Interview mit Jeremias Meinhard

Tim Burton meets Beth Ditto

„Mein Schaffen ist kryptisch“, so beschreibt es Jeremias Meinhard selbst. Mit einer Mischung aus Entertainment, Metal und Alice im Wunderland begeistert er in diesem Jahr das Publikum. Am 16.04.11 ist er im „Spectaculum Mundi“ in München zu sehen und zu hören. Mitten in den Vorbereitungen nahm er sich dennoch Zeit für ein Interview.

Kyra Cade: Wann und wie bist Du zur Musik gekommen?
Jeremias Meinhard: Dieses scheint mir eine sehr schwer zu beantwortende Frage…
Die Musik ist wohl eher zu mir gekommen, auf eine lauernde, schleichende Art und Weise, im Laufe von Äonen mannigfaltiger Reinkarnationen… Musik, in der von mir kreierten Form des „Grotesque Rock“, lässt all die Facetten meines visionsgeplagten Daseins wirken. Ich bin erfüllt von Dankbarkeit ob dieser schillernden Erscheinungsform der Tollheit.

K. C.: Welche Vorbilder hast Du, welche Einflüsse prägen Dein Schaffen?
J. M.: Auf‘s Neue eine Frage, welche ich am liebsten mit einem Roman beantworten möchte.
Ich versuche die Replique auf Essaylänge zu reduzieren. Zu meinen Vorbildern gehören viele Menschen, meist haben sie jedoch mit Musik nichts, oder wenig zu tun. Der 14. Dalai Lama gehört erstrangig zu diesen, aber auch weltlichere Existenzen, wie zum Beispiel Karl Lagerfeld. Es gibt da auch ein bezauberndes chinesisches Restaurant, dessen liebevolle Belegschaft mich immer wieder durch ihr Talent, Motivation und rückhaltlosen Humor begeistert. Dergleichen vorbildliche Menschen gibt es noch unzählige weitere, selbstverständlich auch unter den Konzertbesuchern. In deren Reihen finden sich so viele anständige, verrückte, talentierte, verführerische, feinfühlige Menschen, dass es mir ein Vergnügen ist, für sie immer neue Welten zu erschaffen. Vielleicht prägt und inspiriert mich dieses auch am Nachhaltigsten. Mein Schaffen ist teilweise auf subversive Weise extrem kryptisch, esoterisch und multidimensional. Daher bereitet es mir große Freude, wenn ich beim Parlieren nach dem Konzert immer wieder feststelle, dass es viele Menschen gibt, die mein Werk durchblicken und erfassen wollen. Sehr vorbildlich, von Seiten der Gefolgschaft, sich dergestalt intensiv mit dem Schaffen eines Künstlers zu beschäftigen. Aber auch das Leben selbst ist ein sehr prägender Einfluss. Man beachte Perlen der Natur, wie das madagassische Aye-Aye, eines meiner Lieblingsgeschöpfe.

„In Bitterfeld bangte ich um meine sexuelle Integrität“

K. C.: Was war das bisher prägendste Bühnenerlebnis, der beste Auftritt?
J. M.: Liebste Mademoiselle Kyra, du verstehst es auf‘s Trefflichste, knappe Fragen zu stellen, deren Beantwortung mich zu exzessiven verbalen Ausschweifungen verführen …
Jede musikalische Séance prägt mich natürlich individuell, eben nicht zuletzt, weil das Publikum der maßgebende Faktor ist. So ist es sehr spannend und schön, wenn man in eine fremde Stadt kommt und dort das Publikum teils Texte mitsingt, teils Tänze vorbereitet hat, teils gar mit Präsenten aufwartet. Aber auch wenn die Gäste zunächst einen Sicherheitsabstand halten und äußerst kritisch meine Erscheinung beäugen, sich jedoch im Laufe der Darbietung überzeugen lassen, ist dies ein schönes Erlebnis. In Bitterfeld nahm dieses Phänomen Ausmaße an, die mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben werden: Zu Beginn des Ereignisses stand das werte Publikum eng an die Wände des Etablissements gedrängt, am Ende hingegen wurde Zugabe um Zugabe gefordert, und meine Livemusiker und ich mussten um unsere Kleidung und sexuelle Integrität bangen …

K. C.: Mit welchen Künstlern würdest Du gerne einmal zusammenarbeiten – und warum?
J. M.: Im musikalischen Bereich fände ich es sehr spannend, mit der werten Dame Beth Ditto ein Duett zu singen. Dies wäre sicher auf diversen Ebenen ein sehr vielversprechendes künstlerisches Unterfangen. Bezüglich nicht vordergründig der Musik verhafteten Künstlern, könnte ich mir sehr gut ein Projekt mit dem Herrn Tim Burton vorstellen, dessen Blick auf die Welt meinem vermutlich nicht ganz unähnlich sein dürfte. Mir kommt gerade zu Gemüte, dass ich diese Frage in zwei Sätzen beantworten konnte. Man möge mir dies zugute halten.

