Konzert: 16.06.18 Winterkälte + P·A·L @Dark Infection, Feierwerk Orangehouse, München

Lärmglück in München

Der Süden Deutschlands ist traditionell nicht gerade verwöhnt mit Veranstaltungen aus den Bereichen Industrial, Noise, Rhythm ‘n‘ Noise und generell härterem, experimentellem Elektro. Die Dark-Infection-Partyreihe, die es seit Januar 2017 gibt, ist da in München ein echter Lichtblick, und besonders groß war die Freude, als die Veranstalter nach zwei reinen Partyabenden (Januar 2017 und 2018) für den Juni 2018 eine Konzert- und Partynacht in Aussicht stellten. Mit den Szeneurgesteinen P·A·L und Winterkälte konnten hierfür zwei echte Schmankerl gewonnen werden. Das kann ja nur ein großartiger, schweißtreibender Abend werden, weshalb sich am 16.6. eine durchaus ansehnliche Zahl Lärmfreunde von nah und fern im Feierwerk Orangehouse versammelt.

_DSC2580Nachdem Udo Wiessmann sich am DJ-Pult schon mal warmgemacht hat, gibt Christian Pallentin aka P·A·L pünktlich um zehn das „Signal“ und eröffnet seinen Auftritt, den er allein und hochkonzentriert hinter den diversen Gerätschaften absolviert. Die allermeisten Songs begleitet er nebenbei noch mit Drumsticks, was dem Ganzen einen ordentlichen Wumms verpasst, und schon nach kurzer Zeit bewegen sich die ersten Zuhörer auf der Tanzfläche. P·A·Ls spannender und facettenreicher Industrial geht super in die Füße, lädt aber auch genauso zum aufmerksamen Zuhören ein, so viele Details und Samples verstecken sich in Songs wie „The chase is better than the catch“, „I set my dog on fire“, „k-schwarz“ oder „Never forget“. P·A·L konzentriert sich allein auf die Musik und gibt sich sympathisch unprätentiös, selbst der absolute Szenehit „Das Gelöbnis“ wird ohne Ankündigung als fünfter Song mitten im Set einfach gespielt und nicht etwa für die Zugabe aufgehoben. Das spricht für die Stärke des gesamten Sets, in dem es für alle, die tatsächlich bisher hauptsächlich „Das Gelöbnis“ kannten, viel zu entdecken gibt. Hin und wieder greift P·A·L auch selbst zum Mikro, so zum Beispiel bei der Zugabe, was den so introvertiert wirkenden Künstler ein wenig nahbarer macht. Ein trotz aller persönlicher Zurückhaltung leidenschaftlicher Auftritt, der uns alle sehr gut aufwärmt für die Lärmwände, die da noch kommen werden.

_DSC2723Winterkälte – das ist nicht nur meine bevorzugte Jahreszeit, sondern auch einer der beständigsten und kompromisslosesten Acts aus dem Bereich Rhythm ’n‘ Noise, oder in diesem Fall Drum ’n‘ Noise. Seit Anfang der Neunziger verpacken Udo Wiessmann und Eric de Vries ernste Themen wie Umweltverschmutzung und den zerstörerischen Umgang mit natürlichen Ressourcen in brachiale Soundwände und höchst tanzbare Rhythmen. Winterkälte haben mit Alben wie Structures of deconstruction, Drum ’n‘ Noise oder Disturbance (alle auf dem hauseigenen Hands-Label erschienen) nachhaltigen Einfluss auf die Industrial- und Noiseszene ausgeübt und gehören nach wie vor zu ihren wichtigsten Vertretern. Vor allem die Livekonzerte sind ein Genuss – was bei reinen Elektronikacts ohne Gesang ja nicht immer selbstverständlich ist. Vom ersten Moment wird man von den Soundstrukturen mitgerissen, die Füße zucken, der Kopf nickt, und schon hat man sich in Trance getanzt. Dabei sollte man aber auch immer wieder einen Blick zur Bühne werfen, denn auch wenn Udo und Eric hinter Synths bzw. Drums wenig Bewegungsspielraum haben, passiert da richtig viel. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die beiden den ganzen Auftritt über stumm mit Blicken und Mimik kommunizieren und sich dabei in einen richtigen Rausch spielen – der sich natürlich auch auf das Publikum überträgt. Das passiert heute auch wieder, und ich befinde mich in einer Menge glücklich tanzender Menschen, die sich von brachialstem Sound, der aber klar und präzise vorgetragen wird, mitreißen lassen. Ein Auftritt von Winterkälte ist alles andere als kalt, sondern verdammt schweißtreibend, und das ist gut so.

Wer nach dem Konzert noch nicht genug hat, kann sich dann auf der anschließenden Party, auf der Udo und DJ Mephisto abwechselnd auflegen, die Socken durchtanzen – was leider von nicht mehr allzu vielen Menschen angenommen wird. Das Orangehouse leert sich doch sichtlich, aber wer durchhält, wird mit erstklassigem Sound auf der Tanzfläche belohnt. Ein großer Dank an alle anwesenden Künstler, Nicola mit dem fürs Portemonnaie gefährlichen Hands-Merchandise-Stand und die Veranstalter für diesen bemerkenswerten und wirklich tollen Abend in München!

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