Konzert: 01.03.2019 – Backyard Babies + The Bones + Audrey Horne – Backstage Werk, München

Scandinavian Punk ’n‘ Roll

P1140751_SWWar ich früher regelmäßig auf ihren Shows zu Gast, ist es nun doch eine ganz schön lange Weile her, dass ich die beiden schwedischen Hauptbands das letzte Mal gesehen habe. Die Glam-Punkrocker Backyard Babies im Vorprogramm von Mötley Crüe 2009, wobei damals ihre Wirkung im großen Zenith etwas verpuffte, sie sind für kleine Clubbühnen geschaffen. Bei den Schweine-Punkrockern The Bones war es tatsächlich auch im Backstage und wahrscheinlich zehn Jahre her. Für mich ist das also ein kleines Revival und eine Double-Headliner-Show, ich hoffe, dass es eine kleine, feine, schmutzige und schweißtreibende Clubshow wird, wie ich sie von beiden Bands in Erinnerung habe. Die Vorband Audrey Horne kenne ich dagegen bislang nur vom Hörensagen, aber gut sollen sie sein.

Pünktlich uP1140075m 19:15 Uhr entern die Norweger Audrey Horne im locker gefüllten Werk die Bühne und eröffnen mit einer gewaltig fetten Version von „This is war“, viel energetischer als von der Konserve, und mit einer Prise Iron Maiden gewürzt. Wer noch nicht da ist, hat was verpasst. Mit „Audrevolution“ legen sie nicht minder beeindruckend nach, das merken auch die Raucher draußen und strömen hinein. Sänger Torkjell Rød ist ein Energiebündel ohnegleichen, das nicht eine Sekunde stillhält, und die Gitarristen Arve Isdal und Thomas Tofthagen überbieten sich gegenseitig mit Posingeinlagen. Bassist Espen Lien spielt druckvoll und Kjetil Greve hält am Schlagzeug mit seinen Rhythmen die Band zusammen. Bei „Youngblood“ nimmt Torkjell per Ghetto-Faust Kontakt zu den vorderen Fans auf, nun erst begrüßt er das Publikum direkt: „How are you, München? This is wunderbar!“ Während des folgenden „Pretty little sunshine“ steigt er er zunächst in den Graben, dann weiter über den Zaun zu den begeisterten Fans, wo die Leute zusammen mit ihm tanzen. Zurück auf der Bühne fragt er noch einmal nach: „How are you doing on a Friday night?“, um nach dem Jubel noch nachzulegen: „Thank you! This is wonderful!“ Recht hat er, denn das Werk ist mittlerweile optisch prall gefüllt und die Stimmung sehr gut. Ein wenig Werbung für das Merchandise muss nach der Aktion natürlich auch noch sein, dann geht es mit „Out of the city“ weiter. Die Kulisse im Werk reißt Audrey Horne zu einer Spontanhandlung mitten während der Show hin: „Thank you! Let’s have a picture of tonight!“ Unzählige in die Höhe gereckte Bierbecher unterstützen das Bandselfie.
P1140279Bassist Espen stimmt nun „Waiting for the night“ an, die Fans singen den Song mit. Das registriert auch die Band, erst lässt Torkjell die Leute allein singen, dann setzen auch noch die Instrumente aus. Die Stimmung ist zu dieser frühen Stunde bereits richtig gut, und so klettert er noch einmal ins Publikum, soweit das Mikrofon-Kabel reicht. Das Finale des Songs rockt dazu ordentlich, und mit dem „Dankeschön, München!“ rechne ich eigentlich schon mit dem Ende der Vorband. Doch dafür sind Audrey Horne eigentlich zu schade, und so geht es denn auch mit „Redemption blues“ weiter. Dabei erhängt sich Torkjell symbolisch an seiner Krawatte und rollt mit den Augen. Er bedankt sich noch einmal beim Publikum und kündigt die nachfolgenden Bands an: „We are Audrey Horne and next is The Bones and the Backyard Babies!“ Zum Abschluss klatscht das vordere Drittel den Rhythmus zu „Blaze of ashes“ mit, zumindest bis beide Gitarristen ins Publikum klettern. Wie oft hat man so etwas schon gesehen? Dabei bringen sie das Kunststück fertig, ihr Spiel bei der Zaunüberwindung nicht zu unterbrechen. Zum Johlen der Fans wird zusammen gepost und der Song fachgerecht zu Ende gerockt, doch damit endet der 40-minütige Gig. Kjetil wirft noch seine Drumsticks in die Menge, Espen und Torkjell winken zum Abschied. Mich persönlich können Audrey Horne mit der Mischung aus Classic und Hard Rock zwar nicht über die ganze Länge des Gigs restlos begeistern, aber sie sind eine tolle Live-Band, zahlreiche Fans sind scheinbar nur ihretwegen da. Kein Wunder, die Fannähe ist kaum zu übertreffen.

