You asked for it

Seit 44 Jahren existiert die Musikgruppe Laibach nun schon, aus der 1984 das Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst hervorgegangen ist. 40 Jahre also schon NSK, ein halbes Menschenleben. Ein wichtiger Meilenstein ihres Schaffens ist das Album Opus Dei von 1987, dessen Wiederveröffentlichung von einer konzeptionellen Tour begleitet wird. Wir dürfen also mehr als gespannt sein, denn wie das letzte Konzert zu ‚Love is still alive‘ an gleicher Stelle eindrucksvoll gezeigt hat (Link zum Bericht), sind Laibach noch lange nicht am Ende ihrer künstlerischen Ideen.

Nikon-DSC_5550Wir sind pünktlich zum Einlaß um 19:00 da, sollen das aber schnell bereuen. Es sind zwar auch schon einige Freunde und Bekannte da, die es zu begrüßen gilt und mit denen wir uns unterhalten können. Aber zur musikalischen Untermalung läuft als Intro ein sechssekündiger Drum Loop von „Live is life“, dem Megaohrwurm von Opus, in Endlosschleife vom Band. Und er ist laut. Und er ist definitiv geeignet, um Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Erst um 20:14 Uhr wird das Band endlich abgestellt, und die Musiker betreten die Bühne. Von links nach rechts Luka Jamnik an den Synthesizern, schräg dahinter Gitarrist Vitja Balžalorsky, Bojan Krhlanko am Schlagzeug und Rok Lopatič am Synthie und Keyboardklavier. Passend dazu startet die Show mit „Vier Personen“. Das ist eine relative Noise-Orgie, und die Drums sind endlich live, während der Gesang vom Band kommt. Visuell unterstützt wird das Ganze von abstrakten Schwarz-Weiß-Projektionen. Bei „Država“ wird der Text eingeblendet, und es gibt typische Wochenschau-Propagandaszenen aus dem Bürgeralltag, Turnaufnahmen, aus Industrie und Landwirtschaft. Erst zu „Boji“ betritt auch Sänger Milan Fras die Bühne, gekleidet in einen schwarzen Anzug samt der obligatorischen Partisanenhaube. Doch nach den ersten gesungenen Zeilen dreht er dem Publikum den Rücken zu und lenkt die Aufmerksamkeit so bewusst auf den Hintergrund, auf dem Straßenkrawalle gezeigt werden. Das Bühnenlicht blitzt dabei permanent schmerzhaft in die Augen. Das Konzert ist wahrlich eine ganzheitliche körperliche Erfahrung für alle Sinne, das steht bereits jetzt fest. „Mi kujemo bodočnost“ gerät experimentell, und Vitja spielt dabei seine Gitarre mit einem Geigenbogen. Es wirkt neoklassisch und monumental.
Nikon-DSC_5421-Verbessert-RRMilan verlässt nun erst einmal die Bühne, und „Smrt in pogin“ muss ohne ihn auskommen. Dafür springt die ehemalige Sängerin Mina Špiler dank der Leinwand ein. Das Slowenische verstehe ich natürlich nicht, aber „down communista – smash fascism“ ist dafür dann eindeutig. Die vier Musiker erzeugen dazu eine wahre Kakophonie, zu dessen Höhepunkt Bojan hinter dem Schlagzeug hervorkommt und einen Staubsaugerschlauch schwungvoll rotieren lässt, mit dem er abgefahrene Geräusche erzeugt. Die Einstürzenden Neubauten lassen grüßen. Für „Anti-Semitism“ kehrt Milan zurück und lässt seine Stimme beben: „A tooth for a tooth!“ Dafür gibt es jetzt extra lauten Applaus. Endlich betritt auch Marina Mårtensson die Bühne, die in ihrem weinroten Kleid, über dem sie ein schwarzes Bolerojäckchen trägt, und ihrer Hochsteckfrisur einfach atemberaubend aussieht. Zusammen geht es an „Ballad of a thin man“, ein wuchtiges BobDylan-Cover, bei der Marinas Stimme die von Milan optimal ergänzt. Zu dem elegischen „Brat moj“ tanzen Turner am Reck über die Leinwand, das völlig im Kontrast zum energiegeladenen „Alle gegen Alle“ steht, dem legendären Cover von Deutsch Amerikanische Freundschaft. Der Rhythmus peitscht, die Band singt zusammen im Chor, und auch das Publikum singt immer lauter mit. Doch bevor noch der Pogo ausbricht, ist der Song leider vorbei, und nach diesem Höhepunkt verlassen Laibach erst einmal die Bühne. Stattdessen gibt es wie immer ein Intermezzo, und es läuft wieder der verfluchte endlose Drum Loop. „Maybe we’ll be back“ lautet die Botschaft auf der Leinwand, während fünfzehn Minuten auf Null runterzählen.

