Konzert: 13.09.15 – MUK.E – Aspects of electronic Music, FZW Dortmund

Aspekte elektronischer Musik

 

p1000878Powernoise, Noise, Drum’n’Noise, allgemeine Synthie- und Elektronikspielereien und alles, was im härteren, abgefahreneren Bereich damit zu tun hat, ist in München leider chronisch unterrepräsentiert – sowohl auf Partys als auch live. Der Auftritt von Winterkälte auf dem diesjährigen DMF war da schon eine echte Ausnahme und ein großes Highlight, wenn man aber mehr aus dieser Musikrichtung hören und nicht bis zum WGT warten will (wo es traditionell an zwei Tagen Krachbands zu hören gibt), dann muss man sich in den Zug setzen und zum Beispiel nach Dortmund fahren. Dort fand am 13.09.15, einem Sonntag, das 3. MUK.E-Festival statt, mit elektronischen Highlights wie Moogulator, Cervello Elettronico, The Hacker und natürlich Winterkälte. MUK.E wird präsentiert vom MUK e.V. und dem Hands-Label.

p1000842Das FZW ist eine schöne Konzertlocation in direkter Nachbarschaft zum Dortmunder Hautbahnhof, was Anreise, Übernachtung und nächtliches Heimkommen nach dem Konzerttag sehr erleichtert. Nachmittags um drei geht es bereits los, die ersten Soundfetischisten versammeln sich schon in der großen Halle, um dem ersten Set des in Solingen beheimateten Moogulator zu lauschen, der sein Equipment vor dem Mischpult aufgebaut hat – ungewöhnlich, aber auch sehr viel intensiver und direkter als ein Standort auf der Bühne. So kann man dem Künstler buchstäblich auf die Finger schauen, wie er auf verschiedenen Synthies, Grooveboxen und dem danebenstehenden analogen Modularsystem eindringliche und äußerst vielschichtige Soundlandschaften erzeugt. Für mich als technischer Laie toll, das mal aus der Nähe sehen zu können, und absolut faszinierend.
p1000860Danach verlagert sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden Richtung Bühne, wo der Grieche hyDrone gerade Laptop und andere Geräte aufbaut. hyDrones Musik ist sehr ambientlastig und dementsprechend ruhig, mit wenig Ausbrüchen oder Höhepunkten. „Dahinplätschern“ wäre zu negativ – ein langer, ruhiger, sehr düsterer Fluss beschreibt es besser. In sich sehr gut gemacht, aber für Dark Ambient ist es mir an diesem Nachmittag ein wenig zu früh, nachdem Moogulator einen gerade ein wenig in Stimmung gebracht hat, und ich verziehe mich bald nach draußen (wo man auch alles noch gut mithören kann).
p1000865Der Dortmunder Marsen Jules schlägt, nachdem einige technische Probleme bewältigt werden mussten, musikalisch in eine ganz ähnliche Kerbe, auch hier dominieren langsame, sphärische, ambientlastige Töne. Das hat ebenfalls seinen ganz eigenen Reiz – und ist mir ebenfalls für die frühe Uhrzeit zu schleppend, zu einlullend und auch nach hyDrone ein bisschen zu viel gleicher Sound. Daheim im verdunkelten Wohnzimmer funktionieren Marsen Jules aber ganz hervorragend.
p1000854Als Nächstes steht noch mal Moogulator auf dem Programm – ein geteiltes Set ist etwas ungewöhnlich, vielleicht mussten einige Geräte umgestöpselt und neu eingestellt werden, was die Auftrittspause natürlich rechtfertigt. Die zweite Spielzeit gerät etwas tanzbarer und heftiger, beschreiben lässt sich Moogulators Sound schlecht, am besten selbst reinhören. Filigran und mächtig, perfekt aufgebaut, voller Feinheiten, vielschichtig, und alles in Handarbeit. Wow!
Noch tanzbarer wird es danach mit dem amerikanischen Projekt p1000894Cervello Elettronico, bei dem es auch langsam richtig voll vor der Bühne wird. Richtig lärmig und hart ist die Musik nicht, ein wenig unterkühlt, aber unglaublich lässig und wirklich mitreißend. Unaufgeregt und sehr professionell, untermalt von ebenso unaufgeregten, aber absolut passenden Videoanimationen. „Dark Techno“ las ich in der Ankündigung des FZW – ja, das könnte passen.

