Konzert: 05.01.2019 – Demented Are Go + King Moroi – Strom, München

Hellbilly storm

P1130292_SW„Alle Jahre wieder“ könnte man fast sagen, denn vor einem Jahr waren Demented Are Go ebenso mit King Moroi im Vorprogramm zu Gast im Münchener Strom (Link zum Bericht). Ich frage mich daher, ob der Laden überhaupt halbwegs voll wird, denn München erstickt noch dazu knietief im Schneematsch, und draußen bläst der Wind einem unablässig Schnee und Regen um die Nase. Keine guten Bedingungen also, und so hat man im Strom auch vorsichtshalber die hintere Bar abgetrennt und den Saal somit verkleinert.
P1120653_SWDas ist anfangs auch ganz gut so, denn nur allmählich füllt sich das Strom. Manch einer braucht sicherlich länger wegen der Witterungsverhältnisse. DJ Alley Cat King sorgt derweil zum Glück wieder wie gewohnt für gute Laune, wie man an den wippenden Kopfbewegungen der Besucher sehen kann. Kurz vor neun legen die Frankfurter King Moroi los, bestehend aus Bassist Smirnov, Sänger und Gitarrist Jerry Toothpaste und Monkey Boy am Schlagzeug. Der Fledermaus-Bass ist auch heute dabei, mit dem im Arm stimmt Smirnov „Creepcake“ an, gefolgt von „Spytank“. Zwischendurch begrüßt er das zahlreicher werdende Publikum: „Guten Abend, ich liebe Euch! Frohes Neues!“ Gemeinsam mit Jerry wird zu „Bloody rain“ ordentliches Posing gemacht, vor „Hiding in the graveyard“ begrüßt Jerry seinen Freund Jim im Publikum und auch selbiges an sich: „Happy New Year!“ Ab und zu macht er auch Ausflüge quer über die Bühne, wie auch bei „Dr. Cogan“. Dafür übernimmt Smirnov heute einen Großteil des Gesangs, seine Stimme wird im Laufe der Show immer rauher. Nach „In the tide“ und „My friends friends“ stellt er erfreut fest: „Die neuen Songs kommen besser an als die alten, aber das ist ja ein gutes Zeichen!“
P1120713Auf „Barrymore“ folgt „Switchside“, der Applaus wird stets lauter. „Vielen Dank! Zwei Stücke haben wir noch!“, dann schiebt Smirnov noch eine Anekdote nach: „Letztes Jahr sind wir hier um halb fünf rausgegangen, und es war noch voll, richtig geil! In Frankfurt kennen wir sowas nicht, da ist ’ne halbe Stunde später alles leer.“ Nach „Cypress C. L.“und „Kate Will“ meint Jerry zu Smirnov: „I shouldn’t be singing, it’s your turn. I need a break!“ Der schaut ziemlich gequält, da er ohnehin schon die meisten Songs übernommen hat, aber nützt ja nix. „Vielen Dank auch, allerletzter Song heute: Für alle, die letztes Jahr nicht dabei waren, der Song heißt ‚Let me out‘!“ Seine Stimme ist mittlerweile sehr rauh bzw. fast schon hinüber, aber das gibt gerade den richtigen Kick, denn so schwingt eine Prise Lemmy mit. Mit der Mischung aus Psychobilly und hartem, schnellen Rockabilly, der mit einem Schuß Country abgerundet wird, gefällt mir die Show heute besser als letztes Jahr, und auch das Publikum honoriert diese mit ordentlich Applaus und besucht den Merchandise-Stand im sargförmigen Gitarrenkoffer.

