Interview: Thomas Finn

Ein Teil von jener Kraft…

 

Thomas Finn, seines Zeichens Autor, ist in der deutschen Phantastik bereits eine Genregröße. Umso schändlicher, dass er erst mit seinem letzten Roman Schwarze Tränen meine Aufmerksamkeit erregt hat. Mit seiner rasanten Faust-Geschichte konnte er mich dann aber sofort von sich überzeugen, und so habe ich den sympathischen Hamburger Autor um ein Interview gebeten.

Enchi: Stell dich doch einfach mal kurz selbst vor.
Thomas Finn: Ach, das ist immer so schwer. Ich bin (noch) 46 Jahre alt, wohnhaft in Hamburg und Autor aus Leidenschaft. Mehr erfährt man auf meiner Webseite unter www.thomas-finn.de.

Enchi: Bitte beschreibe Schwarze Tränen in einem Satz.
T.F.: Ein rasanter und hoffentlich auch amüsanter Höllenritt durch Deutschland, bei dem niemand eine größere Klappe hat, als der teuflische schwarze Pudel Mephistopheles himself.

Enchi: Woher kam die Idee, Faust als Grundlage für einen Roman zu nutzen?
T.F.: Naja, ich habe den Fauststoff natürlich ebenso wie viele andere in der Schule kennen und durchaus schätzen gelernt. Goethe griff damals eine bekannte deutsche Legende auf, über die ich mich dann im Laufe der Jahre weiter schlau gemacht habe. Doktor Faust ist damit sicher der wohl auch international populärste deutsche Zauberer. Irgendwann entstand dann die Idee zu einem spannenden Urban-Fantasy-Roman um den Hallodri Lukas Faust, einen Nachfahren dieses Doktor Faust – nur dass in meiner Version der alte Faust der Bösewicht ist und der junge Faust der Gute.

Enchi: Du verarbeitest eine Menge deutscher Heimatsagen. Fielen alle einfach so an ihren Platz in Schwarze Tränen oder musstest du hier und da etwas anpassen und abändern?
T.F.: Nun ja, mir war natürlich bewusst, dass viele Leser den Roman unweigerlich mit Goethes Faust vergleichen würden, der damals selbst viele heimischen Legenden und Sagen in seinem Werk verarbeitet hat. Ob das nun gut ist oder nicht, lasse ich mal dahingestellt *lacht*. Also erschien es mir ratsam, die Story vor dem Hintergrund einer eher epischen Bühne zu präsentieren. Auch, um ihr dadurch mehr erzählerische Tiefe zu verleihen. Und da die Faustsaga typisch deutsch ist, sollte eben auch diese Bühne deutsch wirken (nicht zu verwechseln mit „deutsch tümeln“). Vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung kosmischen Formats natürlich eine besondere Herausforderung. Aber da in einer Welt, in der es Himmel und Hölle gibt, der Teufel plausibler Weise ja überall seine Finger im Spiel gehabt haben muss, war die Verflechtung dieser Elemente nicht besonders schwer. Ich musste lediglich bei den Aspekten der Nibelungensage, die im Roman eine Rolle spielen, etwas tricksen.

Enchi: Sind deutsche Sagen ein Hobby, oder hast du dich gezielt in die Materie eingelesen? Was fasziniert dich daran?
T.F.: *Lacht* Nein, sehr viel einlesen musste ich mich nicht mehr, denn in meinen Regalen stehen eine ganze Reihe von Büchern zum Thema Märchen und Sagen. Ich bin ja vornehmlich Phantastik-Autor und da sollte das einheimische Sagen- und Mythenprogramm eigentlich Pflichtlektüre sein. Für den Leser selbst spielt das alles aber natürlich keine Rolle, denn die Herkunft bestimmter Elemente im Bezug zur Romanwelt wird stets kurz erklärt. Das ist nicht anders als in anderen fantastischen Romanen auch. Schwarze Tränen ist ja schließlich kein Bildungsroman, sondern soll einfach nur spannende Unterhaltung bieten. Ich freue mich aber, wenn der eine oder andere Leser das entsprechende Original erkennt. Am verstecktesten war sicher die Schweizer Sage vom „Hartheu am Höchsten“, die mir die Idee für den Hintergrund der Hexe Millepertia sozusagen, ähem, eingepflanzt hat, dem love interest meines Helden Lukas Faust *lacht*.

