Konzert: 05.04.19 Solitary Experiments + Vanguard, Backstage Club, München

Sterben könnt ihr zu Hause!

Dafür, dass in München nie was los ist (angeblich), geben sich die namhaften Bands derzeit ganz schön die Klinke in die Hand. Vor ein paar Wochen erst war das Hybridize-Festival, im April werden noch Peter Heppner, Lacrimosa und Aesthetic Perfection nach München kommen, und ein paar andere habe ich jetzt bestimmt vergessen. Jedenfalls ist es gar nicht so leicht, einen freien Platz im Terminkalender zu finden für Vanguard und Solitary Experiments, aber wer hochklassigen Synthiepop hören will, muss da einfach hin. Zumal SE sowieso nicht oft in unseren Breitengraden aufschlagen. Ein bisschen verwunderlich ist nur, dass dieses Package im winzigen Backstage Club spielen soll – wie eng wird das wohl alles?
DSC_3752Sehr eng, wie sich schon um halb neun, eine halbe Stunde vor Beginn, herausstellt, der Club ist da schon brechend voll, auch auf der Galerie hat man sich schon die guten Plätze gesichert. Einerseits ist das für die Bands natürlich fein, eine volle Hütte hat man immer gern, fürs Publikum könnte es „ein bisschen warm“ werden. Selbst wenn kein Hochsommer herrscht, sind die Temperaturen in einem vollen Club kaum zu ertragen, aber bei guten Darbietungen wird man zumindest ausreichend davon abgelenkt. Vanguard scheinen das zu spüren, denn die geben ab dem ersten Song gleich mal alles. Das schwedische Duo, bestehend aus Patrick Hansson (Gesang) und Jonas Olofsson (Synthies, E-Drums und alles andere), aus Göteborg war gerade erst auf dem Hybridize-Festival in München zu Gast und kann auf dieser Bekanntheit gleich aufbauen. Die beiden werden von Anfang an ordentlich bejubelt, und spätestens ab dem dritten Song tanzen auch sehr viele Anwesende. Das fällt bei energiegeladenem Synthiepop, der leidenschaftlich und mit großen Gesten vorgetragen wird, aber auch nicht schwer. Insgesamt zehn Songs dürfen die Schweden präsentieren, darunter als Opener „Move on“ oder „Higher ground“ vom aktuellen Album Manifest. Davon stammt auch das schön tanzbare „Hate“, das uns wirklich gut einheizt, oder das recht heftige „Riot“, bei dem wir per Megaphon aufgefordert werden „let’s start a riot, you and me“. Pogo gibt es jetzt nicht gleich, aber ich sehe viele begeisterte Gesichter um mich herum, die voll und ganz in dem Auftritt aufgehen. Als es dann „Goodbye“ heißt (vom ersten Album Sanctuary aus dem Jahr 2012), singen wir alle fleißig mit und feiern die sympathischen Schweden gebührend ab.

DSC_3836Viel umgebaut werden muss zum Glück nicht, das meiste steht schon für Solitary Experiments bereit, und viel Platz zum Wandern (Klo, Merch, Bar, Rauchen) hat man eh nicht, denn mittlerweile ist es wirklich voll geworden. Das hört man auch, als die vier Herren die Bühne betreten, denn der Jubel ist ohrenbetäubend. Wie gewohnt in rote Hemden und sonst schwarz gekleidet (außer Drummer Frank, der ein luftiges Muscle-Shirt bevorzugt) nehmen alle hinter Synthies, Drums und dem Mikro ihre Positionen ein (es ist ECHT eng auf der Bühne, gut, dass sich nur Dennis groß bewegen wird), und nach dem Future-tense-Intro „A countdown“ geht es gleich mit „Sanctuary“ in die Vollen. Zur Musik von Solitary Experiments muss man nichts mehr sagen, seit vielen Jahren ist die Band eine feste Größe im deutschen Synthiepop. Mit so viel Erfahrung kommt auch große Gelassenheit, und die transportieren die vier auch auf die Bühne. Es wird gewitzelt und gescherzt, mit dem Publikum kommuniziert und nebenbei sehr souverän ein Hit nach dem anderen rausgehauen. Großen Raum auf der Setlist nimmt naturgemäß das aktuelle (Doppel-)Album Future tense ein, mit dem das Publikum offensichtlich solide vertraut ist – engagiertem Mithüpfen und Mitsingen steht nichts im Weg. Und falls doch noch jemand ein bisschen zurückhaltend auf Songs wie „Trial and error“, „Immortal“ oder „No salvation“ („bisschen Weiberelektro!“) reagiert, der wird flugs ermahnt: „Das ist Partymusik! Sterben könnt ihr zu Hause!“ Die Quittung fürs Anheizen bekommt Dennis aber gleich darauf präsentiert, denn ohne Schweiß geht das Ganze nicht ab, und er seufzt grinsend: „Soll mal keiner sagen, in München isses nicht heiß.“ Selbst schuld, warum wird auch gleich darauf mit „Dark inside me“ was richtig Altes und Seltenes gespielt, was die Temperaturen gleich noch mal in die Höhe treibt. Bei „Pale candlelight“ dürfen wir mitsingen (machen auch viele brav), und wer danach ein bisschen Pause braucht und „Delight“ oder „Game over“ nicht total durchfeiert, wird gleich gerügt: „Ihr könnt auch ausflippen, wenn ihr wollt!“ Das macht der Backstage Club dann bei „Rise and fall“, das so ziemlich jeder Anwesende kennen dürfte. Die Band gibt natürlich auch alles, und bei aller Spielfreude und guter Laune merkt man auch, wie kräftezehrend die Hitze ist. Dennis hat zwischendurch mit ein paar Stimmproblemen zu kämpfen, schlägt sich aber tapfer, und als „Epiphany“ verklingt, ist klar, dass das Publikum einen Nachschlag möchte. Die Zugabe hält unter anderem eine kleine Überraschung in Form des Yazoo-Covers „Nobody’s diary“ bereit, und da die meisten Anwesenden Kinder der Achtziger sein dürften, wird allgemein sehr selig mitgeschwelgt. „Für die Jüngeren unter euch: Das war Yazoo“ – Dennis geht trotzdem auf Nummer Sicher. Als Abschluss wiegen sich dann alle bei „Stars“, der großen Synthiehymne, und wanken danach glücklich rüber ins Backstage Werk, wo DJ Sconan die Blackstage zelebriert.

Für Synthiefans ein sehr gelungener Abend, der allerdings meiner Meinung nach ein paar SE-Songs weniger hätte vertragen können. Dann wäre alles richtig rund und stimmig gewesen. Aber vielleicht war es auch einfach nur zu warm, und ich hatte deshalb zwischendurch einen leichten Durchhänger. Es waren auf jeden Fall genug gelungene und mitreißende Songs dabei, um ordentlich Spaß zu haben, und Dennis‘ Frage nach „Crash & burn“, ob sie wiederkommen dürften, wird natürlich mit „Ja“ beantwortet. Das gilt im Übrigen auch für Vanguard, die einen hervorragenden Eindruck hinterlassen haben.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2: (mit Tendenz zu 5)

Setlist
1. A countdown (intro)
2. Sanctuary
3. Every time
4. Trial and error
5. I am
6. Immortal
7. No salvation
8. The dark inside me
9. Pale candlelight
10. Double dealer
11. Delight
12. Shelter
13. Game over
14. Rise and fall
15. Point of view
16. Crash & burn
17. Brace yourself
18. Epiphany

19. Achromatic
20. Nobody’s diary (cover)
21. Stars

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