Musikalische Bewusstseinserweiterung
Und weiter geht’s für Schwarzes Bayern auf dem Free & Easy, heute habe ich mir aus dem wie immer sehr abwechslungsreichen Programm extremen Metal rausgesucht und freue mich da besonders auf den Headliner Wayfarer aus Colorado, die mir seit dem Album A romance with violence (Rezi hier) und vor allem der Tour mit The Ruins of Beverast im letzten Jahr sehr am Herzen liegen. Wie großartig, dass sie mit ihrem Black Metal mit Americana-Anleihen und ganz viel Weite jetzt Station beim Free & Easy machen! Mit im Gepäck haben sie ihre Landsleute von Inter Arma und Ayahuasca aus München und Köln, die ich beide bisher noch nicht live gesehen habe, ich bin gespannt. Auf ins Backstage!
Ayahuasca gibt es bereits seit 2013, wo sie von Gitarrist Kirill Gromada sowie Drummer Jannik Bremerich gegründet wurden. Ein großes, internationales Kollektiv an Musikern, die sich extremem Metal verschrieben haben, der die Genregrenzen von Progressive und Death Metal überschreitet – sie quasi wie der namensgebende halluzinogene Tee erweitert. 2018 erscheint das Debütalbum Beneath the mind, das von Mrs. Hyde sehr lobend rezensiert wurde (nachzulesen hier). Groove und musikalische Dichte werden besonders hervorgehoben, und genau das hauen einem die sieben Musiker auf der Bühne vom ersten Moment an um die Ohren. Neben Drummer Jannik sorgt Timmy (im schicken Anti-Trump-Shirt) an diversen Trommeln für mächtig Rhythmus (Sepulturas Roots-Album lässt grüßen) und steuert auch immer wieder Klargesang bei, wenn Sänger Patrick sich nicht gerade die Seele aus dem Leib brüllt. Die Songs sind brutal, extrem komplex, mit vielen core-artigen Breaks und zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar. Verschiedene Nationalitäten, verschiedene musikalische Einflüsse, Gegensätze und Gemeinsamkeiten, eine ordentliche Prise musikalischer Wahnsinn – fertig ist die explosive Death-Metal-and-beyond-Mischung. Der anwesende Fanclub macht im Publikum ordentlich Stimmung, die Band auf der Bühne dankt es mit noch mehr Einsatz. Wer sich auf die vielschichtig strukturierten Songs einlassen kann, hat bei dem Auftritt richtig Spaß!
Mindestens genauso brutal geht es mit Inter Arma aus den USA, genauer gesagt aus Virginia, weiter. Der Fünfer spielt eine so garstige wie einnehmende Mischung aus Sludge, Post und Black Metal, definitiv so schwer verdaulich, wie sich die Beschreibung anhört, aber mindestens genauso lohnenswert. Ein Blickfang auf der Bühne ist vor allem Sänger Mike Paparo, der wie ein gefangenes Tier auf und ab streift, bei langen Instrumentalpassagen oft mit dem Rücken zum Publikum steht und in den Songs aufgeht. Er performt nicht nur, er lebt die Musik, wirbelt mit wilden Grimassen herum, die Texte und Emotionen scheinen geradezu aus ihm herausbrechen zu wollen. Dasselbe gilt aber auch für Drummer T. J. Childers, der ein wahrer Orkan (in rosa Shorts) hinter den Kesseln ist und Songs wie „Violent seizures“ oder „Desolation’s harp“ noch eindrücklicher werden lässt. „The long road home“ zeigt die etwas ruhigere Seite der Band, die aber nicht weniger unter die Haut geht. Das Ganze IST anstrengend, aber auch faszinierend, und Inter Arma für mich heute definitiv eine tolle Neuentdeckung.
Nach einer Stunde Spielzeit ist Abwechslung aber auch okay, und ich freue mich sowieso sehr auf Wayfarer, die geschickt musikalische Brutalität mit epischer Weite und filigranen Melodien kombinieren. Bilder der schroffen Rocky Mountains, sich bis zum Horizont erstreckender Grasebenen, des endlosen Himmels, von Outlaws und der Härte des Wilden Westens tauchen vor dem inneren Auge auf, ohne romantische Verklärung, sondern düster und roh, mit Momenten voll zarter Schönheit. American gothic heißt das aktuelle Album des Quartetts um Sänger/Gitarrist Shane McCarthy, eine perfekte Beschreibung des Sounds. Davon gibt es auch diverse Songs zu hören, wie den Opener „A thousand tombs of Western promises“ oder das mit Americana-Melodien und Klargesang punktende „False constellations“ (bei dem man sich aber trotzdem hervorragend den Nacken brechen kann). Nicht zu vergessen den Ohrwurm (wenn man bei Black Metal von Ohrwürmern sprechen kann …) „To enter my house justified“! Älteres Material wird natürlich auch berücksichtigt (wie „The crimson rider (Gallows frontier, Act I)“ und „The iron horse (Gallows frontier, Act II)“ von A romance with violence), und der wilde Ritt durch den amerikanischen Westen ist viel zu schnell zu Ende. Eine Zugabe („Animal crown“) gibt es noch, dann bedanken sich Wayfarer und gehen unter riesigem, absolut verdientem Jubel von der Bühne. Das war wirklich wunderbar!
Ein wilder Ritt, dieser Abend, fürwahr. Death mit Core- und Tribalelementen, Black Sludge und American Gothic, da sollte doch für jeden Anwesenden etwas dabei gewesen sein. Alle Bands haben abgeliefert und uns ein paar intensive musikalische Stunden beschert. Wem besonders die düsteren Americana-Elemente bei Wayfarer gefallen haben, dem sei David Eugene Edwards (auch aus Colorado) mit seinen alten Bands 16 Horsepower und Woven Hand sowie den aktuellen Solosachen dringend ans Herz gelegt.
Großer Dank geht wie immer an alle Beteiligten und ans Backstage, vor allem natürlich fürs erneute Ausrichten des Free & Easy Festivals!

(1971)