Enchi: Mephisto nimmt eine ganz besondere Rolle in Schwarze Tränen ein. Wie siehst du „deinen“ Mephisto im Vergleich zu dem von Goethe?
T.F.: Hier wie da ist Mephisto ein echter Trickster. Sein Erscheinungsbild als schwarzer Pudel habe ich natürlich bei Goethe entlehnt, der das Hundemotiv selbst historischen Zauberer-Legenden wie jene um Agrippa von Nettesheim entnommen hat. Ein Teufel in Pudelgestalt kam mir für die Geschichte natürlich sehr entgegen, da die damit einhergehende physische Behinderung den anderen Figuren mehr Entfaltungsmöglichkeiten verschaffte. In meinem Roman kommt Mephisto aber natürlich vor allem die Rolle als Spaßmacher zu. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, so viele politisch inkorrekte Sprüche in einem Roman unterbringen zu dürfen – und das alles im Sinne der Geschichte. Ach, ich liebe Mephisto noch immer *lacht*.

Enchi: Du schreibst neben Romanen und Kurzgeschichten auch Drehbücher, Theaterstücke und Rollenspielabenteuer. Aber woran hängt dein Herz am meisten?
T.F.: Die Romane, da ich dort die größten Freiheiten habe.

Enchi: Spielst du selbst noch Rollenspiele? Hast du einen Favoriten?
T.F.: Aber ja, einmal die Woche seit gut zwanzig Jahren. Das ist für mich die beste Methode, meine Leidenschaft für phantastische Abenteuer und aufregende Geschichten auszuleben, und vielleicht auch die eine oder andere Idee auszutesten, bevor ich sie beruflich verarbeite. Dabei spielen wir alles querbeet: Das schwarze Auge, Cthulhu, Shadowrun, Castle Falkenstein und vieles andere mehr. Derzeit spielen wir mit großem Vergnügen Deadlands, und ich freue mich schon, das Regelwerk des neuen Fantasy-Rollenspiels Splittermond auszuprobieren, an dessen Weltentwicklung ich mitgearbeitet habe.

Enchi: Welches Werk ist dein ganzer Stolz?
T.F.: Eigentlich immer das Aktuellste. Das liegt schon in der Natur der Sache, denn das aktuellste Werk nimmt mich jedes Mal mit allen Sinnen in Anspruch.

Enchi: Wie kamst du zum Schreiben? Gab es einen Schlüsselmoment?
T.F.: Nee, das war irgendwie ein langsamer, kontinuierlicher Prozess. Ursprünglich wollte ich ja mal als Werber meine Brötchen verdienen. Deswegen habe ich ja eine entsprechende Ausbildung und dann auch noch ein Studium absolviert. Als ich dann aber mit beidem fertig war, stellte ich fest, dass mich eigentlich nur eine Sache wirklich begeistert – und das ist das Geschichten erzählen. Ich freue mich noch immer darüber, dass ich diese Leidenschaft in so vielen unterschiedlichen Bereichen ausleben kann. Sei es im Jugendbuch wie etwa bei Ravensburger oder im Erwachsenenbereich wie bei Piper, Heyne und Droemer.

Enchi: Welches Buch hast du zuletzt ausgelesen, und wie war‘s?
T.F.: „Er ist wieder da“ von Timur Vermes um Hitlers plötzliche Rückkehr in Berlin. Meine Herren war die Story böse. Und gut. Und intelligent.

Enchi: Wer waren die (literarischen) Helden deiner Kindheit?
T.F.:
Enid Blytons Protagonisten aus den Geheimnis um …–Romanen.

Enchi: Was tut Thomas Finn, wenn er nicht gerade schreibt?
T.F.: Sich mit Freunden treffen, Kochen, Lesen, Serien gucken, ins Kino gehen und mit meinen Patenkindern Unfug treiben. Dazu kommen Live- und Pen-&-Paper-Rollenspiele sowie Arnis (ein Kampfsport) – und natürlich meine Lieblingsbeschäftigung, nämlich mir neue fantastische Geschichten auszudenken.

Enchi: Dürfen wir uns in naher Zukunft auf etwas Neues von dir freuen? Was ist in Arbeit?
T.F.: Kein Urban-Fantasy-Roman wie Schwarze Tränen, sondern derzeit ein Mystery-Thriller namens Aquarius, der im Herbst bei Piper erscheint. Die Story spielt an der Nordseeküste und kreist um das untergegangene Rungholt und jene Schrecken, die noch heute im Meer ihr Unwesen treiben *lacht*.

Enchi: Ein paar abschließende Worte – was muss noch gesagt werden?
T.F.: Gute Frage. Wie wäre es mit einem Zitat aus dem Faust? „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen …“ *lacht*.

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