P1140305Nun heißt es auf The Bones warten, aber dank zahlreicher Helfer geht es nach nur zwanzig Minuten um 20:15 Uhr weiter mit dem lustigen Intro aus der Muppet Show, bevor Schlagzeuger Spooky Fred, Bassist Andi Nero und die beiden Gitarristen Beef Bonanza und Marcus „Boner“ Petersson mit „The Chevy Devils“ direkt mächtig vorlegen, gefolgt von „Shooting blanks“. Das alte Gefühl ist sofort zurück, die sensationelle Stimmung ebenfalls. Boner erinnert an Elwood Blues und rotzt zwischdurch auf die Bühne, Andi trägt seinen Markenzeichen-Hut, also alles wie früher. Auch „Do you wanna …“ hält den Energie-Level hoch, und bei „Not another lovesong“ zeigt sich das Publikum von vorn bis hinten textsicher. Vor der Bühne hat sich mittlerweile ein Pogo-Kreis etabliert, und so wendet sich Boner nun auch ans Publikum: „Prost! What a friday night! It’s good to be back!“ Das wird sogleich mit dem Klassiker „Screwed, blued and tattooed“ unter Beweis gestellt, bei dem wieder alle mitsingen und es im Pogo zur Sache geht. Nach „Wendy“ übernimmt nun Beef den Hauptanteil vom Gesang von „Hate“, spätestens hier offenbart sich eine Schwäche im Sound, denn sein Mikrofon ist deutlich stärker eingestellt als das von Boner, der als Hauptsänger leider zu leise abgemischt ist. Schade, aber davon lassen wir uns nicht die gute Laune verderben. Andi fragt nun: „Are there some hooligans today?“ – Publikum etwas halbherzig: „Yeah!“ – „I said hooligans?“ – „YEAH!“ – DaraufP1140366hin schreit er: „Munich fuckin‘ hooligans!“, und zu „New hooligans (090909)“ geht es wieder rund. Aber so ganz zufrieden ist Boner noch nicht: „Hey, Munich! I can’t hear you! Are you tired? … Do you want one more song?“ – „Yeah! – „Or two more songs? – „YEAH!“ Das wird mit „Flatline fever“ belohnt, dessen Refrain wieder mitgegröhlt wird. „You woke up, motherfuckers, right? You want a new song?“ Stattdessen folgt mit „Denial“ der nächste Klassiker, den das Publikum natürlich wieder mitsingt. Die ganze Atmosphäre beschert mir eine Gänsehaut, und so gibt es am Ende dieses Mal Applaus von der Band für das Publikum.
Derart angeheizt packen The Bones bei „Dog almighty“ die Speed-Keule aus, vorne in der Menge fliegt die Kuh, wie es so schön heißt. Auf „Viva 13“ folgt „Never“, das wieder von Beef gesungen wird. „Railroad track“, „Graveyard Gloria“, „I don’t want you“ und „Monkeys with guns“ werden anschließend am Stück durchgespielt, wonach die Stimmung gegen Ende etwas nachlässt. Sowohl Band als auch Publikum zeigen nun doch erste altersbedingte Verschleißerscheinungen. Damit verabschieden sich The Bones erst einmal: „Thank you very much, Munich! Vielen Dank!“ Aber ohne Zugaben geht sich das heute natürlich nicht aus, P1140425die Leute machen ordentlich Lärm. Weiter geht es mit „Until I die“ und „Home sweet hell“, zu dem der Chorus wieder inbrünstig mitgesungen wird. „Memphis ’77“ animiert die Leute mit seinem ruhigen Beginn zum Mitklatschen, doch dann bricht noch einmal der Pogo aus, und es gibt den ersten, längst überfälligen Crowdsurfer. Zum Finale wälzt Boner sich am Boden, Beef post mit Gitarre am Bühnenrand, und Andi hämmert auf seinen Bass ein. Im Namen aller verabschiedet sich Boner nun endgültig: „A big ‚thank you‘ to everyone! We’ll be back for more!“ Ein paar Plekkies fliegen noch in die Menge, dann startet die nächste Umbaupause. So manch einer schaut allerdings noch etwas irritiert, weil der größte Hit „Monsters prefer blondes“ nicht gespielt wurde, aber dann eben beim nächsten Mal. Die Stimmung war sehr gut, und bis auf die angesprochen kleinen Schwächen war es eine tolle Show.

