Konzert: 09.05.17 ChameleonsVox + Frank the Baptist, Backstage Club, München

Manchester calling

 

Der Mai ist ein gemeiner Monat für die Konzertgänger Münchens, jeden Tag könnte man zu diversen Veranstaltungen gehen, jeden Tag beehren irgendwelche Hochkaräter die Stadt. Die Abende werden allerdings langsam aber sicher doch etwas milder, es ist länger hell … wie sich das wohl auf die Besucherzahlen der vielen spannenden Konzerte auswirkt? Am heutigen Abend stehen im Backstage Club zwei ganz besondere Bands auf der Bühne, die amerikanisch-deutsche Truppe Frank the Baptist sowie mit ChameleonsVox die Nachfolgeband der legendären Manchester-Band aus den Achtzigern, den Chameleons. Ich hoffe sehr, dass sich genügend Leute einfinden, um dieses seltene und hochkarätige Package angemessen zu bejubeln.

DSC_7299Leider bewahrheiten sich zunächst meine Befürchtungen, der Club füllt sich nur spärlich, die Leute drücken sich an der Bar herum, vor der Bühne herrscht noch ziemliche Leere. Als Frank the Baptist um kurz nach acht anfangen, rücken einige Zuschauer auf, immerhin. Zuletzt war das Quartett vor etwas über einem Jahr in der Stadt, als Vorband von Fields of the Nephilim (hier der Bericht), und hat sich da einige neue Fans erspielt. Ich persönlich freue mich heute Abend vor allem auf Frank the Baptist, die mir seit vielen Jahren sehr am Herzen liegen und die mich mit ihren einzigartigen Melodien und vor allem der Stimme von Sänger und Bandchef Frank Vollmann immer wieder begeistern. Vier CDs gibt es bereits (wer sie noch nicht hat – kaufen!), die aktuelle As the camp burns sowie Different degrees of empty liefern heute die meisten Titel für die Setlist. Das wunderbare „Ashes ashes“ eröffnet den Abend und setzt sich schon mal in den Gehörgängen fest. „Silver is her colour“ ist ebenfalls ein alter Bekannter auf Konzerten von Frank the Baptist. „Diogenes travels“ ist schon bald ein nächster Höhepunkt, ebenso wie „Falling stars“. Mittlerweile haben sich auch deutlich mehr Zuschauer eingefunden, die sich zwar schüchtern im hinteren Bereich des Clubs aufhalten, jedoch eifrig Beifall spenden und tanzen und zum großen Teil mit den Songs der Band vertraut scheinen. Die Band – neben Frank Vollmann sind das Energiebündel Julio Cardador am Bass, Gitarrenhexer Gerrit Haasler sowie Salo Bosse an den Drums – freut sich sichtlich und legt sich ordentlich ins Zeug.
Mit „Sea legs on a train“ und „Folded flags“ folgen zwei Songs von As the camp burns, wieder großartige Hymnen! Danach hat die Band eine große Überraschung vorbereitet – ein Cover des Misfits-Gassenhauers „Die die my darling“, natürlich im ganz eigenen Rhythmus. Frank singt gefühlvoll und mitreißend – bis das Mikro seinen Geist aufgibt. Sehr schade, aber der sofort gereichte Ersatz tut dann fehlerfrei seinen Dienst. Das wunderschöne „Thumbelina“ sowie DIE Hymne schlechthin vom dritten Album The new colossus (mein persönliches Lieblingsalbum der Band), „If I speak“, beschließen das großartige Set, das die Zuschauer bis ins letzte Eck mitreißt. Mindestens einen neuen Song gab es außerdem zu hören, „Angry kids of jealous gods“ von der in naher Zukunft erscheinenden gleichnamigen neuen EP – haltet Augen und Ohren offen!

Setlist Frank the Baptist:
1. Ashes ashes
2. Silver is her colour
3. Like vandals did
4. Diogenes travels
5. Letters to earth
6. Falling stars
7. Sea legs on a train
8. Folded flags
9. Die die my darling
10. Angry kids of jealous gods
11. Thumbelina
12. If I speak

 

