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Film: Rammstein: Paris

Feuer, Flammen, eine beinahe explodierte Leinwand und geplatztes Trommelfell

© Rammstein.de

© Rammstein.de

Bevor ich ins Detail gehe, eins vorneweg: Das ist sicherlich einer der besten Konzertfilme, die ich je gesehen habe, egal ob im Kino oder zu Hause. Nicht nur für Rammstein-Fans sollte das ein absolutes Muss sein, wenn man gerade vor der Wahl steht, entweder der neue King Kong (gähn, Hollywood) oder eben die urgewaltige Live-Explosion auf der Leinwand namens Rammstein: Paris! Das Endprodukt ist schlichtweg uneingeschränkt und absolut empfehlenswert, hier haben alle am Konzert Beteiligten definitiv Nägel mit Köpfen gemacht. Das Publikum frisst der Band aus der Hand, und visuell wie auch akustisch bleibt wirklich kein Auge trocken. Streckenweise ist die Schnittabfolge etwas zu hektisch. Hier hätte ich mir stellenweise ein längeres Ausharren auf einer Einstellung gewünscht, aber letztendlich erlaubt die Musik solche Ausruher eigentlich nicht, wie es auch schon auf der aktuellen Live-Bluray Rammstein in Amerika zu sehen war.

Allein das stimmungsvolle und visuell sehr stark verfremdete Intro, in dem die Band begleitet von Secus und der französischen Flagge wie Boxer zum Ring marschieren, ist ein erstklassiger Einstieg in knapp 100 Minuten Rammstein. Natürlich mit den allseits bekannten Feuer-und Flammenspielen, die wieder aus allen möglichen dystopisch- anmutenden, Steampunk-ähnlichen Behältern und Gerätschaften abgefeuert werden – alles wie gewohnt. Die Jungs sind einfach Profis und wissen genau, wie es sich zu inszenieren gilt bzw. wem sie die Inszenierung ihrer gesamten Show anvertrauen, damit die Fans total ausrasten und mit einem Wtf-did-I-just-witness-Gefühl wieder nach Hause gehen. So ziemlich alle Hits sind im Set inbegriffen. Auch hier wurde auf Nummer sicher gegangen und nur das Beste zum Besten gegeben. Leider hat mir schmerzlich die Mosh-Granate „Waidmans Heil“ gefehlt, die, wenn sie gezündet wird, auch den Letzten in der hintersten Reihe zum Headbangen bringt. Persönlich hat mir dieser Song am besten auf der aktuellen Konzert-Bluray gefallen, vor allem deshalb, weil damit die gesamte Show erst richtig abgehoben ist. Darüber hinaus hätte ich mir auch eine prominentere und deutlichere Abmischung von Tills Stimme gewünscht. Streckenweise ging die Verständlichkeit der Texte zu sehr im Gesamt-Bombast unter, wohl um dem Zuschauer ein Erlebnis zu liefern, das suggeriert, wirklich ein Teil des anwesenden Publikums zu sein. Und das ist ihnen fürwahr gelungen, man IST tatsächlich und sprichwörtlich mittendrin, nur eben etwas zu Lasten der Stimme Lindemanns. Das ist aber nur ein kleines Manko, denn man hat ohnehin keine große Zeit für alle Details, weil einfach der Gesamteindruck so bombastisch und beeindruckend ist. Man ist einfach spätestens ab der Hälfte des Konzerts schon sowas von geflashed und reizüberflutet, dass das Stammhirn “Ciao” sagt, oder besser noch: „Keine Lust mehr“.

Das Spektakel wurde im neuesten Kinoton-Standard „Dolby Atmos“ abgemischt und sollte sich auch nach Möglichkeit nur in entsprechend ausgezeichneten Kinos zu Gemüte geführt werden, denn nur so kommt die ganze Bombastik des Live- Erlebnisses erst richtig zur Geltung. Als beispielsweise der erste Riff durch die Boxen gejagt wurde, hat das Kino sprichwörtlich gebebt, der Sound war dermaßen föhnig und druckvoll, einfach nur “wow”. Allumfassend, wie in einem Wattebausch kam man sich vor, und nicht Wenige im Kino haben es nicht mehr auf den Sitzen ausgehalten und haben zum Bangen losgelegt. Sowas sieht man auch nicht alle Tage, wie auch Semester jenseits der 60. Meine metal-erfahrene Kinobegleitung war auch ganz hin und weg und hat nach dem zweiten Song gemeint, kann doch ruhig noch lauter werden! Dabei war es schon recht amtlich, selbst für meine Ohren. Und als wäre sein Spruch erhört worden, schob wenige Momente später der Kinomeister die Regler noch höher, was mit einem Riesengejohle quittiert wurde. Nun war es echt und richtig laut, ich habe selten das Cinema so am Anschlag erlebt wie hier. Es war megalaut, aber immer klar, nicht verzerrt oder verjault, was meist ein gutes Zeichen für eine perfekte Abmischung ist. Kein Vergleich zu meinem letzten Konzertfilm von U2 im gleichen Kino, der sich wie ein laues Lüftchen dagegen ausnahm. Naja, anderes Genre, andere Erwartungshaltung.

Darüberhinaus ist nicht nur der Sound über alle Zweifel erhaben, sondern auch viele kleine Showeinlagen, wie das Erhitzen des Keyboarders durch einen Mega-Flammenwerfer in einem riesigen Kochtopf, oder die gesamte Band an der SM-Leine des Drummers Richtung runde Bühne innerhalb des Innenraums der Halle bei „Bück Dich“, inklusive anschließender Mega-Sperma-Entladung durch Tills Monsterdildo: Rammstein wie man sie kennt und liebt! Nicht zu vergessen natürlich die Schaumkanone zum Schluss hin, die denselben Effekt wie Tills künstliches Geschlecht erzeugte, eben nur quantitativ etwas mehr.

Man schafft es irgendwann nicht mehr, all die Eindrücke zu verarbeiten, da sie beinahe sekündlich auf einen einprasseln. Der visuelle und sonische Overkill ist übermannend. Nicht nur die Editoren haben hier ganze Arbeit geleistet. Irgendwann gibt man sich einfach nur hin, lehnt sich zurück, lässt die Gänsehaut zu, bangt mit und saugt den Spaß einfach in sich auf.

Jegliche Ressentiments der Band gegenüber sind spätestens seit diesem Konzertfilm völlig ausgeräumt. Ich kann sie endlich so akzeptieren, wie sie sind: lupenreine Rock- und Superstars und Vollprofi-Musiker ohne jedwede politische Fragwürdigkeit. Sie sind neben BMW und Daimerl der beste Exportschlager, den dieses Land zu bieten hat. Sie sind einfach … geil!

Wer sich dieses unvergessliche Konzert schnellstmöglich nach Hause holen will, dem wird auch in Bälde schon geholfen werden. Am 19. Mai erscheinen multiple Editionen des Films auf DVD, Blu-Ray oder CD, oder als Mix von beidem. Das Cover ist schon mal sehr vielversprechend.

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Rammstein in Paris
Genre: Musikfilm
Regie: Jonas Åkerlund
Produzent: Svana Gisla
Nationalität: Deutschland
Start in Deutschland: 23. März 2017, 98 Min.
FSK 16
Cast: Till Lindenmann, Richard Kruspe, Christoph Schneider, Christian Lorenz, Paul Landers

Ein herzliches Dankeschön für diesen Bericht geht an unseren Gastautor Emeritus I.!

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