P1140621Wieder wird die Bühne umgebaut, dieses Mal dauert es etwas länger, doch damit steigt auch die Spannung im brechend vollen Werk. Endlich beginnt mit „Frigging the rigging“ von den Sex Pistols das Intro, gegen dessen Ende Bassist Johan Blomquist, Sänger und Gitarrist Nicke Borg und die zweite Gitarre Andreas „Dregen“ Tyrone Svensson die Bühne betreten und Peder Carlsson den Platz am Schlagzeug einnimmt. Heute erscheint auch das neue Album Silver and gold, und so starten die Backyard Babies den Gig direkt mit „Good morning midnight“ daraus, bereits beim zweiten Song, „Look at you“, segelt der erste Crowdsurfer in den Graben. Ein Ordner schubst mich beiseite und kann gerade noch verhindern, dass mir der Typ in den Nacken fällt. Die Band ist ebenso energiegeladen, vor allem Dregen (heute mit Basken- statt Uniformmütze) ist wie immer nicht zu bändigen. Er springt herum, macht Kicks auf den dafür vorgesehenen Podesten und nimmt auf Fotografen keine Rücksicht, also muss ich öfter mal abtauchen und ausweichen. Nach „Dysfunctional professional“ wendet sich Nicke ans Publikum: „How are you doing? Is everybody fine?“ Das folgende „Shovin‘ rocks“ empfinde ich als arg klischeehaft und eher schwach, aber zum Ausgleich wird „Nomadic“ mit „eins, zwei, drei, vier“ eingezählt, was die Menge vorn in Bewegung versetzt. Das wird von Nicke mit einem „Dankeschön“ honoriert, und von Dregen gibt es einen Schmatzer Richtung Publikum. Nicke und Johan müssen nun hinten an der Seite die Instrumente wechseln und werden prompt von Dregen spaßig angepflaumt: „Where do you go? This is a fuckig show!“ Weiter geht es mit „Highlights“ und „Heaven 2.9“, dann wechselt Nicke erneut zu einer neuen Akustikgitarre, wie er erklärt, und bedankt sich bei den vorigen Bands: „Put your hands in the air for Audrey Horne! And for The Bones!“ Nun wird das neue „A song for the outcast“ akustisch stimmungsvoll umgesetzt. Nicke ist begeistert: „I like this guitar! Can I keep it?“, und so behält er sie für das ebenfalls akustische „Roads“. Mit „Lemme hear you!“ will er das Publikum zum Mitsingen animieren, aber das klappt im Gegensatz zu den Vorgängern nur bedingt. Also muss Dregen einschreiten: „Are you guys having a good time? Alles klar?“ und fügt zweimal hinterher: „Do you guys wanna hear something new?“ Da die Lautstärke nicht ganz wie gewünscht ausfällt, meint er grinsend: „Lazy Germans! – That’s song is called ’44 undead‘!“
P1140661Aber erst mit dem Klassiker „Th1rt3en or nothing“ ist die Stimmung wieder am Anschlag, und so wird auch direkt wieder mit „eins, zwei, drei, vier“ „The clash“ eingezählt, um den Pogo bei Laune zu halten. Nun nimmt Nicke das Tempo wieder raus und wendet sich ans Publikum: „Are you guys getting tired?“ Er fragt zur Sicherheit noch einmal nach und meint dann: „Ok, check this out!“ Er und Dregen stehen beim nun folgenden „Minus Celsius“ effektvoll direkt über vertikalen Nebelwerfern, wobei sich der Nebel leider sehr schnell wieder verflüchtigt, aber das stört den Crowdsurfer nicht, der das Drumsolo von Peder zum Finale über den Köpfen genießt. Das Intro zu „Abandon“, das als Ballade beginnt, spielt Nicke zunächst allein, bis der Rest der Band miteinsteigt. Der nächste Crowdsurfer klatscht dabei im Rhythmus, was auf das Publikum überspringt. Aus einem werden zwei, dann drei, dann vier Surfer, jetzt brechen endlich alle Dämme. Nicke zeigt sich begeistert: „Thank you for coming out tonight!“ Beim vorerst letzten Song „Brand new hate“ brodelt der Pogo, und drei Crowdsurfer wagen sich gleichzeitig in die Fluten. Jetzt klappt es auch mit dem Mitsingen, und so wagen die Backyard Babies sogar die Stadionrock-Nummer mit dem Arme schwenken. Zum Abschied wischt Dregen sich mit seinem Handtuch zwischen den Beinen demonstrativ den Hintern. Natürlich fordern die Leute Zugaben, und so sind die Jungs schnell zurück: „Thank you so much!“ Dregen allerdings braucht etwas länger, denn er hat seine Uniformmütze doch noch rausgekramt, und so spielt die Band bereits „YP1140744_SWes to all no“, während er noch seine Gitarre sucht. Gerade rechtzeitig schafft er seinen Einsatz. Nun muss Nicke noch kurz Werbung machen: „Don’t forget to get a copy of Silver and gold and a t-shirt on your way out, Munich! Do you want one more song? I can’t fucking hear you!“ Der Aufschrei ist extra laut, und zu „People like people like people like us“ werden die letzten Kräfte mobilisiert. „Thank you, Munich! You were fucking great! We love you!“ Und München liebt die Backyard Babies, die sich ausgiebig feiern lassen, während als Outro „Laugh now cry later“ vom Band läuft. Die Drumsticks und Plekkies fliegen, die Setlisten landen ebenso im Publikum wie die Bühnenhandtücher, sogar die noch übrigen Getränke werden den begeisterten Fans gereicht. Die Merchandise-Ecke der Bands wird regelrecht belagert, aber sonst wird das Publikum leider recht stimmungslos herausgefegt. Dabei wäre es schön gewesen, die Stimmung mit Musik und einem Kaltgetränk noch etwas zu konservieren.