Während ihr Leser euch jetzt die Umbaupause vorstellt, gibt es ein paar einleitende Worte zur zweiten Band des heutigen Abends, den ChameleonsVox. (Danke, Mrs. Hyde!) Diese sind aus den legendären The Chameleons hervorgegangen, aber da diesen der große kommerzielle Durchbruch verwehrt geblieben ist, soll die Band kurz denjenigen vorgestellt werden, die sie noch nicht kennen. Die 1981 in Middleton bei Manchester gegründeten The Chameleons sind eine echte Post-Punk-Band im wörtlichen Sinne. Das Debütalbum Script of the bridge gilt heute als einer der Meilensteine des Genres. Nicht umsonst wurden viele Bands der heutigen Post-Punk-Welle wie beispielsweise Interpol oder The Editors von ihnen beeinflusst. Der Sound ist düster und melancholisch, und die mit Hall versehenen Gitarren sorgen für schöne Effekte, während der Gesang auch schon mal mit Robert Smith von The Cure verglichen wird.
Die Gründungsmitglieder Mark Burgess, gleichzeitig Sänger und Bassist, sowie die beiden Gitarristen Reg Smithies und Dave Fielding agierten zunächst ohne Drummer, bis mit John Lever die Idealbesetzung für diesen Posten gefunden wurde. Als Erstes wurde John Peel auf die Band aufmerksam, und nach der Peel-Session ergatterten The Chameleons den ersehnten Plattenvertrag. Als 1987 überraschend ihr Manager Tony Fletcher starb, führte der daraus resultierende Schock zur Auflösung der Band, nach nur drei veröffentlichten Alben. Alle Bandmitglieder widmeten sich aber weiterhin verschiedenen musikalischen Projekten, u. a. The Reegs, Invincible und The Sun And The Moon. Im Jahr 2000 kam es zur Wiedervereinigung, aber nach zwei weiteren Alben war 2002 endgültig Schluss.
Unter dem Namen ChameleonsVox lassen Mark Burgess und John Lever zusammen mit verschiedenen Gastmusikern den alten Spirit wieder aufleben, wovon die 2013 erschienene EP M+D=1[8] zeugt. Am 13.03.2017 stirbt John Lever allerdings nach kurzer, schwerer Krankheit – ein harter Schlag für die Band und die langjährigen Fans. Die heute beginnende Tour, die ein von Fans ausgewähltes Best-of der langen Karriere präsentieren soll, wird sicher auch zu seinem Gedenken sein.

DSC_7465Während der Umbaupause füllt sich der Club merklich, kaum hat man einmal nicht hingesehen, drängen sich die Fans plötzlich vor der Bühne. Offensichtlich sind also viele erst zu ihrer favorisierten Band erschienen, was ich sehr schade finde, Frank the Baptist hätten definitiv ebenfalls einen proppenvollen Club verdient gehabt. Das Publikum ist in weiten Teilen nicht wesentlich jünger als die Band und scheint sich aus echten Die-hard-Fans zusammenzusetzen, die ihre Plätze vor der Bühne eifrig verteidigen, die beeindruckenden Effektgerätansammlungen vor den Musikern fotografieren oder auch einfach mal das Handy über mehrere Lieder hinweg mitlaufen lassen. Großer Jubel empfängt Mark Burgess und seine Mitstreiter, der die Zuschauer mit hervorragenden Deutschkenntnissen sofort für sich einnimmt. Los geht’s mit „Swamp thing“, und sofort herrscht ordentlich Bewegung im Club. Die alten Helden werden gnadenlos abgefeiert, Songs wie „A person isn’t safe anywhere these days“, „Monkeyland“ oder „Dali’s picture“ zaubern überall um mich herum ein glückseliges Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer. Schlag auf Schlag geht es weiter, „Thursday’s child“, „Caution“ oder besonders „Soul in isolation“ schaffen eine ganz besonders nostalgische Stimmung im immer wärmer werdenden Club. Mich freuen besonders einige Zitate aus ganz anderen Songs, „The End“ von den Doors (mit aufs aktuelle Tagesgeschehen abgewandeltem Text, z.B. „All our leaders are insane“) und „Transmission“ von Joy Division, die immer wieder geschickt in die Lieder eingebaut werden.
Als der Schweiß schon fast von der Decke tropft, verabschiedet sich die Band, wird jedoch natürlich noch für eine Zugabe auf die Bühne zurückgeklatscht.

Beide Bands liefern tolle Auftritte und begeistern ihr Publikum – ein gelungener Abend also. Ich habe mich gefreut, Frank the Baptist mal wieder gesehen zu haben, vor allem mit einem etwas längeren Set. The Chameleons bzw. ChameleonsVox waren mir bisher nur wenig vertraut, sie konnten mich aber mit ihrer Spielfreude und ihrem legendären Sound überzeugen.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist ChameleonsVox:
1. Swamp thing
2. A person isn’t safe anywhere these days
3. Monkeyland
4. Dali’s picture
5. Looking inwardly
6. Thursday’s child
7. Caution
8. Soul in isolation
9. In answer
10. I’ll remember
11. Singing rule Britannia (while the walls close in)
12. Denims and curls

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