Die da oben, wir da unten

In der Familie Kim im südkoreanischen Seoul sind alle arbeitslos. Deshalb hausen sie in einem Keller unter ärmlichsten Bedingungen. Mit Aushilfsjobs halten sie sich über Wasser. Am sozialen Leben nehmen sie per Handy teil, indem sie erfinderisch am WLAN der Nachbarn partizipieren. Haben sie einmal eine Mahlzeit und speisen gemeinsam, kommt es öfters vor, dass draußen ein Besoffener an ihr Souterrain-Fenster pinkelt, kaum einer vermutet, dass dort unten noch jemand wohnt. Eines Tages macht ein Freund dem jungen Ki-woo (Woo-sik Choi) ein Angebot. Er ist oben in den Hügeln, wo die Reichen wohnen, Nachhilfelehrer. Er nimmt aber ein Auslandssemester und bietet Ki-woo die Stelle an.

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Gut vorbereitet sucht der die Villa des reichen Mr. Park (Sun-kyun Lee) und seiner Familie auf. Die Dame des Hauses, Yeon-kyo (Yeo-Jeong Cho) ist sehr angetan von Ki-woos Können, sie wünschte, dass nicht nur ihre große Tochter mit Englischunterricht, sondern auch ihr kleiner Sohn in Kunst Unterstützung bekommen könnte. Ja, da kann Ki-woo doch helfen! Zufällig kennt er jemanden, der dafür geeignet wäre (in Wirklichkeit seine Schwester). Und so hat schon das zweite Familienmitglied bei den Parks einen Job. Familie Kim ist sehr trickreich, kann Urkunden, Zeugnisse und Ausweise fälschen und ist dabei noch überaus höflich und eloquent. So liegt es nur nahe, dass man auch den Vater Ki-taek (Kang-ho Song) unterbringt. Hierzu lässt man den langjährigen Fahrer der Parks schlecht aussehen und hat auch schon einen guten Ersatz parat! Wie schön, wenn nun auch noch Mama Kim (Hyae Jin Chang) eine Stelle hätte! Sie kann ja schließlich ebenso gut kochen und für das Haus sorgen wie die langjährige Haushälterin. Man findet eine perfide Lösung, diese aus dem Haus zu mobben. Alle vier Kims sind nun zufrieden, ebenso wie die Parks. Bis es bald zu einer Schicksalsnacht kommt, die alles ändern wird.

Dieser Film ist eine rasant erzählte Geschichte. Er ist Thriller, Komödie, Gesellschaftskritik in einem. Dort oben in den Hügeln von Seoul, im Reichenviertel, gibt es Gärten, die wie Parks angelegt sind, hier haben die Kinder mehrere Privatlehrer, werden Kindergeburtstage gefeiert wie andernorts Hochzeiten und Jubiläen, hier sehen selbst Hundecracker so lecker aus, dass die Kims diese versehentlich essen. Hier freut man sich, wenn es regnet, weil der Regen die Luft wieder sauber macht. Unten im Slum von Seoul steht das Wasser den Armen sprichwörtlich bis zum Hals, und nicht nur das Wasser. Unten wird ums nackte Überleben gekämpft. Es ist ein Klassenkampf, der hier ausgetragen wird, für den keiner der Beteiligten etwas kann. Die Familie Kim wird als schlau und pfiffig dargestellt, aber auch die Parks sind liebe Leute, die überaus großzügig zu ihren Angestellten sind. Dennoch sind kleine abfällige Bemerkungen hörbar, etwa wenn Herr Park den Geruch am neuen Fahrer bemerkt, eigentlich an allen neuen Angestellten. Die Kims meinen zuerst, sie müssen nun ihre Kleidung alle mit verschiedenen Waschmitteln waschen, damit die Parks nicht merken, dass sie aus einem Haushalt kommen. In Wirklichkeit ist es aber der Geruch der Armut, den Park bemerkt, der Geruch der stinkenden Wohnung der Kims. Dennoch ist Parasite kein schweres Sozialdrama, sondern eine temporeiche, schwarzhumorige Tragikomödie voller witziger, absurder Ideen, eine actionreiche, obwohl hauptsächlich in geschlossenen Räumen spielende, satirische Thriller-Komödie. Die Kims, das sind zwar Parasiten, die von den Parks leben, aber dennoch sind sie warmherzig, haben Träume und Sehnsüchte. Man fiebert mit ihnen und wünscht ihnen nur das Beste.

Der Macher des Films, Bong Joon-ho, wünschte sich ausdrücklich bei einem Interview bei den Filmfestspielen in Cannes vor den anwesenden Journalisten, dass zum Fortgang des Plots nicht gespoilert wird. Das ist den meisten sicher äußerst schwer gefallen, denn wer die Weiterentwicklung der Geschichte und deren Ausgang kennt, kann kaum hinterm Berg halten.

Parasite hat völlig zu Recht vier Oscars abgeräumt und war der beste Film des Jahres. Durch diese Prominenz hat man nun noch länger als gewöhnlich die Chance, den Film im Kino zu sehen. Angeblich kommt Parasite demnächst sogar als neue Schwarz-Weiß Version noch einmal in die Kinos. Wie auch immer: Ob in Bunt oder Schwarz-Weiß: unbedingt ansehen!

Parasite
Produktionsland: Südkorea
Start in Deutschland: 17. Oktober, (2 Std. 12 Min.)
Von: Bong Joon Ho
Cast: Song Kang-Ho, Woo-sik Choi, Park So-Dam

 

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