Samsung-20240703_212431Tatsächlich sind Laibach pünktlich, aber zunächst ohne Milan. Dafür zieht Marina endgültig alle Blicke auf sich, denn sie trägt ihr Jäckchen und die Haare nun offen, sodass sowohl das Kleid als auch ihre tollen Locken besser zur Geltung kommen. Und endlich kommt wirklich „Leben heißt Leben“, die einzig hörbare Version des Opus-Klassikers. Außerdem bricht Bojan den Loop-Fluch, indem er das Schlagzeug live spielt. Der Song bekommt etwas Majestätisches und Erhabenes, die Männerstimmen bilden einen Chor zur Untermalung von Marinas Gesang. Bei der monumentalen Ethik des Stücks darf Milan natürlich nicht fehlen, und er hat die Zeit genutzt, um sich umziehen. Sein Hemd und die neue Partisanenhaube (mit Laibach-Pin über der Stirn) sind nun farblich perfekt auf Marinas Kleid abgestimmt. Die Stimmung ist großartig und wird von ihr weiter aufgeheizt, als sie zu „Leben – Tod“ die Menge zum Mitklatschen animiert, rhythmisch passend zum Hintergrund, auf dem synchron ebenfalls geklatscht wird. Außerdem gibt es „Hey-Hey“-Rufe aus dem Publikum. Es folgt das tekknoid hämmernde „Trans-National“, bei dem die Bass-Druckwelle die Härchen auf meinen Armen schwingen lässt. Auf der Leinwand läuft dazu Sportler-Propaganda. Im Gegensatz zum krassen Sound steht Marina, die die Lyrics ruhig aus einem Buch rezitiert. Am Ende segnet Milan die Menge mit der Dreifaltigkeitsgeste von Jesus, und es gibt reichlich Applaus. Zu „F.I.A.T.“ greift Marina zum Tambourine, während Fließband-Arbeiter Autos zusammensetzen und schließlich von Robotern ersetzt werden. Die Bilder zum Titel zeugen von Laibachs Sinn für Ironie. Über „How the West was won“ geht es weiter zu dem erhabenen und monumental umgesetzten „The great seal“, bei dem eindringliche Bilder aus dem zweiten Weltkrieg aus Europa und Asien gezeigt werden, die die Wirkung noch unterstreichen. „Geburt einer Nation“, im Original von Queen, ist natürlich ein weiteres Highlight, das martialisch von Soldatenstiefeln in Nahaufnahme im Stechschritt begleitet wird. Zum Abschluss folgt das Titelstück „Opus Dei / Leben heißt Leben“, zum Glück wieder mit echten Live-Drums. Marina rezitiert die Lyrics mit starkem Ausdruck und löst bei mir eine Gänsehaut aus. Auf der Leinwand hacken Holzfäller im Rhythmus, und Milan animiert die Menge und lässt diese begeistert mitklatschen. Dabei wirbeln die Axt-Swastikas aus dem Artwork zu Opus Dei über die Leinwand, und Laibach zeigen einmal mehr, wie leicht es ist, Menschen mittels Propaganda zu verführen.
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Damit verlässt die Band die Bühne und bietet eine Gelegenheit zum Verschnaufen. Oder auch nicht, denn natürlich werden lautstark Zugaben eingefordert. Und die gibt es in Form von „The engine of survival“, das begeistert aufgenommen und vom dazugehörigen Video begleitet wird. Auf der Leinwand wird dazu nur Marinas Gesicht gezeigt, das von grob zupackenden Männerhänden mit schwarzer Farbe beschmiert wird. Der Anblick wirkt auf mich etwas verstörend, weil ich das Video noch nicht kannte, aber genau darum geht es. Schließlich wird die Situation etwas aufgelöst, als dasselbe auch einem Mann widerfährt. Nun wird Marinas Mikroständer an den vorderen Bühnenrand gestellt, was gleich ein paar Jubelschreie auslöst, und es folgt mit „Each man kills the thing he loves“ ein JeanneMoreau-Cover, das auf ein Gedicht von Oscar Wilde zurückgeht. Nun kündigt Marina „a song“ an, „that came to us in the bus on the last tour, when love was still alive. Please don’t be shy and sing with us.“ (Im Hintergrund wird auf der Leinwand kurz und bündig eingeblendet: „You asked for it“ – die Spannung steigt!) Während der Strophe klingt es für mich absolut nach „Wonderful life“ von Black, was wohl vor allem an Roks Klavierspiel liegt. Doch beim Refrain ist es dann klar, „I want to know what love is“ von Foreigner.
Samsung-20240703_221714Und obwohl es irgendwie kitschig ist: Die Art und Weise, wie Marina die Zeilen ins Mikrofon geradezu haucht, löst bei mir wieder eine Gänsehaut aus. Im Hintergrund läuft passend dazu eine Computerspiel-Animation von der ‚Love is still alive‘-Tour. Milan gesellt sich dazu und singt ebenfalls einen Teil, und sein geknurrtes „Finally love has found me“ löst die nächste Gänsehaut aus. Schließlich nimmt Marina ihr Handy und filmt das singende Publikum, was live auf die Leinwand projiziert wird. Es ist surreal unten zu stehen und sich gleichzeitig oben auf der Bühne zu sehen, zusammen mit unzähligen glücklichen Gesichtern, in Liebe vereint. Damit geht die Band wieder ab. Die Menge hat allerdings noch nicht genug und fordert energisch eine weitere Zugabe, und das Lärmen wird mit dem BillieHoliday-Cover „Strange fruit“ belohnt. Die Musik erinnert mich an die Stummfilmzeit und wird von Bildern der Zerstörungen im 2. Weltkrieg begleitet, auf dass wir das wir das nie wieder erleben mögen. Und dann gibt es moderne Drohnenaufnahmen einer zerstörten Stadt. Aleppo, Damaskus, Gaza? Milan rezitiert den Text eher als dass er singt, was geheimnisvoll und mahnend zugleich wirkt. Und dann erschreckt er alle mit der letzten Zeile: „Here is a strange and bitter… CROP!“ Mit diesem unvermittelten Ausbruch endet nun gegen halb elf endgültig die Show. Die Musiker verlassen umjubelt die Bühne, und auf der Leinwand prangt ein letzter Gruß: „See you next time!“ Danach müssen wir uns erst einmal ein wenig sammeln und durchatmen. In Gesprächen mit den umstehenden Besucher*innen wird das gerade Erlebte noch einmal rekapituliert, während vom Band noch einmal „Geburt einer Nation“ in der recht tekknoiden Kraftbach-Version läuft. Doch bevor wir noch einmal in Trance verfallen, müssen wir den Weg zur S-Bahn antreten.

