Film: Green Book – Eine besondere Freundschaft

Ziemlich beste Fremde

green bookIm New York der 60er Jahre ist der Italoamerikaner Tony Lip – eigentlich Vallelonga, aber das kann ja keiner aussprechen – Türsteher eines angesagten Clubs. Er ist zwar einfach gestrickt, aber durchsetzungsfähig und mit einem guten Herzen ausgestattet. Nichts interessiert ihn mehr als das Glück seiner Frau und seiner zwei Jungs und der Zusammenhalt der ganzen weitläufigen Familie. Da der Club kurzfristig schließt, muss er sich etwas anderes suchen. Er hat ein Vorstellungsgespräch bei einem Doktor im Haus der Carnegie Hall. Dort empfängt ihn ein Afroamerikaner im Kaftan, ein indischer Hausangestellter macht ihm auf. Der Doktor ist Musiker und will auf einer achtwöchigen Konzerttournee quer durchs ganze Land herumchauffiert werden. Tonys Frau kann sich das für ihren Mann nicht richtig vorstellen. Dieser hatte noch nicht recht viel persönlichen Kontakt mit Afroamerikanern, und wenn, dann war ihm das nie angenehm. Und überhaupt, was soll das für ein Doktor sein? Gibt es einen Doktor in Musik?

Die Zweifel nimmt der Doktor selbst, indem er die Dame des Hauses anruft und höflich fragt, ob es ihr sehr viel ausmachen würde, wenn er ihr ihren Mann für ganze acht Wochen nehme. Sie ist schnell angetan von diesem gebildeten und kultivierten Mann, und Tony übernimmt den Posten. Es kommt anfangs ein bisschen zu Reibereien, denn Tony meint ein reiner Chauffeur zu sein, doch er soll als persönlicher Assistent fungieren und sicherstellen, dass der Doc zu allen Auftritten pünktlich erscheint, dass vor Ort immer ein Steinway auf der Bühne steht, und noch so manch andere Dinge, die nach und nach erforderlich sind. Dr. Don Shirleys Mitmusiker, ein Bassist und ein Cellist, beides Russen, fahren in einem eigenen Auto. Nun stehen ihnen zwei Monate in Hotelzimmern und aus dem Koffer bevor, und wenn sie Glück haben, sind sie alle zu Weihnachten wieder zu Hause in New York.
Don Shirley lässt sich also nun von Tony durchs Land fahren. Der feine schwarze Mann sitzt hinten und möchte sich sammeln, der grobe weiße Tony sitzt schmatzend und laut Musik hörend am Steuer. Anfangs sieht es so aus, als würde der Fahrer vom Musiker extrem lernen müssen. Wie man sich benimmt, isst, redet, wie man andere Leute behandelt und sogar wie man romantische Briefe schreibt. Doch nach und nach lernt auch Don Shirley von Tony. Dieser kann es nämlich überhaupt nicht fassen, dass der Doktor der Musik noch nichts von Little Richard, Aretha Franklin oder Chubby Checker gehört hat. Die sind doch in aller Munde! Das sind doch vor allem auch seine Leute! Und er hat auch noch nie in seinem Leben Fried Chicken gegessen! Weil man die mit der Hand isst und sie fettig sind! Aber Don Shirley probiert und findet Genuss, auch am Rauswerfen der Knochen aus dem offenen Autofenster. Je weiter aber die Reise in den Süden geht, desto beklemmender werden die erlebten Situationen. Der Musiker darf nämlich nur in Unterkünfte und Restaurants, die im „Negro Motorist Green Book“ gelistet sind. Die beiden Russen und der Fahrer können tun und lassen was sie wollen. Die Kluft zwischen Schwarz und Weiß wird immer größer, Don Shirley ist einerseits der gebuchte und gefeierte Star eines Abends, andererseits darf er die Toilette nicht benutzen sondern muss zum Plumpsklo unter den Bäumen. Oder er wird von der Polizei zum Aussteigen aus dem Wagen gezwungen, weil er nachts noch auf der Straße ist. Zuerst nimmt er alles stoisch hin, doch allmählich begehrt er auf. Und Tony muss ihn mehr als einmal retten, was ihm überhaupt nichts ausmacht, denn hier kommt ihm seine Türsteher Erfahrung zu Gute. Es gibt nichts, was ihn peinlich berührt, keine Situation, die er nicht retten kann. Einzig eines kann er nicht verhindern: In Birmingham, der letzten Reisestation weigert sich Don aufzutreten. Ihm geschieht wieder einmal große Ungerechtigkeit, und er nimmt dies nicht mehr hin. Sie besuchen einen schwarzen Musikclub, Don mischt sich dort unter die Musiker, und sie haben Spaß. Noch in derselben Nacht machen sie sich, todmüde zwar, auf den Heimweg nach New York, und als Zuschauer hofft man, dass ihnen nichts mehr passiert und sie zu ihren Lieben pünktlich zum Weihnachtsfest heim kommen.

Der Abspann zeigt, dass der Film nach einer wahren Begebenheit gedreht wurde. Es gab tatsächlich diesen weißen Fahrer Tony Lip, er und der schwarze Jazz-Pianist Don Shirley hatten ihr ganzes Leben Kontakt zueinander, bis sie beide zufälligerweise nur kurze Zeit hintereinander im Jahr 2013 verstorben sind. Großartig die ausgewählten Schauspieler: Mahershala Ali, der schon für Moonlight einen Oscar für die beste männliche Nebenrolle bekam, und Viggo Mortensen, dem großartigen Schauspieler, von dem ich nie angenommen hätte, dass er tatsächlich schon 60 Jahre alt ist. Linda Cardellini verkörpert diese robuste und gleichsam zarte Gattin Tonys, die natürlich gleich gewusst hat, dass diese wundervollen Briefe, die sie von der Reise zugeschickt bekam, bis kurz vor Schluss vom Doktor der Musik diktiert waren. Ein wunderschöner Film.

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Green Book – Eine besondere Freundschaft
Genre: Drama, Filmbiografie, Road Movie
Regie: Peter Farrelly
Produktionsland: USA
Start in Deutschland: 31.1.2019, 131 Min.
Cast: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini u.v.m.

 

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