Die Backyard Babies machen ihre Sache professionell und sehr gut. Trotzdem muss ich feststellen, dass mir im Vergleich zu früher etwas fehlt, vielleicht weil sie selbst immer wieder für kleine Unterbrechungen sorgen (durch Gitarrenwechsel oder Ansagen). Das Konzert wirkt so weniger wie aus einem Guss wie bei The Bones. Außerdem bevorzuge ich mittlerweile eher die etwas härtere Gangart des Rock ’n‘ Roll wie der der Landsmänner von Sister. Nichtsdestotrotz ist das heute ein feiner Scandinavian Punk ’n‘ Roll-Abend, der die jeweiligen Fans mit Sicherheit begeistert zurücklässt, und der sich hoffentlich mit jeder der drei Bands wiederholen lässt. Audrey Horne, The Bones und die Backyard Babies sind allesamt ihr Geld wert.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Setlist Audrey Horne:
This is war
Audrevolution
Youngblood
Pretty little sunshine
Out of the city
Waiting for the night
Redemption blues
Blaze of ashes

Setlist The Bones:
Intro: Muppet Show Theme
The Chevy Devils
Shooting blanks
Do you wanna …
Not another lovesong
Screwed, blued and tattooed
Wendy
Hate
New hooligans (090909)
Flatline fever
Denial
Dog almighty
Viva 13
Never
Railroad track
Graveyard Gloria
I don’t want you
Monkeys with guns

Until I die
Home sweet hell
Memphis ’77

Setlist Backyard Babies:
Intro: Frigging the rigging (Sex Pistols)
Good morning midnight
Look at you
Dysfunctional professional
Shovin‘ rocks
Nomadic
Highlights
Heaven 2.9
A song for the outcast (akustisch)
Roads (akustisch)
44 undead
Th1rt3en or nothing
The clash
Minus Celsius
Abandon
Brand new hate

Yes to all no
People like people like people like us
Outro: Laugh now cry later

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