ganz jungen Jahren Leute aus dem kleinen Laden der Omma nachmacht, in der Schule bei einer Theateraufführung aus einer klitzekleinen Sprechrolle eine eigene lustige Nummer kreiert – und auf diese Art und Weise „Horst Schlämmer“ zum Leben erweckt – oder die Frau, die seinem Vater später vorgestellt wird, nachmacht, das ist unglaublich witzig, aber nicht derb. Findig und pfiffig ist nicht nur er sondern die ganze Verwandtschaft. Die alten Großeltern, die ja nun für ihn zuständig sind, als die Mutter nicht mehr lebt und der Vater dauernd unterwegs ist, erfinden eine Strategie, um die Dame vom Sozialamt zu überzeugen, dass sie die Richtigen sind, um Hans-Peter aufzuziehen – obwohl der Großvater fast blind ist und die Großmutter hüftbedingt kaum noch gehen kann. Vielleicht hätte er sich mehr anstrengen müssen, überlegt das Kind noch lange, denn diesen Satz hat ein Großvater immer gesagt. Sich anstrengen, nicht stehen bleiben. In diesem Fall, seine kranke Mutter betreffend, hat alle Anstrengung nicht geholfen. Und man darf auch nicht vergessen, er war ein Kind. Das Leben geht weiter nach dem Tod der Mutter, Hans-Peter erkennt, dass all diese kleinen wie großen Ereignisse, ob sie schön oder schrecklich waren, ihn ausgemacht haben, all das hat ihn zu dem gemacht, der er ist. Sehr schön ist die Schlussszene. Mehr will ich nicht verraten.

Caroline Link hat sich der autobiografischen Erinnerungen von Hape Kerkeling angenommen und trifft wie immer den richtigen Ton. Humor, Trauer und Optimismus liegen hier ganz nah beieinander. Sie ist genau die Richtige gewesen, um diesen Stoff zu verfilmen. Zarte und leise Filme hat sie bislang gemacht, und auch dieser ist hervorragend geworden. Selbst wenn man sich ganz und gar nicht für die Kindheit und das Leben Hape Kerkelings interessieren sollte, dann kann man diesen Film als eine wunderbare Zeitreise in die Siebzigerjahre genießen, mit allem Drum und Dran. Angefangen von Tante-Emma-Läden, knatternden Mofas, alten VWs und Renault R4s, orange-braun-gestreiften Ringelpullis, Mett-Igel, Eierlikör und Polonäse, wenn es was zu feiern gab. Alle Schauspieler: Chapeau! Wie man nur diesen kleinen Hape (Julius Weckauf) gefunden hat! Er hat sich gegen 5000 andere im Casting durchgesetzt. Julius machte im Laden seiner Mutter immer den Clown, wie Hape das im Laden seiner Omma tat. Also: den richtigen ausgewählt! Die sympathischen Eltern und Großeltern, die Tanten, großartig, authentisch, empathisch, sympathisch. Uneingeschränkte Anschau-Empfehlung!

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Film: Der Junge muss an die frische Luft
Von: Caroline Link
Genre: Biografie, Drama, Komödie
Produktionsland: Deutschland
Starttermin: 25. Dezember 2018, 1 Std. 40 Min.
Cast: Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Joachim Krol, Rudolf Kowalski, Elena Uhlig, Birgit Schade u.v.m.

 

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