Film: Schloss aus Glas

Von einer gar nicht so märchenhaften Kindheit

Schloss aus Glas

Du hast eine unbeschwerte Kindheit, liebende Eltern, ein paar Geschwister, damit du immer inspiriert bist und niemals allein, und zu allem baut dir dein Papa auch noch ein Schloss aus Glas?

Die Wirklichkeit sah anders aus für Jeannette Walls: Die Walls sind bettelarm. Oft sind sie auf der Flucht vor Gläubigern und verlassen überstürzt ihr Heim. Noch öfter müssen die Kinder hungrig schlafen gehen. Die Mutter ist eine egozentrische Künstlerin, die die Meinung vertritt, dass ein Bild für die Ewigkeit ist, eine Mahlzeit hingegen vergänglich und unnötig. Der Vater ist ein Lebenskünstler mit großartigen Plänen – die nicht ausgeführt werden. So wird die Grube für das Fundament für das Schloss aus Glas zu einer Müllkippe.

Doch auch wenn die Mutter chaotisch ist, der Vater oft unnötig streng, die Kinder ärmlich und ohne Schule aufwachsen: Die Kinder sind dennoch glücklich, denn ihr Heim ist kreativ, frei von Konventionen, und ihr Vater schenkt ihnen die Sterne am Himmel. Leider ist er immer öfter hemmungslos betrunken, das bisschen Geld geht in der Kneipe drauf, und die Kinder, allen voran Jeannette, leiden sehr darunter. Jeannette möchte sogar, dass die Mutter ihren Mann verlässt, da sie auf die Art und Weise nie auf einen grünen Zweig kommen. Diese will das aber nicht, kann es nicht. Jeannette muss eines erkennen: Niemand wird ihnen helfen, aus dieser bitteren Not herauszukommen. Wenn sie so weitermachen, werden sie eines Tages noch betteln gehen müssen und aus Mülltonnen fressen. Sie können sich nur selbst helfen, zusammenhalten, sparen, in die Schule gehen, lernen, und dann einer nach dem anderen, sobald es geht, von zu Hause fortgehen.

Jahre später. Jeannette ist schon längst in New York bei einer Zeitung angestellt, glücklich verlobt mit einem Banker, da sieht sie auf einer Fahrt mit dem Taxi in der nächtlichen Stadt ihre Eltern herumstreunen und in Mülltonnen nach Essen wühlen. Und die ungeliebte Vergangenheit holt sie wieder ein.

Dies ist die Verfilmung der wahren Geschichte von Jeannette Walls. Ihr autobiografischer Roman The Glass Castle wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Anders als im Roman springt die Handlung in Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Man muss sich ein bisschen hineindenken aufgrund dieser Erzählweise, aber dann packt einen der Film gewaltig. Die Kinderdarsteller, über all die Jahre diese ganze rotschöpfige Bande, nehmen einen mit auf dieses Abenteuer, das manchmal wie Unsere kleine Farm oder Die Waltons aussieht, bevor es zum Armutsdrama wird. Was die Rollen der Erwachsenen angeht, so hätte ich mir hier im Nachhinein keinen anderen Schauspieler als Woody Harrelsen vorstellen können, ein Mann mit so vielen tollen Filmen, den ich zuletzt in Die Tribute von Panem als außergewöhnliche Figur gesehen habe. Naomi Watts hat das Kindliche, Mädchenhafte und Zarte aus King Kong und The Ring hinter sich gelassen. Diese Rolle der freigeistigen Hippiemutter und zugleich tapferen Frau eines mehr als anstrengenden Mannes ist stark gespielt. Brie Larson als erwachsene Jeannette, die zunächst zugeknöpft schon fast wie eine Replikantin aus Blade Runner wirkt, spielt eine junge Frau mit einer tollen, mutigen Entwicklung.

Einmal Freigeist, immer Freigeist!

Am Ende wie so oft unbedingt im Kino zum Abspann sitzen bleiben: Man sieht Bilder und Videofragmente der echten Walls Familie – schön.

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Film: Schloss aus Glas
Originaltitel: The Glass Castle
Genre: Drama
Regie: Destin Daniel Cretton
Produktionsland: USA
Start in Deutschland: 21.09.2017, 128 Min.
Cast: Brie Larson, Naomi Watts, Woody Harrelson, Chandler Head, Ella Anderson u.v.a.

 

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