Konzert: 10.04.2016 – Isolation Berlin, Der Ringer – Hansa 39 (Feierwerk), München

Die neuen Könige von Deutschland?

Zugegeben, ich kenne die Band erst seit einer Woche. Beim Durchhören der Bands für das bevorstehende Wave Gotik Treffen in Leipzig bei Youtube gab es in der rechten Leiste irgendwann den Vorschlag „Alles Grau“ von Isolation Berlin. Der Bandname gefiel mir, und beim Anklicken hat es mich direkt geflasht: Die Stimme wie von Rio Reiser, dem König von Deutschland, gepaart mit einer herrlichen musikalischen Melancholie und Tristesse, und dazu ein passender Text, in dem man das Thema Suizid hineininterpretieren kann. Die ganze Kombination brachte meine dunkle Seele ins Schwingen, so schwülstig das jetzt auch klingen mag. Die Woche drauf gibt es auch noch ein Konzert im Feierwerk? Mir war sofort klar, da muss ich dabei sein.

Da es bereits ausverkauft war, wurde das Konzert von der Kranhalle ins Hansa 39 verlegt. Zum Glück muss ich sagen, denn so bekomme ich noch eine Karte, und die viel zu steril wirkende Kranhalle wird auch vermieden. Kurz nachdem ich da bin, beginnt um halb neun für mich überraschend eine Vorband aus Hamburg, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn, außerdem war keine Vorband angekündigt.

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Bildmaterial: © Arne Rucks

Der Sänger stellt die Band vor, benutzt aber bei seinen Ansagen einen Stimmverzerrer, sodass er eine tiefe Roboterstimme bekommt. Der Effekt ist cool, nur leider verstehe ich den Bandnamen ebenso wenig wie die Umstehenden, mit denen ich ins Gespräch komme. Die online-Recherche ergab: Es handelt sich um Der Ringer. Die fünf Bandmitglieder erweitern die übliche Bass-Gitarre-Schlagzeug-Kombi noch um einen Synthesizer plus Laptop, Keybord und einer E-Drum. Sie spielen eine Art Noise angehauchten Avantgarde-Pop, mal ruhiger und mal rockiger. Sie selbst beschreiben ihre Musik als Soft Punk und erfinden sich so eine neue Schublade. Der Sänger erinnert mich in seinem Aussehen und auch in seiner Art auf der Bühne tatsächlich an Ian Curtis von Joy Division. Mit den deutschen Texten passen sie hervorragend zu Isolation Berlin, und je länger der Gig dauert, desto besser gefallen sie mir.

In der Umbaupause komme ich mit ein paar Leuten ins Gespräch. Jeder hat einen anderen musikalischen Background, und jeder hat einen anderen Lieblingssong von Isolation Berlin. Die Band scheint verschiedenste Menschen zu vereinen, und so ist das Publikum bunt gemischt durch alle Altersklassen, auch wenn viele verdächtig „studentisch intellektuell“ wirken. Für die Fotos stehe ich vorne am Bühnenrand, und das ist mein Glück, denn mittlerweile ist es so voll, dass man nur hier noch vernünftig atmen kann.

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Bildmaterial: © Arne Rucks

Gegen halb zehn betreten Tobias Bamborschke, Max Bauer, Simeon Cöester und David Specht die Bühne und das Konzert beginnt mit „Produkt“, das wie auf dem aktuellen Album Und aus den Wolken tropft die Zeit als Intro fungiert. Tobias singt „Ich lebe für Applaus bis der Vorhang fällt“, und Applaus gibt es reichlich. Dann folgt direkt die Single „Annabelle“, die begeistert aufgenommen wird. „Fahr weg“ wird von vielen mitgesungen, bevor zwei Lieder weiter endlich „Alles Grau“ folgt, für das alleine sich dieses Konzert für mich schon gelohnt hätte. Wenn ich die Augen schließe, könnte wirklich Rio Reiser vor mir stehen.

