Ein charismatischer Abend
Ab und zu passiert es, dass man durch Zufall auf eine Band stößt, sich sofort in die Musik verliebt, den gesamten Backkatalog kauft und natürlich darauf hofft, die neuen Favoriten auch bald live erleben zu dürfen. So ging es mir vor einer ganzen Weile mit der irisch-französischen Band Molybaron, und als diese eine Tour im Vorprogramm der Finnen Wheel ankündigten, habe ich mich euphorisch sofort um die Konzertakkreditierung gekümmert. Dass ich Wheel bis zu dem Zeitpunkt gar nicht kannte – geschenkt. Nun mussten Molybaron aber verletzungsbedingt aus der Tour aussteigen, die neue Vorband war lange nicht bekannt und ich ein wenig ratlos. Doch zugesagt ist zugesagt, und als ich schließlich erfuhr, dass eine isländische Band – Múr – Wheel in München begleiten wird, war meine Neugier auf dieses Package (beide Acts werden als Progressive Metal angekündigt) doch sehr groß. Also nichts wie hin ins Backstage!
Ein bisschen abgehetzt und genervt komme ich dann in die Halle, die um zwanzig vor acht noch sehr, sehr luftig gefüllt ist, was mich etwas überrascht. Die nächste Überraschung ist, dass um Viertel vor acht bereits die Lichter ausgehen und eine Band auf die Bühne kommt. Sind das etwa schon die Isländer? Das Getrümmer, das gleich darauf aus den Boxen schallt, hört sich allerdings weder proggig noch isländisch an, ich bin verwirrt, lasse das aber mal auf mich zukommen. Der Vierer vor mir auf der Bühne spielt eine energetische und brutale Mischung aus Groove und Geknüppel und ist stimmlich eher beim (Death)Core angesiedelt. Das Ganze geht gut in die Nackenmuskeln, und die immer noch recht lichten vorderen Reihen nicken sich schon mal warm. Bei der ersten Ansage auf Deutsch wird dann klar, das sind nicht Múr, aber wer dann? Nach und nach löst sich das Rätsel, es handelt sich um Chuan-Tzu aus Frankfurt, die (zumindest für mich unangekündigt) den Anheizer für Múr und Wheel machen und sich sehr freuen, dabei sein zu dürfen. Seit 2003 gibt es die Band bereits, man kennt sich aus der Schule, bisher sind nach dem Demo Metachaos (2009) ein Album (Delight in disorder, 2016) und in diesem Sommer eine EP (So death created time) erschienen, die kurz darauf in Wacken live vorgestellt wurde. Heute spielt sich die Truppe quer durch die Diskografie, „Carcosa“ und „Stingray“ etwa stammen von der aktuellen EP, „Unless“ und das abschließende „Angst“ vom Debütalbum. Nach einer halben Stunde ist der Auftritt auch schon vorbei, die Temperatur in der Halle ein paar Grad gestiegen, und Chuan-Tzu ernten verdienten Beifall.
Während der Umbaupause recherchiere ich ein wenig zu den nachfolgenden Múr, auf die ich sehr gespannt bin, denn bisher war alles, was ich aus Island kenne (sei es Literatur, Film oder eben Musik), ausnahmslos qualitativ hochwertig und sehr eigenständig. Auch Múr klingen da vielversprechend, die fünfköpfige Band hat gerade ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht, das bisher weitgehend euphorische Kritiken eingeheimst hat. Auch sonst klingt das alles sehr interessant, die Bandmitglieder sind durch die Bank blutjung, machen alle seit ihrer Kindheit Musik und haben ein entsprechendes Studium absolviert (die beiden Gitarristen Hilmir Árnason und Jón Ísak Ragnarsson haben zum Beispiel bei Skálmölds Þráinn Árni Baldvinsson gelernt). Das Debütalbum Múr umfasst sieben Songs, der kürzeste vier, die anderen eher um die neun Minuten lang. Auch das klingt für eine Band, die sich Post und Prog Metal auf die Fahnen geschrieben hat, vielversprechend. Ich bin mal gespannt, wie viele Songs sie dann in ihrer Spielzeit unterbringen.
Vier, wie sich im Nachhinein herausstellt, aber das ist eigentlich egal, denn Múr verstehen es meisterhaft, eine Dreiviertelstunde lang einfach nur ein Feuerwerk an Wucht, Epik, Präzision und ganz viel Atmosphäre abzufackeln, dem man atemlos lauscht und zusieht. Sänger Kári Haraldsson ist mit der langen Haarmähne (die natürlich auch ordentlich geschüttelt wird) und der großen Keytar ein wichtiger Blickfang, doch auch Basser Ívar Andri Klausen sorgt – barfuß – mit viel Posing für Stimmung. Die überlangen Songs entfalten live einen fantastischen Sog, manchmal fühle ich mich an alte Sólstafir erinnert, aber grundsätzlich machen Múr hier wirklich ihr eigenes Ding, das nur unzureichend mit Prog oder Post Metal beschrieben werden kann. Die Keytar setzt genau die richtigen Synthie-Akzente und betont durch den Kontrast die schroffen Soundlandschaften nur noch. Wer sich gern in episch angelegten, aber nicht schwülstigen Soundscapes verliert und sich von komplexer, aber nicht zu technischer Brutalität gern die Haare nach hinten föhnen lässt, sollte Múr unbedingt antesten. Meine Vorschusslorbeeren waren – für mich – jedenfalls gerechtfertigt, ich bin völlig hin und weg. Eine Setlist lag nicht aus, laut Setlist.fm haben Múr auf anderen Konzerten der Tour „Heimslit“, „Kviksyndi“, „Vitrun“ und „Holskefla“ gespielt, aber am besten hört man einfach sowieso die ganze Platte.
