Interview mit Friedrich Ani

Tabor Süden, Martin Heuer, vermisste Menschen, entführte Jugendliche, Detektivarbeit, gute Geschichten, eine amüsante Lesung – viel Lesestoff von einem interessanten Autor wie auch viele interessante Stunden mit ihm: Friedrich Ani. Er hat sich freundlicherweise Zeit für einige Fragen genommen:

Horusauge: Tabor Süden ist eine sehr gut entwickelte Figur innerhalb Ihrer Romane über verschwundene Personen. Gab es ein Vorbild für Süden, oder haben Sie seine Eigenschaften aus vielen Personen zusammengesetzt?
fani-2011_foto-4c_mark-roemisch_kleinFriedrich Ani: Irgendwann Mitte der 90er Jahre sah ich einen Mann in einer Kneipe am Tresen sitzen, der aussah wie jemand, der nach Verschwundenen sucht. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Ich schrieb ein paar Zeilen und besuchte kurze Zeit später ein Dezernat, um mit einem Vermisstenfahnder zu sprechen. So entstand allmählich die Süden-Figur, Reales vermischte sich mit Erfundenem, ein eigener Charakter kam zum Vorschein und tauchte zum ersten Mal im Roman „Die Erfindung des Abschieds“ auf.

H.: Ich erinnere mich gerne an Süden und die verschwundene Königin, Süden und der glückliche Winkel sowie Süden und das verkehrte Kind – es sind sehr unterschiedliche Fälle, die der Kommissar zu bearbeiten hat. Wo kommt Ihre Inspiration für derartige Geschichten her? Haben Sie sich von Zeitungsartikeln oder anderen Vorlagen anregen lassen?
F. A.: Alle diese Geschichten sind erfunden, nicht jedoch die Ermittlungsmethoden oder die Art, wie Angehörige auf das Verschwinden eines Verwandten reagieren. Zu dem Thema habe ich immer wieder Interviews mit Betroffenen geführt.

H.: Tabor Süden hört den Menschen sehr genau zu, erkennt Ungereimtheiten und kann hinter die menschlichen Fassaden blicken. Durchschauen auch Sie Ihr Gegenüber so gut?
F. A.: Ich brauche meist wesentlich länger als Tabor Süden, um einen Menschen wirklich zu erkennen. Manchmal allerdings weiß ich schon nach zwei Sätzen über mein Gegenüber Bescheid.

H.: Sie lassen Tabor Süden mitunter quer durch München laufen. Sind Sie beim bzw. vor dem Schreiben diese Wege abgelaufen?
F. A.: Viele Wege meiner Figuren kenne ich gut, ab und zu erfinde ich auch Gegenden …

H.: Martin Heuer, Sympathieträger der Süden-Reihe und bester Freund des Kommissars, starb in einer der Geschichten. Wurde dies nur deswegen konzipiert, damit sich Süden aus der Kriminaler-Ecke verabschieden und ein neues Betätigungsfeld in der Privatermittlung angehen konnte?
F. A.: Martin Heuer begeht bereits im ersten Roman Selbstmord („Die Erfindung des Abschieds“). Danach folgten Bücher, in denen er schon tot ist (German Angst, Verzeihen, Gottes Tochter) sowie zehn Original-Taschenbuchromane, die zu der Zeit spielen, als Süden und Heuer noch gemeinsam bei der Kripo arbeiteten.

H.: Bis heute ist nur ein Buch aus der Süden-Reihe verfilmt worden, mich haben die Darsteller von Tabor und Martin nicht überzeugt. Hatten Sie damals Einfluss auf die Auswahl der Schauspieler?
F. A.: Es wurden zwei Romane verfilmt: Süden und das Geheimnis der Königin und Süden und der Luftgitarrist (dieser Film wurde mit sieben Adolf-Grimme-Preisen ausgezeichnet). Ich fand die Besetzung hervorragend.

H.: Werden vielleicht doch noch weitere Romane aus dieser Reihe verfilmt?
F. A.: Möglich ist alles im deutschen Fernsehgeschäft – genauso wie nichts.

