Valentinstanz

Große Ereignisse werfen ihre Schatten weit voraus, in diesem Fall ein gemeinsamer Katzenclub von Emmon und Klangstabil. Langes Warten heißt aber immerhin auch lange Vorfreude auf zwei außergewöhnliche Bands, die beide auf ihre Weise wahre Kraftpakete und von durchschlagender Wucht sind. Das Katzenclub-Team hat ja schon seit Beginn der Veranstaltungsreihe ein hervorragendes Händchen dafür, alte Helden und von manchen noch zu entdeckende neue Lieblingsbands zu kombinieren, und das gelingt den Veranstalter*innen auch heute wieder. Mit Emmon aus Schweden eröffnet ein Act den Abend, der schon lange – mit einigen Jahren Pause – im Heimatland aktiv und geliebt ist und in Deutschland wunderschönerweise auch immer mehr Fans gewinnt. Und mit Klangstabil – ebenfalls nach langen Jahren Pause wieder aktiv – steht ein früherer Stammgast des Katzenclubs wieder im Feierwerk auf der Bühne. Elektronische Musik vom Feinsten also!

DSC_2693-20Als Emma Nylén und Jimmy Monell aka Emmon vor zwei Jahren das erste Mal beim Katzenclub gespielt haben (an Ostern), war das wegen ausgefallenem Flug in Stockholm und hektischem Umbuchen für alle Beteiligten eine etwas nervenzehrende Angelegenheit, dieses Jahr reisen Emmon entspannt aus Hannover an, wo sie am Abend zuvor in der SubKultur gespielt haben. Pünktlich geht’s los mit „Neon brown“ vom aktuellen und rundum fantastischen Album Icon, und Emma wirbelt vom ersten Moment an so energisch über die Bühne, dass man einfach mittanzen muss. Jimmy zaubert im Hintergrund ebenso vom ersten Moment an einen so dichten EBM-Electro-Sound aus seinen Geräten, dass der Boden bebt. Und man natürlich mittanzen muss, ganz klar. Schlag auf Schlag geht es weiter, Emmas Lederjacke fliegt schon bald in die Ecke, die Temperaturen steigen, die Beats werden härter, we can see the light bei „Dark“, und als Emma vor „Purebloods“ um unsere gesangliche Mithilfe bittet, weil ihr Duettpartner Emanuel von Agent Side Grinder heute Abend leider nicht dabei sein kann, kommen wir dem nur zu gern nach. Überhaupt, „Purebloods“! Was für ein Banger von der Comebackscheibe Recon aus dem Jahr 2022! Aber Moment mal, wieso Comeback? In Deutschland werden Emmon ja erst seit zwei, drei Jahren etwas bekannter, doch es gibt sie bereits seit 2001! Zuerst als Soloprojekt und da eher im Electroclash beheimatet, seit 2010 dann mit Lebens- und musikalischem Partner Jimmy aka Mr. Monell, bis die beiden dann ab 2014 eine längere Pause mit Emmon eingelegt haben. (Mehr könnt ihr in unserem Band-der-Woche-Interview von vor zwei Jahren nachlesen). Außerdem war Emma übrigens bei der schwedischen Indie-Pop-Formation Paris aktiv, die dieses Jahr wieder einige Konzerte in Schweden spielen wird. Auch Mr. Monell ist in Schweden schon lange bekannt, etwa als Mitglied der April Tears (zusammen mit Christian Hutchinson Berg) oder als Produzent und Musiker des Kite-on-Ice-Spektakels vor gut einem Jahr im Stockholmer Globen (ich war dabei, und es war nicht von dieser Welt. Lest nach.). Aber zurück zum heutigen Abend … Nach diversen schweißtreibenden Krachern ist auch Zeit für melancholische Töne und das wunderschön-dystopische „No man’s land“, das sich sofort in Herz und Gehörgänge frisst. Auch „Shades of blue“ ein wenig später betört mit Ohrwurmrefrain, bevor Emma „this handsome man on my side“ vorstellt, Mr. Monell. Bei den letzten drei Songs geben die beiden noch mal alles, „Like a drum“ fräst sich hypnotisch durch den Raum, „Speak to me“ ist eine energische Aufforderung, allgegenwärtige Schönheitsideale infrage zu stellen, und beim Hit „Machines“ vom Album Recon steht dann wirklich keiner mehr still. Was für ein Abriss! Emma und Jimmy freuen sich sichtlich über den verdienten Jubel und verabschieden sich strahlend an den Merchstand, wo sie noch lange umringt werden. Tack så himla mycket!