„Ich wünschte, ich könnte“ schraubt sich langsam in die Höhe, und bei den wiederholten Textzeilen „Ich will doch nur gefalln“ versteht manch einer vielleicht Gewalt statt gefalln, jedenfalls bricht vor Begeisterung spontan der Pogo aus, und an weitere Bilder ist nicht mehr zu denken. Ist das sonst in der Regel eine sehr männlich dominierte Ausdrucksform, ist das Verhältnis heute völlig ausgeglichen, und die Damen mischen ordentlich mit. „Ich küss Dich“ zeigt Einflüsse von Warsaw, die dann zu Joy Division umbenannt wurden, und ein Song später ruft jemand vom Pogo erschöpft: „Wir können nicht mehr!“, worauf Sänger Tobias grinsend entgegnet: „Ach so? Naja denn …“ und tut so, als ob er die Bühne verlässt. Es gibt allgemeines Gelächter und sanfte Gewaltandrohung an den Zwischenrufer, der daraufhin verspricht, nichts mehr zu sagen. Dann rockt „Prinzessin Borderline “ los, der wir nur allzu willig in den Untergang folgen, bevor mit dem genialen „Körper“, das den Einstürzenden Neubauten in nichts nachsteht, das Konzert kurzzeitig endet.

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Bildmaterial: © Arne Rucks

Die Band kehrt sogleich zur Zugabe zurück und spielt eine punkige Version von „Meine Damen und Herren“, bevor das selbstbetitelte Isolation Berlin intoniert wird, das mich live wirklich stark an Ton Steine Scherben erinnert und in einer Lärmorgie endet. Wieder verabschiedet sich die Band vom Publikum, das allerdings nicht locker lässt, und so spielen sie eine weitere, nicht geplante Zugabe. „Herz aus Stein“ beendet den Abend und wird mit Orgelbegleitung in einer balladesken Weise vorgetragen, die mich an Marlene Dietrich oder Nina Hagen denken lässt. Die Töne sind von Tobias nicht immer hundertprozentig getroffen, das macht aber überhaupt nichts, da es so sehr authentisch rüberkommt und einen wunderschönen Abschluss bildet wie schon auf dem dazugehörigen Album Und aus den Wolken tropft die Zeit und somit den Kreis wieder schließt. Das Publikum bleibt zurück mit Gefühlen irgendwo zwischen Euphorie und Trauer, schließlich beginnt morgen wieder der Alltag, in dem wieder „Alles grau, alles grau in grau“ sein wird. Aber immerhin haben wir „keine Angst vor’m Sterben mehr“.

Fazit: Es war ein genialer Abend mit zwei tollen Bands, wie sie in ihrer Art nur die Städte Hamburg bzw. Berlin hervorbringen können. Man merkte allen Musikern den unbedingten Willen und die Lust auf die eigene Musik deutlich an, und dass sie wirklich dafür brennen. Das passiert nicht oft bei jungen Bands und in letzter Zeit fallen mir da nur noch The Red Paintings aus Australien ein, die letztes Jahr Vorband bei Die Krupps waren. Außerdem wurde es wirklich einmal Zeit, dass es nach Ton Steine Scherben und Rio Reiser wieder eine Band gibt mit intelligenten deutschen Texten fernab von Deutschtümelei und Betroffenheitspop, in denen man sich verlieren kann. Außer den Einstürzenden Neubauten gab es bislang kaum jemanden, der die Lücke nach dem Tod von Rio Reiser halbwegs füllen konnte.

Habe ich heute die neuen Könige von Deutschland live gesehen? Nun, das Potential dazu haben sie meiner Meinung nach. Es bleibt nur zu hoffen, dass Isolation Berlin trotz des momentanen Hypes (zum Beispiel Artikel im Spiegel und der Zeit) nicht die Bodenhaftung verlieren und im Indie-Bereich bleiben. Alles andere würde nicht zur Band-Attitüde passen.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist:
Produkt
Annabelle
Fahr weg
Du hast mich nie geliebt
Aufstehen, losfahren
Alles Grau
In manchen Nächten
Ich wünschte ich könnte
Ich küss Dich
Der Bus der stillen Hoffnung
Prinzessin Borderline
Körper

Meine Damen und Herren
Isolation Berlin

Herz aus Stein

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2 Antworten
  1. Michael Teuber
    Michael Teuber says:

    Scheint ja ne Entdeckung für WGT zu sein. Danke für diesen lebendigen und interessanten Bericht

  2. Mrs. Hyde
    Mrs. Hyde says:

    Nur leider spielen sie nicht auf dem WGT, das ist vielleicht ein Mißverständnis. Die Entdeckung war ein purer Youtube Zufall.

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