H.: Das letzte Lebenszeichen von Tabor Süden ist in Ihr Buch Unterhaltung eingeflossen. Dürfen seine treuen Leser auf ein Wiedersehen hoffen? Wird es eine weitere Suche nach einer vermissten Person mit ihm geben?
F. A.: Die Figur wurde ja nicht ausradiert, also besteht immer die Möglichkeit einer Wiederauferstehung.

H.: Im letzten Jahr habe ich an einer Ihrer Lesungen teilgenommen und war begeistert. Könnte es sein, dass Unterhaltung vielleicht auch als Hörbuch, natürlich von Ihnen gelesen, erscheint?
F. A.: Darauf habe ich keinen Einfluss.

H.: Wie ich durch diese Veranstaltung erfahren habe, gibt es auch für Sie eine Lieblingskneipe, in der Sie sich wohl fühlen. Ist deshalb der Ort vieler Ihrer Geschichten in einer Gaststätte angesiedelt?
F. A.: Ich bin seit meinem dreizehnten Lebensjahr ein Gasthausbewohner.

H.: Beim Kapitel „Zigeunerschnitzel und Demokratie“ stelle ich mir vor, wie Sie zufällig in einem Restaurant auf eine Speisekarte stoßen, und der Geistesblitz Ihnen Wortverdreher vorgibt. Ist das so, oder wie war es wirklich?
F. A.: Das Thema wurde breit in den Medien verhandelt, ich suchte nach einer Figur dafür – voilà!

H.: Die Namensgebung von Herrn Kardigglding hat mich sehr amüsiert. Ist diese Auswahl ein Zufallsprodukt, oder welchem Umstand haben wir diesen Namen zu verdanken?
F. A.: Den Namen habe ich geträumt. Und ich war froh, dass ich ihn in der Früh noch buchstabieren konnte.

H.: Ihre Vorliebe für einen bestimmten Münchner Fußballverein fließt ebenso in Ihre Erzählungen ein. Ist diese Art des aktiven Ballsports auch für Sie ein guter Zeitvertreib? Oder sieht man Sie nur als Fan auf der Tribüne?
F. A.: Ich bin Fan und spiele nicht mehr aktiv. Zu gefährlich!

H.: Im cbt-Verlag ist Ihr jüngstes Buch Die unterirdische Sonne erschienen. Wie Sie in einem Interview gesagt haben, war dies eine neue Erfahrung für Sie. Was hat Sie dazu bewegt, diese bedrückende Geschichte zu entwickeln?
F. A.: Im Grunde geht es auch in der unterirdischen Sonne um verschwundene Menschen, Jugendliche, die entführt und misshandelt werden. Leider in diesen Zeiten eine reale Wirklichkeit. Mein Roman ist ausschließlich aus der Opferperspektive erzählt.

H.: Beim Lesen dieses Buches überkam mich oftmals eine Beklemmung. Mussten Sie sich manchmal zum Schreiben dieser Geschichte zwingen, genauso wie ich mich dazu zwingen musste weiterzulesen?
F. A.: Ich musste mich nicht zwingen, ich wollte diese Geschichte genau so erzählen.

H.: Herr Ani, hin und wieder kann man Sie in München in einem Cafe o.ä. allein sitzen sehen. Holen Sie sich dabei Ihre Inspiration für eine neue Geschichte oder einen Charakter? Oder ist dies eine reine Ablenkung vom intensiven Arbeiten am Schreibtisch?
F. A.: Manchmal sitze ich allein, meist aber stehe ich allein in einer Kneipe. Zur Erholung, zur Ablenkung, zur Bierverkostung …

H.: Mitunter wird Ihnen in Ihrem Schreibstil eine Ähnlichkeit mit Georges Simenon nachgesagt. Können Sie das nachvollziehen?
F. A.: Vergleiche mit anderen Autoren stehen mir nicht zu.

Ich bedanke mich für Ihre Mühe, wünsche Ihnen viel Erfolg beim Schreiben und Veröffentlichen Ihrer Bücher und alles Gute für die Zukunft.

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