P1120874Nun folgt die Umbaupause, die aber dank DJ Alley Cat King nicht nervt, der mit einer Mischung aus Psycho-, Rockabilly und Punkrock die Stimmung hoch hält. Grischa betritt zwischendrin die Bühne und wird sogleich von den vorderen Leuten begrüßt, aber er winkt noch mal ab. Nur kurzes Feintuning am Bass, und die Horrorschminke sitzt auch noch nicht. Um zehn ist es dann aber endlich soweit, Nebel wabert über die Bühne und der Saal verdunkelt sich. Grischa, Holger und Garbeul, die allesamt blutig und ziemlich untot aussehen, entern die Bühne, gefolgt von Mastermind Mark Phillips aka Sparky. Er trägt heute eine enge schwarze Lederhose und ein schwarz-weißes Hemd samt Weste, darüber einen schwarzen, mit Leopardenplüsch besetztem Gehrock. Zusammen mit dem Horror-Make-Up wirkt er wie der König der Untoten, als Krone trägt er einen steil aufragenden Flat. Die Band eröffnet die Show mit „Love sleeps like a festering sore“, gefolgt von „Zombie stalk“, das Holger gerade eben noch in der Pause händisch in die gedruckte Setlist eingefügt hat. Mittlerweile ist es richtig eng, und gleich zu Beginn bekomme ich einen Stoß in den Rücken, das fängt ja gut an. Die Leute sind also in Wrecking-Laune, P1130251und stellen das vor allem bei „Daddy’s making monsters“ unter Beweis. Hinter mir brodelt es. Mit der Stimmung steigt auch die Temperatur, Sparky wirft die Weste von sich und reißt das Hemd auf, vom Gehrock hat er sich schon nach dem zweiten Song entledigt. Während „Blood beach“ fällt auch noch das Hemd, aber dann ist es ihm wohl doch etwas zu nackig, und er hängt sich vor „The Noose that snapped“ wenigstens die Weste über. Grischa spielt dabei mit dem Bass auf der Monitorbox und wird von den Fans angefeuert. Holger bildet im Gegensatz dazu den ruhigen Pol. Plötzlich steht ein Zombie-Girl neben mir, dessen wirklich kunstvolles Make-Up Fleischfetzen beinhaltet, die aus dem Gesicht herabhängen. Nun schnell noch ein Schluck Wein zur Stärkung, dann entfesseln Demented Are Go einen „Hellbilly storm“, dessen Wrecking Pit auch in „One sharp knife“ übergeht. Ein Schrei von Sparky leitet „Epileptic fit“ ein, bei dem Garbeul hinter den Drums wie der verrückte Jack Nicholson in Shining grinst, nur mit Drumsticks statt Axt bewaffnet. Sparky zuckt dazu passenderweise am ganzen Körper. Doch damit nicht genug – die Augen rollt er soweit in die Augenhöhlen zurück, bis nur noch das Weiße zu sehen ist. Was für eine krasse Performance, Sparky goes spooky.

P1120956Nun kündigt er „Heads on poles“ an, das von der Menge begeistert angenommen wird, wenn auch leider ohne aufgespießte Deko-Köpfe. Eine kleine Verschnaufpause bietet „Don’t send flowers“, das von der Band als Romantikballade gespielt wird. Zumindest, bis Sparky unvermittelt schreit und das Tempo in bester Psychobilly-Manier mächtig angezogen wird. Nun sollte laut der ausgelegten Setlist eigentlich das WandaJackson-Cover „Funnel of love“ folgen, doch das ist Sparky jetzt spontan zuviel der Romantik, er gibt stattdessen Anweisungen für „Cast iron arm“. An diesem Punkt wird die Setlist völlig über den Haufen geworfen und einfach spontan untereinander abgestimmt, was nun als nächstes gespielt werden soll, und das wird „Cripple in the woods“. Nun folgt doch noch „Funnel of love“, das heute aber irgendwie beschwingter gespielt wird als üblich. Außerdem singen nicht so viele mit wie sonst, aber kein Wunder, sind doch die meisten mittlerweile außer Atem und schweißnass. Wenn Sparky sich ausladend bewegt oder Grischa am Bühnenrand auf seinen Bass einschlägt, spritzt es immer wieder in die vorderen Reihen. Für lauten Jubel ist aber noch Kraft, was auch mit „Thank you!“ anerkannt wird. Von dem, was Sparky noch dazu ins Mikro nuschelt, verstehe ich nicht viel mehr als Zombie-Röcheln. Vielleicht ist das auch Programm, denn bei „Country woman“ umarmt Sparky kurz anerkennend das Zombie-Girl von vorhin.