K. C.: Auf Deiner Homepage werden Deine Auftritte als „schonungslose Reise zum inneren Selbst“ beschrieben. Was hat man sich darunter vorzustellen, wenn man Jeremias Meinhard noch nicht kennt?
J. M.: Meine Zuversicht bezüglich der schlichten Beantwortung der Fragen schwindet auf‘s Neue. Wie eingangs erwähnt, drücken sich viele Formen meines seelischen Verwirrungszustandes und meiner visionären Eingebungen in meiner Kunst aus. Dieses beinhaltet Träume, Albträume, auch meine ureigenen Unzulänglichkeiten, Grundängste, traumatische Erfahrungen bis hin zu Zukunfts- und Vergangenheitsvisionen und dergleichen inspirierende und verstörende Geschenke des Lebens. Diese verwandele ich in musikalisch-visuelle Kunstobjekte, welche ich dann der geneigten Hörerschaft darbiete. Ganz aktuell in Anlehnung an die Charaktere aus Lewis Carroll’s erstem Alice-Roman. Ein Exempel: Meine neurotische Liebe zum Detail und das Gefühl, vom irdischen Dasein permanent unter Druck gesetzt zu sein, findet Ausdruck in Form des „Mr White Rabbit“, dem im kommenden Album ein Lied und auch eine eigens angefertigte Robe gewidmet ist. Der dem Stile des Gewandes angepasste Haarschnitt allein ist ebenfalls auf‘s Äußerste schonungslos.

Ein Nichtgeburtstagstisch und ein eigenes Kaiserreich

K. C.: Was erwartet uns am 16.04.11 im „Spectaculum Mundi“ in München?
J. M.: Es erwarten die werten Teilnehmer der zweiteiligen musikalischen Séance, neben vielen anderen Stücken, beinahe alle Lieder des kommenden Albums Beyond Wonderland. Hierzu werde ich die Energien vieler Figuren aus dem Wunderland beschwören und diese Besitz von mir ergreifen lassen. Die geneigte Zuhörerschaft hat überdies gar die Möglichkeit, durch Erwerb der Karten im Vorverkaufe und Erscheinen in einer vom Wunderland inspirierten Robe, eine Reservierung am Nichtgeburtstags-Tische der Mad-Tea-Party, vorzunehmen, und dort gegebenenfalls mitgebrachte Backwaren zu verzehren. Hierzu verweise ich auf facebook.com/jeremias.meinhard, oder auch jeremias-meinhard.com.
Mit Unterstützung illustrer Gäste auf der Bühne wird ein musikalisches Spektrum geboten, welches sich als unerhörte Mischung von Folk, Klassik, Musical, Gothic und Metal darstellt – der zuoberst genannte „Grotesque Rock“. Des Weiteren werde ich dieses Mal auf‘s Neue diverse Garderobe am Leibe tragen, nicht zuletzt, da ich sehr leicht zur Unterkühlung neige.

K. C.: Zukunftspläne, angedachte Projekte, Ziele – Wie geht es weiter mit Jeremias Meinhard, auf was darf sich das Publikum freuen?
J. M.: Der langfristige Plan beinhaltet selbstverständlich das Errichten eines eigenen Kaiserreiches, in dem Ökologie, Sinnlichkeit, Kreativität und das glamouröse Groteske zu den obersten Leitfäden zählen.
Zunächst jedoch werde ich mich auf die Fertigstellung des „Beyond Wonderland“-Projektes konzentrieren. Hierfür konnte ich unter anderen die Produzenten John Fryer (HIM), Erik Damköhler (A Life Divided) und Alex Klier (Die Ärzte) gewinnen. Im, dem Album beigefügten, Photomaterial erwarten das Publikum ein gutes Duzend aufwendig gestalteter Roben, in schaubildhaften Szenerien magischer Opulenz gebührend zu Bilde gebracht. Natürlich baue ich weiterhin in ergebener Dankbarkeit auf die vorbildliche Unterstützung und hohe Erwartungshaltung, wie ich sie bereits jetzt von den treusten und loyalsten unter den Wahnsinnigen in meiner Gefolgschaft erfahre. Diese ist auch nötig, um meine Visionen – deren unzählige es gibt – in bestmöglicher Qualität und größtem Umfange mit vielen Menschen teilen zu dürfen. Schließlich ist es meine ehrenvolle Mission, unsere Welt mit Hilfe des „Grotesque Rock“ und seinen kreativen Anhängern auf ganz besondere Weise zu verzaubern. Es werden dringend mehr Burgen, Schlösser, Hexenhäuser und dergleichen gebraucht.

 

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