 

p1000901Etwas hektischer wird es dann mit dem Amerikaner End.User, der für naturgemäß etwas zappeligere Drum’n’Bass-Klänge steht. Drum’n’Bass muss man mögen – ich kann schon was damit anfangen, aber eine ganze Konzertlänge ist mir oft zu eintönig, was leider auch hier eintritt, auch wenn End.User immer wieder bekannte Lieder in seinen Sound mixt, die einen aufhorchen lassen. So zum Beispiel bei „2/3“, in dem plötzlich Tasmin Archer „I blame you for the moonlit Sky“ aus „Sleeping Satellite“ ertönt – schöne Überraschung! Das Publikum ist insgesamt begeistert und schwingt eifrig das Tanzbein, das ist schließlich das Wichtigste.
p1000905Außerdem schadet ein wenig unkomplizierte Musik gar nichts, wenn danach die mighty Winterkälte auf dem Programm stehen. Drum’n’Noise vom Feinsten, intelligente Brachialität, Lärmgewitter, zwei Musiker mit mächtig Spaß in den Backen, eine ekstatisch tanzende Menge vor der Bühne – mehr muss man dazu gar nicht mehr sagen. Die beiden Herren Udo Wiessmann und Eric de Vries sind live einfach eine Macht.

p1000928Ganz anders und für den heutigen Konzerttag extrem ungewöhnlich präsentieren sich danach die Spanier Esplendor Geométrico, die es auch schon seit 35 Jahren gibt. Elektronische Musik mit an Alien Sex Fiend erinnernden Vocals und einem manisch über die Bühne rennenden Sänger – das ist bei den bisherigen (fast) nur Ein-Mann-Projekten doch mal eine Abwechslung. Für Nicht-Fans ist das allerdings äußerst gewöhnungsbedürftig und nach dem langen Tag schwer zu ertragen. Musikalisch fehlt sich da gar nichts, ein bisschen Stimmvariation wäre hier meiner Meinung nach jedoch besser. Viele hören sich den Auftritt aus dem Vorraum oder dem Biergarten an, der wirklich überhaupt nicht schlecht ist, aber eben etwas anstrengend.
p1000945Und schließlich wartet ja noch der Headliner des Tages, das musikalisch vermutlich abseitigste Projekt, aber doch ein echter Leckerbissen für die Fans elektronischer Musik: The Hacker, ein französischer DJ, der vor allem durch seine Kollaboration mit Miss Kittin bekannt geworden ist. Dementsprechend technoid und clubtauglich ist sein Set auch, mir gefällt das ausgesprochen gut, auch wenn es sehr viel weniger Rumms hat als andere Bands des Tages. Der Mann ist erfahren und versteht sein Handwerk, auch wenn bei der Präsentation seiner Musik tatsächlich weniger „Handwerk“ dabei ist als bei den anderen Künstlern – seine Kunst liegt im perfekten Mischen vorhandener Sounds. Ein äußerst tanzbarer und auch etwas ohrenschonenderer Abschluss!

Fazit: Die weite Anreise nach Dortmund hat sich voll und ganz gelohnt, meine Highlights Moogulator, Cervello Elettronico und Winterkälte haben meine Erwartungen voll und ganz erfüllt, The Hacker war eine für mich sehr interessante Überraschung (Bildungslücke, wirklich), und hyDrone und Marsen Jules werde ich sicher daheim noch mal in Ruhe nacharbeiten. End.User und Esplendor Geométrico haben natürlich auch gute Auftritte abgeliefert, auch wenn sie meinen persönlichen Geschmack nicht immer getroffen haben.
Vielen Dank an die Organisatoren dieses für uns Bayern extrem ungewöhnlichen Minifestivals, das hoffentlich nächstes Jahr wieder stattfinden wird!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

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(Bilder sind leider nur mit der Hosentaschenkamera geschossen, ich bitte die Qualität zu entschuldigen.)

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