Film: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Auge um Auge

three billboards

Mildred Hayes (Frances McDormand) ist nicht vom Glück geküsst. Ihr Mann hat sie wegen einer 19-Jährigen verlassen, sie muss sich mit ihren zwei Kindern alleine durchschlagen. Bis noch etwas Schlimmeres das toppt: Ihre Tochter wird auf dem Nachhauseweg vergewaltigt und getötet. Das ist am Anfang der Geschichte schon sieben Monate her, aber Tag und Nacht das Wichtigste in ihrem Leben. Denn wie fühlt man sich mit der Erinnerung an das letzte, was man dem trotzigen Teenager hinterher geschrien hat: „Ich wünsch‘ dir, dass du unterwegs vergewaltigt wirst!“?

In den vergangenen sieben Monaten war die örtliche Polizei nicht sehr erfolgreich in ihren Ermittlungen, Mildred geht das alles viel zu langsam. Sie entwickelt eine richtige Wut. Ihr kommt die Idee, drei gewaltige Werbeplakate auf dem Weg ins beschauliche Örtchen Ebbing plakatieren zu lassen, für immerhin 5000 Dollar pro Monat, mit provokanten Botschaften für die Polizei: „Raped while dying“, „Still no arrests?“ und „How come, Chief Willoughby?“. Sheriff Willoughby (Woody Harrelson) und sein Gehilfe, Officer Dixon (Sam Rockwell), sind alles andere als angetan. Willoughby besucht Mildred zu Hause, spricht mit ihr, versucht ihr Verständnis zu erreichen, auch, weil er schwer krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. Mildred aber ist hart: Der einzige Grund für die Plakat-Aufrufe ist es ja, dass er nicht mehr lange leben wird. Er soll sich beeilen! Wenn er tot ist, kann er gar nichts mehr machen! Die Gemeinde, die auch von Chief Willoughbys Krankheit weiß, steht bis auf wenige Einwohner nicht auf ihrer Seite. Doch Mildred ist sehr stark, hart und benimmt sich wie ein Mann: Es wird geflucht, es wird geprügelt, es werden Grenzen gezogen. Wenn man sie in ihrem Haus wütend eine Fotze nennt, entgegnet sie: „In diesem Haus gibt es keine Fotzen mehr!“ Dann weiß man vom Umgang mit ihrem Ex-Mann. Sie wehrt sich beim Zahnarzt, der sie grob behandeln will, sie verweist den Dorfpfarrer schnöde aus dem Haus, sie ist hart zu ihrem Ex und dessen Freundin. Der Chief, der selbst so hart wirkt, im Grunde aber ein unheimlich liebevoller Kerl ist, mit schönem Heim, Frau und zwei kleinen Mädchen, bringt sich um, um seiner Familie das Zuschauen beim langen Leiden zu ersparen. Zuvor schreibt er aber noch Briefe, und zwar nicht nur an seine Frau, sondern auch an Mildred und seinen Officer Dixon. Dixon, zu Hause ganz klein mit Mama lebend, ist im Job ein cholerischer, wütender, ungerechter, rassistischer Cop. Als erstes schlägt er den Vermieter der Plakatwände fast tot, dann wirft er ihn aus dem Fenster. Wie als Rache dafür ist am nächsten Tag ein schwarzer Polizeichef im Amt, der sofort Dixon entlässt. Und so lässt jeder Charakter, jede Tat einen vermuten, wie etwas und jemand ist, und was daraus werden wird. Die Plakatwände werden angezündet, Molotowcocktails in die Polizeidienststelle geworfen, alles eskaliert. Als Zuschauer hält man die Luft an. Mildred wird doch nicht bei allem verständlichen Zorn straffällig werden! Das wäre ja eine Wendung, die man gar nicht gerne hätte. Aber nun kommt es: Sukzessive wird dem Publikum vorgeführt, wie falsch die ersten Eindrücke waren. Die wahren Wesenszüge der Figuren entwickeln sich. Am Ende ist man fast betreten, ob der Gedanken, die man zeitweise hatte.

Frances McDormand ist hier, wie in Fargo und Cheyenne, this must be the place eine Frau, die ihren Clan verteidigt, hart, ihren Linien treu bleibend. Woody Harrelson, den ich zuletzt in Tribute von Panem und Schloss aus Glas gesehen habe, wirkt auch hier wieder tough, ist es aber privat gar nicht. Bei Peter Dinklages Rolle muss man schon zweimal hinsehen, ob das auch wirklich Tyrion Lennister aus Game of Thrones ist – großartig. Fesselnd, die spontanen Wendungen in den Charakteren und in der Handlung. Faszinierend, die Entwicklung am Ende des Films. Nachdenklich machend: Ein Film, der so brutal wie auch schwarzhumorig ist, kann nur Amerika möglich machen, ein Land, in dem die Waffen und Gewehre unter Tischen kleben und auf Autorücksitzen liegen. Diese Art von Aufarbeitung von Schuld ist meines Erachtens nirgends sonst möglich. Der Film ist für sieben Oscars nominiert, wir werden sehen, was daraus wird.

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Film: Three Billboards outside Ebbing, Missouri
Genre: Drama
Drehbuch und Regie: Martin McDonagh
Produktionsland: USA, Großbritannien
Start in Deutschland: 25.01.2018, 116 Minuten
Cast: Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Karthryn Newton, John Hawkes, Abbie Cornish, Peter Dinklage u.v.a.

 

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