Film-Event: Anne Clark – I’ll walk out into tomorrow

Metropolis entkommen

anne clark cover

Anne Clark schreibt seit mehr als 30 Jahren Musikgeschichte. Nun gibt es einen schönen Film über ihr Leben und Schaffen. Der Regisseur Claus Withopf hat sie zehn Jahre auf Tourneen, bei Bandproben, Videodrehs, Arbeiten mit ihren Musikern begleitet. Für ihn hat sie aber auch ihre persönlichen Fotoalben geöffnet, Stationen ihrer Kindheit und ihres Werdegangs gezeigt. Anne Clark – I’ll walk out into tomorrow läuft bundesweit ab dem 25.1.2018 in deutschen Kinos, manche Städte aber haben Anne Clark persönlich begrüßen können, in München fand dies im Monopol-Kino statt. Hier wurde vorab die Dokumentation gezeigt, anschließend kam Anne Clark auf die Bühne und stellte sich den Fragen des Publikums.

Claus Withopf verwebt im Film ihre Songs in der Form ästhetischer Videoclips mit deren Entstehungsgeschichte, mit Informationen zu Annes Biographie, zu ihrer Kindheit, Jugend und mit Ausschnitten aus Zusammenarbeiten mit ihren Musikern. Anne, die in Croydon, einem eher nicht so schönen Stadtteil Londons aufwuchs, wurde in einem strengen, lieblosen, oftmals gewalttätigen Elternhaus groß. Anne wollte Schauspielerin werden, was die Eltern nicht so toll fanden, Schriftstellerin – noch weniger toll. Dann eben Musikerin! Bei Musik oder Musikern, die ihr gefielen, ist die scheue Anne aus sich herausgekommen, hier hat sie es geschafft, die Leute anzusprechen. Ansonsten war sie eher introvertiert, hatte ihre Träume. Die alte Kirche als Treffpunkt nach der Schule, das Praktikum in einer psychiatrischen Anstalt, der Plattenladen, in dem sie nach der abgebrochenen Schulausbildung gearbeitet hat – das alles hat sie geprägt, alles floss irgendwie in ihre Songtexte ein. Wenn sie erzählt, dass ihr Blick aus dem Zimmer ihres Elternhauses auf ein in Armeslänge entferntes hässliches Hochhaus fiel (Zitat: „Auch in Croydon gibt es ein Metropolis“), weiß man, wie dieser Songtext entstand. Die Punkbewegug, die Sex Pistols, mit dieser Szene ist Anne Clark dann bekannt geworden. Sie selbst war nie Punk, Wave, Goth, wird aber von deren Anhängern verehrt. Dafür ist sie dankbar. Der Film umreißt etliche Stationen ihres beruflichen und privaten Lebens und gibt dann zwischendurch immer mal wieder so viel Privates und Intimes preis, dass sie momentan selbst erschrickt und fragt, ob das nun nicht doch zu persönlich war. Ist es nicht. Der treue Verehrer absorbiert diese Infos und bewahrt sie in sich auf.

anne

Als sie nach dem Film auf die Bühne kommt hat sie eine Krücke dabei. Anne Clark hat ein verletztes Bein. Aber sie hat eine warmherzige Bereitschaft, sich den Publikumsfragen zu stellen. Man erfährt ergänzend noch mehr Details, wie das denn war, nachdem Virgin Records sie mit den Rechten zu „Sleeper in Metropolis“ über den Tisch gezogen hat, wie es ihr dann in ihrem Exil in Norwegen ging, wie sie an ihre völlig verschiedenen Musiker kam, wo sie lebt und leben möchte. England, sagt sie, wäre schon ihr’s, aber die Politik, der Brexit, nein, sie überlegt wegzuziehen. „Wohin denn?“, fragt jemand aus dem Publikum. Deutschland, das wunderschöne Allgäu wird in Erwägung gezogen. Auf jeden Fall irgendwo auf dem Land. Irgendwo, wo es schön ist. Wie der schöne Teil Londons. Nicht wie Croydon.

Dem Monopol-Kino ist ein wundervoller Abend gelungen. Schon eingangs im Foyer sah man bekannte Gesichter, der eine hatte ein Bier in der Hand, der andere ein Glas Wein, es war wie vor einem Konzert. Die kleine Grande-Dame des – ja was eigentlich? Wave? Spoken Word? – war auf der Bühne aufrichtig und authentisch, danach im Foyer war sie für die Fans da. Es wurde etwas geplaudert, fotografiert, Autogramme wurden geschrieben auf CDs, Kinokarten und mit Goldstift auf eine Lederjacke. Ich werde mein Autogramm in Ehren halten und das kurze Gespräch nicht vergessen. Die liebevolle Geste, einem beim Gehen noch über den Arm zu streichen, zeigt, was für ein warmherziger Mensch sie ist. Ich weiß das seit 33 Jahren.

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Anne Clark: I’ll walk out into tomorrow
Dokumentarfilm, OmU
Dauer: 84 Minuten
Drehbuch und Regie: Claus Withopf
Filmstart: 25.01.2018

 

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