Setlist:
Neon brown
Hard drive
Dark
Decisions
Purebloods
Relics
No man’s land
Cold within
Shades of blue
Like a drum
Speak to me
Machines

DSC_3010-55Nachdem Emmon uns allerbestens aufgewärmt haben – und die Kranhalle mittlerweile auch bis zum letzten Winkel voll ist -, ist es dann auch schon bald Zeit für Klangstabil. Eigentlich muss man nicht mehr viel zu Boris May und Maurizio Blanco sagen (ich tu’s aber doch), so deutlich sind die Spuren, die die beiden Elektroniktüftler seit dem Debütalbum Böhm, Gott der Elektrik aus dem Jahr 1997 hinterlassen haben. Kühle, komplexe und experimentelle Klänge, tief persönliche Lyrics, emotionale Live-Auftritte – dafür stehen Klangstabil. Seit vielen Jahren gehören vor allem die großen Hits der späteren Veröffentlichungen zum Pflichtprogramm vieler Partys, und Songs wie „Vertraut“ (das Originalcover wurde übrigens von Aiga Rasch gestaltet – Illustratorin der ???-Reihe!) oder der „Schattentanz“ haben auch viele Jahre nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Intensität und ihrem Zauber verloren. Insgesamt neun Jahre war es ruhig um Klangstabil, bis die Ankündigung des Comeback-Auftritts auf dem NCN 2024 für große Aufregung gesorgt hat. (Und es war toll!). Seither haben Boris und Maurizio eine ganze Reihe von Konzerten gespielt, u. a. auf dem WGT und dem Amphi, und heute sind sie endlich auch wieder beim Katzenclub, bei dem sie früher quasi Stammgäste waren (oder Boris als DJ Shadowboy). Nachdem Boris wie üblich Schuhe und Strümpfe abgelegt hat und das Intro erklungen ist, geht es sofort mit einem neuen Song los – „To be honest“, den die beiden bereits einige Male live gespielt haben, der aber noch nicht offiziell veröffentlicht ist. Er reiht sich in Sachen Intensität und Komplexität nahtlos in die älteren Stücke ein und lässt auf noch mehr neues Material von Klangstabil hoffen. „Pay with friendship“ hat damals bei Erscheinen durch die dezenten Rap-Vocals überrascht, vor allem aber durch den Text – „With what I pay comes from my heart, I pay with friendship“ – sofort überzeugt. Und das ist auch heute noch so. Boris hetzt ruhelos über die Bühne, shoutet die Vocals in die Menge, geht wie immer völlig in den Songs auf. Wie viel Kraft das kosten muss, merkt man zwischendurch, wenn er sich mal nach hinten in den Schatten zurückzieht und die Blicke sich auf Maurizio an den Geräten richten. „Push yourself“ ist hier nicht nur Songtitel. Nach einem emotionalen Zwischenruf von Boris („Ich will diese Scheißnachrichten nicht mehr hören!“) folgt das intensive „Lauf, lauf!“ – „dein Blut, dein Schweiß, keiner hört, dass du schreist, wenn du schweigst“. Sehr mächtig wird es auch beim „Schattentanz“, DER Hymne, die sich so perfekt aufbaut bis zur musikalischen Explosion – die sich natürlich auch auf die Tanzfläche überträgt. Der Schlüsselsatz „I create you destroy“ ist längst untrennbar mit Klangstabil verbunden. Nach „Love has too much audience“ merkt man schon, dass Boris die (emotionale) Energie etwas ausgeht, „schaun wir mal, wie es weitergeht, ich habe keine Ahnung“, sagt er. Es folgt … ein zweites Mal „Math & emotion“, aber das macht gar nichts, denn auch dieser Song ist im Lauf der Jahre zu einer Klangstabil-Hymne geworden. Sogar zu einer Zugabe lässt sich Boris vom jubelnden Publikum und dem verschmitzt grinsenden Maurizio animieren, doch nach „Twisted words“ und „Bottom of your list“ ist endgültig Schluss. Sehr schade, denn ich persönlich hätte noch auf „Vertraut“ und „Perdere per vincere (The Italian opening)“ gehofft, aber dann eben bei anderer Gelegenheit. Auch Boris und Maurizio werden am Merch noch umlagert, und geduldig stehen sie für Gespräche, Fotos und Autogramme zur Verfügung. Vielen Dank!!

Setlist:
Intro
To be honest
Pay with friendship
Math & emotion (square root of one)
Push yourself
Lauf, lauf!
You may start
Schattentanz
End of us
Love has too much audience
Math & emotion

Twisted words
Bottom of your list

Was für ein Abend! Zwei hochklassige Acts, die auf ihre Art gezeigt haben, wie vielfältig und kraftvoll elektronische Musik sein kann, wie emotional und durchschlagend, wie lange in der Seele nachklingend. Und dabei ist der Abend ja noch lange nicht vorbei, die Party auf zwei Floors wartet noch und ist so rappelvoll wie zuvor schon die Konzerte. Vielen herzlichen Dank den Veranstalter*innen, Emmon (und Anja Böttcher), Klangstabil, allen DJs, dem Feierwerk und vor allem den Gästen, die diesen Abend zu einem solchen Erfolg gemacht haben. Happy Valentine’s Day? Happy Katzenclub Day!

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