Fazit: Immer wieder aufs Neue wissen Laibach zu begeistern und nachhaltig zu beeindrucken. Sie nehmen uns mit auf eine multimediale Reise, die richtiggehend körperlich wird, weil tatsächlich alle Sinne beansprucht werden. Der bombastische Sound, die Macht der Propaganda-Bilder – Laibach ist eine Wucht, die mensch einfach live erleben muss, und dem kann mein Bericht leider nur ansatzweise gerecht werden. Ich fühle mich regelrecht gebügelt und bin irgendwie erschöpft (nicht nur wegen der ca. 890 gehörten Drum Loops), und auch schließlich daheim im Bett hallen die Eindrücke noch lange nach und halten mich wach.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist:
vom Band: Leben heißt Leben (intro drum loop)
Vier Personen
Država
Boji
Mi kujemo bodočnost
Smrt in pogin
Anti-Semitism
Ballad of a thin man (Bob Dylan cover)
Brat moj
Alle gegen Alle (Deutsch Amerikanische Freundschaft cover)

Intermezzo (Leben heißt Leben intro drum loop) 15 minutes

Leben heißt Leben (Opus cover)
Leben – Tod
Trans-National
F.I.A.T.
How the West was won
The great seal
Geburt einer Nation (Queen cover)
Opus Dei / Leben heißt Leben (Opus cover)

Encore:
The engine of survival
Each man kills the thing he loves (Jeanne Moreau cover)
I want to know what love is (Foreigner cover)

Encore 2:
Strange fruit (Billie Holiday cover)
Geburt einer Nation (Queen cover) (Kraftbach Version)

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