Lass doch der Jugend ihren Lauf

 

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Dresden, eine Grundschule an einem Samstagnachmittag: Einige Eltern wollen Frau Müller treffen, die Lehrerin ihrer Kinder, denn es muss sich etwas ändern. Die Noten der Schüler haben sich in diesem Jahr erheblich verschlechtert, und ganz ehrlich: Das kann keiner gebrauchen, so kurz vor dem entscheidenden Zeugnis, dem Zeugnis, das den Übertritt ins Gymnasium erlaubt. Sofort stellt sich heraus, wer die Rädelsführerin vor Frau Müller sein wird: die resolute Powerfrau Jessica Höfel, gespielt von Anke Engelke. Jessica also, außerdem die alleinerziehende Katja, das Paar, das berufsbedingt von Köln nach Dresden ziehen musste, der sensible, arbeitslose Übervater Wolf: Sie alle wollen das Interesse der gesamten Elternschaft der Klasse vertreten, Frau Müller muss weg, sie soll die Klasse abgeben, sodass eine andere Lehrkraft bessere Noten geben kann.


Frau Müller hingegen, so stellt sich heraus, ist eine durch und durch patente Frau in ihren besten Jahren, die alles zu tun scheint, um einen Klassenzusammenhalt herzustellen und die Schüler nach allen Möglichkeiten zu fördern. So ist sie natürlich vollkommen konsterniert, als man ihr dringend empfiehlt, die Klasse abzugeben. Sie verlässt überstürzt das Klassenzimmer und überlässt die Handvoll Eltern sich selbst. Diese bemerken nach einiger Zeit, dass die Handtasche der Müller noch da ist – mit den Noten der Schüler darin.
Und dann entgleitet das Ganze: Zuerst dreht es sich bei den Diskussionen der Zurückgebliebenen um die Lehrkraft, dann plötzlich um ihre Kinder, Erziehungsmethoden, Lebensentwürfe. Die Meinungen gehen immer weiter auseinander. Längst ist nicht mehr Frau Müller der Feind, sondern alle – sogar Paare untereinander – bekriegen sich. Man macht sich gegenseitig Vorwürfe, jetzt geht es um Einserschüler-Mama gegen Montessori-Eltern; laxe Erziehung gegen strenges Regiment; Ossi gegen Wessi. Zuerst wird verbal gekämpft, später artet das Ganze noch weiter aus.
Natürlich kommt man auch in Versuchung, nach den Noten der Kinder zu sehen. Und siehe da: Sieht doch gar nicht so schlecht aus! Und so fasst man erneut einen Plan.

Was als Komödie daherkam, wurde zur Satire. Die Streiterei untereinander erinnert an Polanskis Verfilmung von Gott des Gemetzels. Diese Posse in Zeiten, in denen in Grundschulen schon immenser Leistungsdruck herrscht, in denen ein gutes Übertritts-Zeugnis auf ein Gymnasium wie ein Sechser im Lotto scheint, ist hervorragend gespielt und vergnüglich anzusehen.

Erwähnenswert Beginn und Ende des Films: Anfangs Schwarzweißbilder von braven Schulkindern, untermalt mit einem Chor-Klassiker der DDR: „Lass doch der Jugend ihren Lauf“, beim Abspann dann nochmal Bilder in Schwarzweiß, man meint hier die Schauspieler als Kinder zu erkennen, begleitet von dem Lied als Rap. Hierzu unbedingt sitzen bleiben, denn hier erfahren wir, was später aus den lieben Kleinen wird.

Beim Rausgehen bedanke ich mich großzügig bei einer höheren Macht, dass ich weder Lehrerin bin noch Mutter eines Schulkinds in einer Zeit, in der niemand mehr „einfach so“ einen Lauf hat.

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Frau Müller muss weg
Genre: Komödie
Regie: Sönke Wortmann
Cast: Justus von Dohnányi, Anke Engelke, Gabriela Maria Schmeide, Ken Duken, Alwara Höfels, Mina Tander
Laufzeit: 88 min.

Filmtrailer auf Youtube

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