P1120767_SWBeim Klassiker „Who put Grandma under the stairs“ klappt es nun auch mit dem Mitsingen, ebenso beim folgenden „Busted hymen“, zu dem es auch im Wrecking Pit wieder rund geht. Kein Wunder, Garbeul kloppt auf die Felle, Holger kommt aus sich heraus, und Grischa heizt am Bühnenrand zusätzlich an. Zum Abschluss des Songs entfährt Sparky ein begeistertes: „Yee-Haw!“ Auch die Band hat heute sichtlich ihren Spaß. Schweiß, Schminke und Kunstblut laufen Sparky allerdings auf Dauer in die Augen und nehmen ihm ein bisschen die Sicht, sodass er auf der Suche nach Halt mehrmals am Mikrofon-Ständer vorbeigreift, zum Glück ohne Folgen. „Pervy in the park“ und „Human slug“ bilden den nächsten Block. Nun folgt „Retard whore“, bei dem Sparky den Ständer in Richtung Grischa wegkickt, dem dieser in den Bass fällt. Das sorgt für Heiterkeit, zumal alles heil bleibt, sowohl Instrument als auch Musiker. Scheinbar hatte Sparky vor, die Show heute ohne Zugaben einfach durchzuspielen, wird aber nun von Holger eingebremst, der einfach einen Break braucht. „Satan’s rejects“ wird also der vorerst letzte Song der Show. Mit einem schlichten „Thank you!“ verabschieden sich Sparky und Grischa jeweils eher halbherzig in den aufbranden Jubel hinein, Holger und Garbeul winken nur kurz.

P1120900Natürlich wird seitens des Publikums gepfiffen, gejohlt und geklatscht, und so lassen sich Demented Are Go nicht lange bitten. Sowohl Publikum als auch Band sind längst schweißüberströmt – zurück auf der Bühne wringt Grischa sogar sein tropfendes Shirt aus und schüttelt ungläubig den Kopf. Er sieht aus, als hätte er tatsächlich mitsamt Kleidung geduscht. „Holy Hack Jack“ wird die erste Zugabe, gefolgt von „Insanity hall“, dem das Strom mittlerweile nicht unähnlich ist. Wer noch kann schwingt hier noch einmal die Arme. Das geniale Devo-Cover „Mongoloid“ lädt noch einmal zum Mitsingen ein, und dann wendet sich Sparky vorsorglich an Holger: „One more?“ Zum Glück ja, mit „Dream space Baby“ endet nach 95 Minuten endgültig eine tolle Show. „Thank you! Vielen Dank!“ Draußen tropft’s vom Himmel, drinnen tropft’s von der Decke. Seltsamerweise haben Demented Are Go keinen Merch aufgebaut, selbst schuld oder einfach ausverkauft, who knows. Der Abend geht nun nahtlos in die After-Show Party über, DJ Alley Cat King zum Dank.

Fazit: Wer sagt, dass Psychobilly tot sei, der wurde heute wieder einmal eines Besseren belehrt. Demented Are Go präsentierten sich heute höchst spielfreudig, spontan und lebendig – oder, auf Sparky bezogen, meinetwegen auch untot – und entfesselten einen „Hellbilly storm“, dem alles andere als gemütlichen Schnee-Regen-Wetters zum Trotz. Die Verkleinerung des Saals hätte man sich eigentlich schenken können, denn das Strom ist knackevoll. Gleich zu Beginn des Jahres hängen Demented Are Go die Meßlatte sehr hoch für alle, die da noch kommen mögen, nicht zuletzt auch wegen der abwechslungsreichen und innovativen Setlist.

Setlist King Moroi:
Creepcake
Spytank
Bloody rain
Hiding in the graveyard
Dr. Cogan
In the tide
My friends friends
Barrymore
Switchside
Cypress C. L.
Kate Will
Let me out

Setlist Demented Are Go:
Love sleeps like a festering sore
Zombie stalk
Daddy’s making monsters
Blood beach
The Noose that snapped
Hellbilly storm
One sharp knife
Epileptic fit
Heads on poles
Don’t send flowers
Cast iron arm
Cripple in the woods
Funnel of love
Country woman
Who put Grandma under the stairs
Busted hymen
Pervy in the park
Human slug
Retard whore
Satan’s rejects

Holy Hack Jack
Insanity hall
Mongoloid
Dream space Baby

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