Film: Die göttliche Ordnung

Salute, ragazze!

Die goettliche Ordnung großSchweiz, 1971: Nora Ruckstuhl ist jung, weitestgehend glücklich mit dem Schreiner Hans verheiratet und hat zwei entzückende kleine Söhne. Sie ist Hausfrau und hilft nebenher noch auf dem Hof ihres Schwagers Werner. Sie kennt kein anderes Leben, doch so langsam macht sich ein klein wenig Unzufriedenheit in ihr breit. Sie will wieder arbeiten, halbtags, in ihrem alten Beruf als Sekretärin. Hans ist jedoch strikt dagegen. Ob ihr denn die Arbeit wichtiger als die Familie sei? Wie er denn vor seinen Kollegen dastünde, wenn die Frau arbeiten gehen müsse? Und überhaupt – ohne seine Erlaubnis darf sie überhaupt keine Stelle annehmen (dieses Gesetz hat übrigens bis 1988 Bestand). Das ist für Nora eine Art Erweckungserlebnis, und sie stürzt sich in den Kampf um die bevorstehende Abstimmung zur Einführung des Frauenwahlrechts. In ihrem kleinen Ort findet sie nur in der alten Vroni, der italienischen Gastwirtin Graziella und schließlich ihrer Schwägerin Therese Verbündete, die erste große Rede vor der versammelten Dorfgemeinschaft endet desaströs. Sogar ein Großteil der Frauen ist gegen das Frauenstimmrecht, das gegen die „göttliche Ordnung“ verstoße. Doch Nora gibt nicht auf und setzt damit eine ganze Reihe von unerwarteten, schockierenden und befreienden Ereignissen in Gang …
Die göttliche Ordnung von der Schweizer Regisseurin Petra Volpe ist einer dieser Filme, die einen vom ersten Moment an völlig in den Bann ziehen und aus denen man nach dem Abspann benommen aus dem Kino taumelt. Zum einen liegt das natürlich an dem Thema, der himmelschreienden Ungerechtigkeit, dass die Schweiz Anfang der Siebziger ernsthaft darüber diskutiert hat, ob man Frauen das Wahlrecht zugestehen soll (im Kanton Appenzell Innerrhoden wurde es gar erst 1990 (!!) eingeführt), zum anderen aber vor allem an der großartigen Hauptperson Nora, die von Marie Leuenberger überzeugend und mitreißend dargestellt wird. Man fühlt Noras Weg aus dem Hausmütterchendasein hin zu mehr Freiheit und einer gleichberechtigteren – und damit glücklicheren – Ehe in jeder Szene mit. Denkt sich am Anfang zusammen mit ihr: Aber paßt doch alles, ich fühle mich nicht unfrei. Dann ist man fassungslos, als Hans ihr verbieten will, etwas zu tun, was sie glücklich macht. Man spürt dieselben ersten Zweifel, ob man sich wirklich vor der bornierten Dorfgemeinschaft politisch entblößen soll, seinen „angestammten Platz“ verlassen darf, den erwachenden Kampfgeist, der schließlich auch vor massiver Bedrohung durch die Männer im Dorf nicht Halt macht. Man leidet aber auch mit ihr, als ihre Söhne in der Schule wegen ihrer „Emanzenmutter“ gehänselt werden, als Hans immer unverständiger und schroffer reagiert (der zudem in der Arbeit Probleme wegen seiner „ungehörigen“ Frau bekommt) und schließlich sogar die Scheidung will, als sie tatsächlich eine Stelle als Sekretärin bekommt.

Der Film nimmt aber ein gutes Ende, denn das Frauenstimmrecht wird eingeführt – obwohl nur Männer wählen durften! -, und einige Männer merken, dass es sich mit glücklichen Frauen auch selbst sehr viel glücklicher lebt.

Ganz, ganz toll sind auch die Szenen gelebter Frauensolidarität: die große Demo in Zürich, die Versammlungen in Graziellas Gasthof, der Vagina-Workshop bei einer schwedischen Hippie-Sexpertin (die großartige Sofia Helin aus Die Brücke) und viele andere mehr. Es ist eine Freude – gepaart mit brennender Wut auf die herrschende Ungerechtigkeit –, Nora auf ihrem Weg in ein freieres Leben zu begleiten. Ein Weg, der auch viele Männer aus der starren Rollenverteilung holt, die sie mindestens so unglücklich gemacht hat wie ihre Frauen.
Vielleicht heißt Nora ja sogar nach der Hauptfigur aus Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim, in dem es auch um eine Frau auf dem Weg in die persönliche Freiheit geht. Schwestern im Geiste sind sie auf jeden Fall.

Die göttliche Ordnung ist ein so unterhaltsamer und aufwühlender wie immens wichtiger Film. 1971 mag uns weit weg erscheinen, viel hat sich in Sachen Feminismus und Gleichberechtigung der Geschlechter getan, doch gerade uns jüngeren Frauen, die nach 1971 geboren wurden, schadet ein Blick in die Vergangenheit gar nicht, denn diese ist oft nur ein paar Wahlen entfernt. Die Rechte der Frau sind immer die ersten, die von strengen Konservativen beschnitten werden wollen (man braucht aktuell nur nach Amerika schauen), und dagegen gilt es immer noch zu kämpfen.

Ach ja, und am besten die Schweizer Originalversion mit Untertiteln anschauen!

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Die göttliche Ordnung
Genre: Drama, Komödie
Regie: Petra Biondina Volpe
Produktionsland: Schweiz
Start in Deutschland: 03.08.2017 (96 Min.)
Besetzung: Marie Leuenberger, Maximilian Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner u.v.a.

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