Interview mit Tilo Wolff (Lacrimosa)

LACRIMOSA-2017-Tilo-WolffDie Tour zum aktuellen Testimonium Album (Review) von Lacrimosa ist nach Konzerten in Russland, China und Südamerika mit drei grandiosen Zusatzkonzerten in Deutschland im Februar erfolgreich zu Ende gegangen. Wir haben mit dem Meister der dunklen Töne, Tilo Wolff, im Anschluss ein Interview führen dürfen:

Zurück daheim nach einer anstrengenden Tour und vielen gereisten Kilometern, was war dein Highlight der Tour?
Als wir zum Beispiel in Kunming in China Songs des neuen Albums gespielt haben, und die Halle die deutschen Texte mitgesungen hat, obwohl das Album erst wenige Wochen auf dem Markt war und die deutsche Sprache nun nicht so geläufig in China ist. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen überall auf der Welt mit Lacrimosa identifizieren, und das berührt sehr!

Ihr seid in verschieden Ländern und Kontinenten unterwegs gewesen, wie unterscheiden sich die Fans auf den Konzerten, gibt es Unterschiede zur deutschen Fangemeinde?
Ja und nein! Man kann weniger sagen, dass sich die Mexikaner von den Russen und diese sich von den Deutschen unterscheiden. Vielmehr stellt man fest, dass die Menschen in Großstädten überall ähnlich ticken und Menschen vom Land, egal in welchem Land, auch ihre Eigenheiten haben. Das Berliner Publikum unterscheidet sich mehr vom Erfurter Publikum als vom Publikum in Peking. Trotzdem sind die Chinesen grundsätzlich eher zurückhaltend, während die Lateinamerikaner sehr heißblütig sind. Das deutsche Publikum ist wohl das facettenreichste und reicht vom intellektuellen, über das emotionale bis hin zum Party-Publikum. Das finde ich sehr spannend!

Was wäre dein Plan B für die Zukunft gewesen, wenn es mit der Musiker-Karriere nicht oder nicht in dem Ausmaß geklappt hätte? Und welchen Beruf haben sich deine Eltern für dich vorgestellt?
Musik war eigentlich gar nicht mein Plan A, sondern mein Hobby. Ich hatte nie geplant oder zu hoffen gewagt, von der Musik leben zu können. Dass dem so ist, hängt allerdings auch damit zusammen, dass ich mit Hall of Sermon von Anfang an das eigene Label betrieben habe und damit ab einem gewissen Punkt auch keine Zeit mehr hatte, meinem eigentlichen Job in einer Fabrik nachzugehen. Ich musste mich also entscheiden und habe damals alles auf die Karte Lacrimosa gesetzt. Da ich schon früh von zuhause ausgezogen war, hatten das meine Eltern kaum mitbekommen.

Thema „Gothicschublade“, du hast in einem Interview mal gesagt, dass Lacrimosa in die Gothicschublade gepackt worden wäre. Wo würdest du selbst Lacrimosa einordnen?
Meine Wurzeln liegen im Gothic, im Metal, im Prog Rock, in der Klassik und im Pop. Und all das findet auch in Lacrimosa statt. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand Lacrimosa also Gothic bezeichnet, allerdings ist das eben nur eine Facette. Ich habe leider zu oft festgestellt, dass sich Menschen nicht die Mühe machten, sich mit Lacrimosa auseinanderzusetzen, weil sie das Schlagwort Gothic abgeschreckt hat.

„Ein Requiem in vier Akten im Gedenken an die großen Künstler, die von uns gegangen sind“ – So beschreibst du das neue Lacrimosa-Werk Testimonium. Welcher verstorbene Künstler hat dich persönlich am meisten inspirierten und warum?
Inspiriert ist vielleicht der falsche Ausdruck, da dieses Album keiner fremden musikalischen Inspiration folgt. Allerdings haben mich der Tod von David Bowie, von Prince und von Leonard Cohen sehr berührt! Alle drei waren zu unterschiedlichen Zeiten die maßgeblichen Helden für mich, und ihre Musik hat mich mein Leben lang begleitet. Als alle drei innerhalb eines Jahres gestorben sind – angefangen mit dem Tod von David Bowie – war das für mich der Auslöser, diese Textzeile zu schreiben: „Wenn unsere Helden sterben …“, und mir stellte sich die Frage: Was ist, wenn unsere Helden sterben? Das war der Anfang der gesamten Testimonium-Reise!

Wenn du eine berühmte Persönlichkeit – egal ob lebendig oder tot – treffen dürftest: Wer wäre es und warum?
Hm, ich weiß nicht, ob ich das wirklich wollte, denn meist deckt sich die Vorstellung und Erwartungshaltung, die man gegenüber einer öffentlichen Person hegt und die sich alleine durch das nährt, was diese Person preisgibt, was die Presse aus ihr macht und welche Gerüchte an einen heranreichen, nicht mit dem tatsächlichen Menschen. Trotzdem, eine Unterhaltung mit dem einen oder anderen Philosophen würde ich doch gerne führen. Aber Menschen aus der Unterhaltungsbranche interessieren mich weniger.

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Welcher Lacrimosa-Song ist für dich dein persönliches Meisterwerk?
Das kommt auf die jeweilige Stimmung an. Mal liebe ich den einen Song und glaube, nie wieder so etwas hinzubekommen, und einige Tage später falle ich in einen anderen Song und finde ihn unvergleichlich. Schön ist jedenfalls, dass mich meine eigene Musik tatsächlich immer wieder begeistert. Dafür bin ich dankbar!

Dein(e) Lieblingsband/-künstler? Welche Musik begeistert dich?
Im Moment bin ich unglaublich begeistert von David Gilmours Live in Pompeij! Pink Floyd war meiner Meinung nach einer der großartigsten Bands jemals, und dass Gilmour diese Musik nun noch einmal in Perfektion zum Leben erweckte, ist einfach traumhaft schön!

Für welche drei Dinge in deinem Leben bist du am dankbarsten?
Für meinen Glauben, für die Menschen, die mein Leben begleiten und für meine Musik!

Wenn du eine Sache auf der Welt verändern dürftest: Was wäre das?
Die flächendeckende Profitmaximierung! Alles, einfach alles muss sich dieser erbärmlichen Wertung unterziehen, und alles Tun und Handeln wird in erster Linie nicht mehr durch Menschlichkeit sondern durch Profitmaximierung geprägt. Das ist abscheulich!

Was war die beste Entscheidung in deiner beruflichen Laufbahn?
Die Gründung der eigenen Plattenfirma!

Was wird dein nächstes Projekt?
Wir steuern mit Lacrimosa auf ein großes Jubiläum zu, das wird die nächsten Schritte bestimmen.

Auf was könntest du in deinem Leben nicht verzichten?
Glaube, Liebe und Musik!

Tilo, vielen Dank für das Interview!

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