Wieder nutze ich die Umbaupause und recherchiere vorab noch ein wenig genauer zu Wheel. Das Quartett wurde 2015 in Finnland vom Briten und Wahlfinnen James Lascelles (Gesang, Gitarre) gegründet und hat mittlerweile nicht nur einige Besetzungswechsel hinter sich, sondern mit Charismatic leaders im Frühjahr 2024 den dritten Langspieler veröffentlicht, dessen Cover auch das Backdrop ziert. Der Umbau geht schnell, und um halb zehn stehen Wheel dann bereits auf der Bühne. Die Backstage Halle hat sich im Lauf des Abends dann doch noch ordentlich gefüllt, und die Band wird mit großem Jubel empfangen. Die ersten Songs – von allen drei Alben, aber atmosphärisch perfekt zueinander passend – präsentieren Wheel eher ruhig, melancholisch, mit großen Melodien, bei denen James Lascelles’ wunderschöne Stimme brilliert, aber auch wilden Ausbrüchen wie bei „Lacking“. Danach wendet sich James das erste Mal ans Publikum, erzählt, dass die letzte Headlinertour doch schon eine Weile her sei und sie nicht genau gewusst hätten, was sie erwarten sollten. Er freut sich sehr über die euphorischen Reaktionen des Publikums und sagt: „Give yourself some applause!“ Eigenlob stinkt ja bekanntlich, aber wenn er unbedingt möchte … Diese emotionale, innige Atmosphäre kann die Band mit den folgenden Songs, bei denen weiter zwischen den drei Alben Charismatic leaders, Moving backwards und Resident humans hin und her gesprungen wird, aufrechterhalten und sogar noch vertiefen. Der Kontrast zu der brachialen, auf den Punkt gebrachten Wucht von Múr ist groß, und ich habe ein bisschen gebraucht, um mich auf die filigraneren, helleren und oft auch langsameren Songs einzulassen, doch irgendwann bin ich drin und völlig hin und weg. James und seine Mitstreiter erschaffen eine ganz eigene Prog-Welt, die mal hart, mal zart ist und vor allem immer in sich stimmig und songorientiert. Wer Frickelorgien sucht, ist hier fehl am Platz, auch wenn die Songs natürlich immer noch komplex sind (Referenz ist hier etwa Tool). In der zweiten Konzerthälfte nimmt der Metal-Anteil gefühlt etwas mehr Raum ein, auch wenn James zwischendurch bei „Synchronise“ zur Akustikgitarre greift. Später lobt er einmal mehr das Publikum, denn heute ist der Funke wirklich übergesprungen und ganz viel Magie im Raum. Für Lacher sorgt dann noch seine Vorstellung des neuen Bandmitglieds Jere Lehto am Bass, wir sollen ihm etwas Finnisches nachsprechen, das sich verdächtig nach Schimpfwörtern anhört, was Jeres Grinsen und vereinzelte „Perkele!“-Rufe aus dem Publikum bestätigen. Die allgemeine gute Laune explodiert dann bei „The freeze“ in einem veritablen Moshpit vor der Bühne, und nach dem letzten Song sind alle erschöpft und sehr, sehr glücklich. James verabschiedet sich mit Handschlag von der ersten Reihe, und auch Jussi, Santeri und Jere lassen sich noch ordentlich feiern.
Manche Abende lässt man ja ohne große Erwartungen auf sich zukommen. Manchmal bleibt es auch dabei, manchmal geht man danach mit diesem ganz speziellen Glücksgefühl nach Hause, weil man etwas ganz Besonderes erlebt hat. Wenn die richtigen Energien zwischen Bands und Publikum geflossen sind und man eine Verbindung zueinander aufgebaut hat. Oder etwas weniger verschwurbelt ausgedrückt: Wenn die Bands einfach fantastisch abgeliefert haben. Und das haben sie. Chuan-Tzu haben die Halle hervorragend aufgewärmt und sich allen Freunden etwas core-lastigeren Metals empfohlen, Múr haben ihre eigene Messlatte für zukünftige Großtaten verdammt hoch gelegt, und Wheel haben einfach nur verzaubert. Das war wirklich ganz großes Kino, auch ohne Molybaron (die ich aber natürlich trotzdem sobald wie möglich gern live sehen möchte).

Setlist Wheel:
1. Fugue
2. Hyperion
3. Porcelain
4. Skeletons
5. Lacking
6. Saboteur
7. Dissipating
8. Synchronise
9. Caught in the afterglow
10. Movement
11. Vultures
12. Crowd banter break
13. The freeze
14. Empire
15. Wheel
(3400)

